Schriftgröße: + -
Home > Film > Kubrick, Stanley > Kubrick und Lolita

Stanley Kubrick

Filmen, was noch niemand sah : Stanley Kubricks Kino der Grenzüberschreitungen. Interaktive Animation: Durchlaufen Sie die Filmographie von Stanley Kubrick in (...)

Stanley Kubrick

Stanley Kubrick - Reihe - 11/03/03

Kubrick und Lolita

von Lars Penning


"Das Leben als eine Serie von Gags": LOLITA (1962)


Eine Autofahrt im Nebel, ein schloßartiger Landsitz. Der Anblick der imposanten Eingangshalle beschwört den irrealen Eindruck des Schauplatzes einer römisch-antiken Orgie herauf. Während die Kamera dem Besucher, Humbert Humbert (James Mason), durch den Raum folgt, erkennt man die Details: überall leere Flaschen und Gläser, mit Laken verhangene Sessel, Gipsbüsten, eine Harfe.

Humbert ruft nach dem Besitzer des Gemäuers, dem Dramatiker und Drehbuchautor Clare Quilty (Peter Sellers), der sich, verschlafen und offensichtlich betrunken unter einem Laken versteckt, in einem Sessel in der Nähe der Eingangstür bemerkbar macht. Das Tuch wie eine Toga um sich geschlungen behauptet er, Spartakus zu sein: »Did you come to free the slaves, or something?« Doch Humbert ist nicht zu Scherzen aufgelegt – er ist gekommen, um Quilty zu töten.

Während jener weiter herumalbert (er nötigt dem verwirrten Humbert ein Pingpongspiel auf, imitiert beim Anblick von Humberts Pistole die Stimme eines Westernstars, streift sich Boxhandschuhe über), versucht Humbert verzweifelt, ihm die Gründe für den geplanten Mord auseinanderzusetzen: Quiltys Beziehung zu Dolores Haze (Sue Lyon), genannt Lolita, und – wie es in einem selbstverfaßten »poetischen« Todesurteil heißt, das er Quilty zu lesen gibt – »because you took advantage of my disadvantage«. Doch selbst als die ersten Schüsse fallen, kaspert Quilty weiter (wenngleich etwas panischer) und spielt am Klavier die Auftaktakkorde von Chopins Polonaise Nr. 3 in A-Dur, bei deren Klängen er Humbert vorschlägt, sich gemeinsam einen Text dazu auszudenken und die Profite zu teilen. Als Quilty schließlich zur Treppe flüchtet, trifft ihn ein Schuß. Verletzt schleppt er sich ins obere Stockwerk hinter das große Portrait einer im Stile des 18. Jahrhunderts gekleideten jungen Dame. Humbert, der inzwischen seine Pistole nachgeladen hat, feuert mehrfach durch das Gemälde hindurch.

Bereits die erste Sequenz, das vorweggenommene Ende der Geschichte, verdeutlicht, worin sich LOLITA, der Film, von Lolita, dem Roman, so grundlegend unterscheidet. Humbert, der Stiefvater und Liebhaber Lolitas – in Nabokovs Roman Täter und Opfer, diabolisches Monster und kläglicher Wicht gleichermaßen – wird bei Kubrick zum alleinigen tragikomischen Opfer. Ein Spielball der Interessen anderer Figuren, kaum mehr als ein Trottel: ausgenutzt von Lolita, veralbert von Quilty, betrogen von beiden. So wenig Humbert Quilty im Sessel neben dem Eingang bemerkt (und, selbst als Quilty sich schließlich erhebt, noch einmal nachfragen muß: »Are you Quilty?«), so wenig wird er Quiltys Maskeraden und Charaden im Verlauf der Handlung, die vier Jahre vor dem Mord einsetzt, durchschauen.

