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13/08/08

Kult um die Maschine

Der Kult um den Kaffee, insbesondere um den café, den caffè oder den espresso, hat nicht nur längst Einzug in die schicken Innenstadt-Cafés und Segafredo-Bars gehalten, in denen charmante Italiener jedem Gast gekonnt den Kaffee servieren, den er persönlich bevorzugt. Inzwischen ist der Kult auch zu Hause eingezogen und hat sich von einem Kult rund um den Kaffee zu einem Kult um die (Kaffee-)Maschine entwickelt.

Wäre doch gelacht, wenn man es nicht schaffte, zu Hause einen ebenso edlen Kaffee in die Tasse zu zaubern wie der Barista Luigi – das ist schließlich nur eine Frage des Equipments. Und das lassen sich passionierte Kaffeetrinker einiges kosten. Die Werbung wartet mit wirkungsvollen Tricks auf, die potentielle Käufer von der ultimativen Maschine überzeugen sollen.

Interessant ist die ganz eigene Sprache, die sich Espresso-Maschinen-Hersteller einfallen lassen, um ihre Produkte den Kunden schmackhaft zu machen. So erklärt ein Schweizer Elektrogerätehersteller zu einem vollautomatischen Produkt, dass sich "mit der Sensitive Touchscreen Technology© das wohl fortschrittlichste Mensch-Kaffeemaschine-Interface anbiete". Alles klar? – Außerdem wirbt dieselbe Firma mit einer "Internet Connectivity" für ihre Espresso-Maschinen – und das nicht etwa in englischsprachigen Broschüren, sondern bei deutschsprachigen Kunden. Diese Option erlaube die Möglichkeit, das "Kaffeegenuss-Verhalten des Kunden statistisch zu erfassen". Will ich das?

Synthese von Ingenieurkunst und Design

Wirklich kundenfreundlich erscheint dagegen die Möglichkeit, die Begrüßung der Kaffeemaschine individuell anzupassen: Was kann es Schöneres geben, als an einem verschlafenen Morgen von seiner Espresso-Maschine mit "Schön, dich zu sehen!" oder mit "Happy Birthday!" oder aber mit "Schon wieder verschlafen!" begrüßt zu werden? Der Fantasie sind – im Rahmen von 26 Zeichen – keine Grenzen gesetzt.

Ein weiterer verkaufsfördernder Faktor einer Espressomaschine ist – neben Qualität und besonderen technologischen Fähigkeiten – zweifellos das Design. Edelstahl, Aluminium, Chrom, Platin-Finish und "illuminierte Symbole" locken Käufer, die nicht nur eine Kaffeemaschine, sondern auch einen dekorativen Hingucker für ihre Wohnung wünschen. Eine smarte Tassen-Beleuchtung zum Beispiel setzt den Espresso ins rechte Licht und macht die Espressomaschine zum Design-Objekt.

Kaffee aus Kapseln

Besonders begehrt sind – aktuellen Verkaufszahlen zufolge – auch Espressomaschinen mit dem sogenannten "Kapselsystem". Mehrere Hersteller bieten also Espressomaschinen an, in die man kleine Metallkapseln einführt, aus denen sich der Kaffee in exakter Menge in die Tasse füllen lässt. Eine sehr "saubere" Art des Kaffeekochens und "eine Synthese von Ingenieurkunst und Design" verspricht der Hersteller. Welcher Espresso-trinkende Ingenieur könnte dazu schon nein sagen?

Dabei wirken die Accessoires rund ums das Kapsel-Espressomaschinen-Modell wie ein luxuriöser Kaufladen für große Kinder: Die Kapseln sind in leckeren Bonbon-Farben erhältlich; der Kaffee hat so appetitliche Namen wie "Volluto", "Ristretto", "Così" oder "Livanto". Zur Aufbewahrung der bunten Kapseln dient eine Kapselschatulle aus exotischem Ebenholz. Dazu passt wunderbar die Zuckerdose aus Leder. Vermutlich werden die edlen Schatullen bereits so eingesetzt wie seinerzeit die alte Briefmarkensammlung: "Darf ich dir meine Nespresso-Sammlung zeigen?"

Deutschlands Espressopapst Holger Maschke hält das Kapselsystem für einen cleveren Marketingcoup, aber das Ergebnis für höchstens mittelmäßigen Kaffee. Der Kunde werde durch ein ausgeklügeltes System an die jeweilige Marke gebunden, denn Nachschub an Kapseln kann man nur im Internet, per Telefon oder direkt in einer der wenigen exklusiven "Boutiquen" erhalten. Die einzelne Tasse Kaffee wird mit 32,- Cent pro Portion übrigens vergleichsweise teuer.

Der Berliner Espressoexperte Maschke erkennt bei seiner Klientel zurzeit einen Trend hin zu semiprofessionellen Geräten. So eine Espresso-Maschine kostet gut und gerne 1500,- Euro und schindet bei Gästen enorm Eindruck. Schließlich ähnelt ein solches Gerät schon sehr einer Kaffeemaschine wie sie in Cafés und Bars zum Einsatz kommt. Der Kaffee ist von hervorragender Qualität.

Und trotzdem ist die Existenz der italienischen Espressobar um die Ecke noch immer nicht bedroht. Alles kann man nämlich nicht nach Hause ordern: nicht Luigis charmantes Lächeln!


Text: Katja Dünnebacke


Erstellt: 02-12-05
Letzte Änderung: 13-08-08