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01/10/13

Interview mit dem Dirigenten Herbert Blomstedt

Von 1999 bis 2005 leitete Herbert Blomstedt als Kapellmeister das renommierte Leipziger Gewandhausorchester


"In der klassischen Musik lernt man ideale Demokratie"


- Sie werden in diesem Jahr 80 Jahre alt; hätten Sie je gedacht, dass Sie in diesem Alter noch am Pult stehen?
Daran denkt man nicht , wenn man jung ist... und jetzt übrigens auch nicht (Lachen)
- Dirigenten leben angeblich sehr lange- heißt es...
Oh. es kann auch sehr abrupt enden (Lachen)... Aber warum sollten wir so lange leben?
- ... weil Dirigenten über die Dinge bestimmen können...
Ach, das ist wie viele Wahrheiten auch nur eine halbe Wahrheit (Lachen)
- Sie haben bei Igor Markewitsch studiert, waren u.a. Chef der Osloer Philharmoniker, in San Francisco, in Dresden an der Staatskapelle zu DDR-Zeiten, nach der Wende dann Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Wo haben Sie am nachhaltigsten gelernt?
Ich bin eigentlich ein langsamer Lerner und lerne bis heute noch. An einem probefreien Nachmittag dieser Tage ging ich hier in Helsinki spazieren, um meine Grundschule zu sehen, auf der ich in den ersten Jahren war. Das muss so um 1934 gewesen sein. Die Schule steht noch da und ich dachte mir nur: hier hat die Schule angefangen und es hat immer noch nicht aufgehört. (Lachen) Ich habe fünf Jahre hier gelebt, dann ging die Familie nach Schweden, wo ich die meiste Zeit meines Lebens gelebt habe.
- Ihr Vater war Theologe?
Ja und meine Mutter war Pianistin; sie wurde in Chicago ausgebildet, sie stammte aus einer schwedischen Emigrantenfamilie in Colorado, einer Bauernfamilie, die auch ein Spielmannsgeschlecht war. Sie musizierten auf Hochzeiten usw.. Doch die haben an das Talent meiner Mutter geglaubt, denn sie schickten sie nach Chicago; das waren ja zwei Tagesreisen von Colorado entfernt.
- Vom Vater die Statur, von der Mutter die Natur?
(Lachen) Von ihr habe ich sehr viel Phantasie und Sensibilität mitbekommen, sie war die typische Romantikerin. Chopin, Schumann, Liszt, Rachmaninoff, das war ihre Musik. Damit bin ich aufgewachsen. Meine Mutter erzählte mir, dass ich mich als Kind geweigert hätte einzuschlafen, wenn sie mir nicht noch ein Chopin-Prèlude vorspielte (Lachen). Ich habe in Chicago das Konservatorium besucht, an dem meine Mutter damals studiert hatte und habe in die Archive geschaut. Da sah ich die Karte mit dem Programm, das sie damals bei ihrem Diplom gespielt hat. Das war sehr bewegend für mich. Leider hat sie keine Karriere machen können, sie hat sehr früh Rheumatismus bekommen...
- Und Ihr Vater?
Der Vater war ein sehr moralisierender, eine sehr pflichtbewusster, hart arbeitender Mann, auch das ist mir sehr ins Blut gegangen. Alles stand im Dienste Gottes, er hat nichts für sich beansprucht. Das Geld war Gottes Geld, die Zeit war Gottes Zeit. Er hat uns höchste Verantwortung gelehrt. Er war auch sehr musikalisch.
- Von 1975-1985 übernahmen Sie die Leitung der Dresdner Staatskapelle; 1999 wurden Sie als Nachfolger von Kurt Masur Gewandhauskapellmeister in Leipzig. War das Musizieren in der DDR ein anderes als nach der Wende?
Musizieren in Orchestern auf diesem Niveau ist speziell und auch mit einer speziellen Ethik verbunden, da spielen die äußeren Umstände keine so große Rolle. Der Diktator ist für uns der Komponist; wir fragen uns: was will Beethoven, was will Bruckner, was will Bach? Was ein Herr Schröder oder ein Herr Ullbricht will, ist dabei völlig belanglos.
- Aber auch das, was der Dirigent will?
(Lachen) Die Lebensumstände waren natürlich sehr unterschiedlich. Das äußere Leben wurde beim Musizieren regelrecht abgeschaltet; Musik war in der DDR so etwas wie ein Atemloch in einem sonst sauerstofflosen Raum. Hier konnte man seine Gefühle auszuleben, Freiheit atmen, sowohl die Musiker als auch das Publikum. Die sind zu den Konzerten gekommen wie zu einem Fest, denn der Alltag war grau, manchmal tragisch und oft traurig. Aber im Konzert war Freiheit.
- Ist das Musizieren unter diesen Umständen dann nicht auch emphatischer?