Kubricks LOLITA – zwar besitzt Nabokov den Leinwandcredit als Drehbuchautor, doch von seinem Skript ließen Kubrick und Co-Produzent Harris in ihrer Bearbeitung nicht viel übrig – ist die Parodie eines Melodramas, auch das wird in der Eingangssequenz bereits deutlich: Was Humbert, der betrogene Liebhaber, der seinen ewigen Konkurrenten erschießen will, tödlich ernst nimmt, ist für Quilty nur ein Spiel und nie etwas anderes gewesen. Humberts übersteigerte Gefühle werden von Quilty gnadenlos ridikülisiert: Nachdem er das mit viel Herzblut verfaßte "Todesurteil" mit den Worten "Ist das die Eigentumsurkunde der Ranch?" in Empfang genommen hat, liest Quilty es mit parodierender Westernstimme laut vor und macht es noch lächerlicher, als es sowieso schon ist.

Bis zuletzt bleibt Humbert gefangen in den Spielereien Quiltys, der ihm immer wieder jede Initiative entwindet.

Und so ist auch der Spartakus-Witz letztlich mehr als nur eine Anspielung auf Kubricks ungeliebtes Vorgängerprojekt (und auf Quiltys Sexsklaven, deren Vorhandensein im Roman viel deutlicher zum Ausdruck kommt). Denn Humbert ist tatsächlich erschienen, um zumindest einen Sklaven zu befreien: Mit den Schüssen auf Quilty – und das Frauenportrait, also symbolisch: Lolita – erklärt Humbert seine Unabhängigkeit.

Im Roman, Lebensbeichte und Rechtfertigungsschrift gleichermaßen, macht neben dem zynischen Ton die Diskrepanz zwischen Humberts Selbstwertgefühl und der traurigen Realität einen großen Teil sowohl des Witzes als auch der Tragik aus: Der Literaturdozent Humbert hält sich für einen kultivierten Europäer mit »angeborenem Sinn für das comme il faut« [1] und glaubt, der schrecklich amerikanischen Göre Lolita mit ihrer Vorliebe für Fast Food und Popkultur intellektuell, kulturell und sexuell tatsächlich etwas bieten zu können. Als er am Ende nach vierjähriger Trennung von Lolita erkennt, dass er sie, die – nunmehr siebzehnjährig, verheiratet und schwanger – seinem sexuellen Wunschbild vom vorpubertären Nymphchen so gar nicht mehr entspricht, tatsächlich liebt, muss er ernüchtert feststellen, dass er für sie nie etwas anders war als ein dirty old man. Und langsam dämmert ihm, dass Lolitas große Liebe Quilty zwar ihr Herz gebrochen, er, Humbert, hingegen ihr Leben zerbrochen hat. [2]

Bei Kubrick spürt man von dieser Erkenntnis nichts. Zwar übernimmt der Film die Schlüsselszene des Romans – bei besagtem Wiedersehen bittet Humbert Lolita, ihren Mann zu verlassen und mit ihm zu kommen (und meint: für immer); Lolita, die Humbert lediglich wegen einer kleinen Geldsumme angeschrieben hat, missversteht ihn und glaubt, er wolle ihr das Geld nur dann geben, wenn sie mit ihm in ein Motel ginge [3] – doch sie macht kaum mehr einen Sinn: Denn es ist Lolita, die gemeinsam mit Quilty Humberts Leben zerstört hat.

Während Nabokov im Roman einen – zumindest in seiner Vorstellung von sich selbst – aktiven Humbert entwirft (er plant und plottet unentwegt: in Lolitas Nähe zu gelangen, beiläufige Berührungen herbeizuführen, in Lolitas Bett zu kommen, Lolita bei sich zu behalten), zeigt Kubrick einen ganz und gar passiven Gelehrten.
Mit dem Einsetzen der chronologischen Handlung – Humbert sucht im Ferienort Ramsdale ein Zimmer für den Sommer, ehe im Herbst seine Vorlesungen am Beardsley College in Ohio beginnen – entspinnt sich ein aberwitziger Wettstreit von Charlotte Haze (Shelley Winters) und ihrer Tochter Lolita um die Zuneigung des neuen Mieters. Die Szene der Hausbesichtigung – über mehrere Stockwerke und durch diverse Räume, von Kubrick in einer einzigen Einstellung gefilmt – ist eine komische tour de force von Shelley Winters, die (ebenso wie die größtenteils improvisierten »Gastauftritte« von Peter Sellers) zeigt, dass LOLITA vor allem als Schauspielerkino funktioniert, in dem lange, oftmals ununterbrochene Einstellungen den Akteuren Zeit und Raum zum Spielen geben.