Das ist schwer zu beurteilen. Natürlich wird die Persönlichkeit beeinflusst von dem, was draußen geschieht. Das habe ich besonders in Leipzig erlebt. So viele Jahre der Diktatur bleiben nicht ohne Spuren. Die Persönlichkeit wird gekappt.
- Wie macht sich das in der Orchesterarbeit bemerkbar?
Die persönliche Initiative ist nicht so selbstverständlich da. Es hat gedauert in Leipzig bis die Kollegen die neue Atmosphäre für sich nutzen konnten. Die waren so gewohnt auf Befehl zu reagieren, wobei man sagen muss, dass jeder einzelne je nach Persönlichkeit auf diese Umstellung unterschiedlich reagiert hat. Alle sind dankbar über die politische Freiheit, aber an die musikalische Freiheit mussten sich viele gewöhnen.
- Sie haben ja sehr viel dazu beigetragen. Sie haben das hierarchische, von den Amerikanern übernommene Prinzip mit dem Pultlöwen aufgebrochen und die deutsche Orchestersitzordnung wiedereingeführt mit ihrer alten kapellmeisterlichen Autonomie, der zufolge etwa die Geigen nicht mehr zusammen, sondern räumlich getrennt werden und gegeneinander antreten müssen....
Ja. Das hat aber auch bei mir etwas gedauert, mich dazu zu entschließen. Ich wusste natürlich, dass bis zum 2. Weltkrieg alle so gesessen hatten. Gustav Mahler hatte diese Aufstellung und man kann seine Musik auch so am besten realisieren. Das wusste ich schon als junger Mann, habe mich aber nicht getraut, dies umzusetzen. Erst 1995 entschloss ich mich dazu. Einer meiner größten Vorbilder ist Rudolf Kempe, der im Gegensatz zu seinen Kollegen als einer den wenigen an dieser Ordnung festgehalten hat Ich habe noch die Protokolle seiner Proben gesehen. Alle anderen haben die amerikanische Ordnung übernommen. Nach langem Hin und Her gelang es mir, den Vorstand im Gewandhaus zu überzeugen.
- Wieso waren die Musiker so dagegen?
Die zweiten Geigen fühlten sich von ihrem Lebensnerv, den ersten Geigen, getrennt. Sie waren wie eine Dame, die sich an ihren Tanzpartner schmeißt und führen lässt. Jetzt mit der neuen Ordnung mussten sie Selbstverantwortung übernehmen; die letzte zweite Geige sitzt vielleicht zwanzig Meter entfernt von der letzten ersten Geige. Sie haben akustisch keinen Kontakt.
- Die Selbstverantwortung führt ja zu mehr beruflicher Erfüllung unter den Musikern, denn Unzufriedenheit ist ja auch ein Problem unter Orchestermusikern.
Ja, sie wachsen daran und sind wesentlich erfüllter. Und nur so kann man den Partituren gerecht werden. Auch mein Nachfolger Riccardo Chailly hat das übernommen, worüber ich mich sehr gefreut habe.
- 1999 gründeten Sie auch ein Managment Symphony-Orchester, in dem der damalige Leipziger Bürgermeister und heutige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee am ersten Pult der Celli stand.
Herr Tiefensee war am Anfang dabei, aber ich glaube nicht am ersten Pult (Lachen) Wir haben uns sehr gefreut, dass er das macht. Auch sein Vorgänger im Amt ist Bratscher. Die Stadtväter von Leipzig pflegen die Musik, das charakterisiert diese Stadt, die sehr musisch ist. So etwas würde Ihnen in Berlin oder München nicht passieren.
- Eine naive Frage: Kann Musik bessere Politiker machen?
In der klassischen Musik lernt man ideale Demokratie, man lernt aufeinander zu hören, man lernt natürlich auch, wie wichtig die eigene Stimme ist, aber wie wichtig es auch ist, dass die eigene Stimme mit anderen Stimmen harmoniert. Alleingänge zerstören, man muss sich einen übergeordneten Zusammenhang stellen, dies ist in der Musik das Konzept des Komponisten, in unserer Gesellschaft die Stimme Gottes, die nicht abhängig ist von unseren Ideen, Eitelkeiten, Gefühlen. Die Partitur ist für mich ein übergeordneter kategorischer Imperativ, auch der Dirigent hat seinen Gebieter und sein Gebieter ist der Komponist. Das Unterordnen ist manchmal schwierig, das wissen wir, aber das kann man nur erreichen, wenn man die Musik liebt und sich ihr ergibt. Die Musik ist ein Symbol für das Leben.

Interview: Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: Thu Jan 25 10:14:00 CET 2007
Letzte Änderung: Tue Oct 01 14:21:40 CEST 2013