Winters’ Charlotte ist die Karikatur einer halbgebildeten Kleinstädterin, die dem europäischen Gelehrten gern imponieren möchte. Sie preist die fortschrittliche kulturelle und intellektuelle Atmosphäre des Ortes, erzählt von ihrem Literaturverein (wo Quilty einmal einen Vortrag über "Dr. Schweitzer und Doktor Schiwago" gehalten hat) und führt ihre Sammlung von Kunstdrucken ("my little van Gogh") mit dem gleichen Stolz vor wie die "altmodische" Wasserspülung ihres Klosetts ("should appeal to an European").

Genauso deutlich werden ihre sexuellen Absichten: Mit ihrer Zigarettenspitze gibt sie sich mühsam verrucht (Nabokov beschreibt sie mit "Zügen eines Typus, den man als einen dünnen Aufguss von Marlene Dietrich bezeichnen könnte" [4]), sie erzählt von ihrem seit sieben Jahren toten Ehemann und davon, wie schwer diese Situation für eine "attraktive Frau" sei, und immer wieder fließt in den Dialog eine Reihe von sexuellen Doppeldeutigkeiten ein. Schließlich baut sich Charlotte sogar im Türrahmen auf und verstellt Humbert, der vor ihr und ihrem unentwegten Geplapper die Flucht ergreifen möchte, den Weg. In einer späteren Szene wird ihre Verführungskunst darin gipfeln, in einem scheußlichen Kleid mit Leopardenfellmuster "pink champagne« anzubieten und den unwilligen und hilflosen Humbert zum Cha-Cha-Cha zu animieren.

Doch auch Lolita hat bei ihrem ersten Auftritt nichts Unschuldiges an sich: Aus dem zwölfjährigen Nymphchen des Romans ist ein hübscher, draller Teenager geworden, den auch jeder Nicht-Perverse ihrer nervtötenden Mutter mit Kußhand vorziehen würde. Wie hingegossen liegt Lolita, angetan mit einem Bikini und einer schmetterlingsförmigen Sonnenbrille, im Garten in der Sonne und schaut provozierend unter ihrem Strohhut hervor. Natürlich entschließt sich Humbert, im Hause Haze zu bleiben. Auf Charlottes Frage, was dazu den Ausschlag gegeben hätte, antwortet er: »I think it was your cherry pie« – Charlottes sowieso schon zweideutiges Angebot »I can offer you my cherry pie« hatte Kubrick zuvor mit einer Einstellung von Lolita kombiniert, die lasziv ihre Sonnenbrille abnimmt. Die Sequenz endet mit einer Großaufnahme von Lolita, die in ihren Augen einen wissenden Blick erkennen lässt.

Bereits in der nächsten Sekunde geht Lolitas Gesicht in die Fratze von Frankensteins Monster über (auch dies ein Hinweis, wer hier das eigentliche Ungeheuer ist): Mit dem Besuch des Horrorfilms THE CURSE OF FRANKENSTEIN (Frankensteins Fluch; 1957; R: Terence Fisher) im Autokino beginnt das »Duell« der Frauen um Humberts Gunst. Kubrick findet dafür ein treffendes Bild: Sowohl Charlotte als auch Lolita greifen – eher absichtlich denn schreckgeplagt – jeweils nach einer Hand Humberts, der zwischen ihnen im Auto sitzt und seine Handflächen an die Oberschenkel presst. Humbert entzieht seine rechte Hand der linken Hand Charlottes und ergreift Lolitas Hand. Lolita legt ihre andere Hand auf Humberts Hand. Charlotte, nach Humberts Hand suchend, bekommt die Finger ihrer Tochter zwischen die ihrigen. Irritiert ziehen sich schließlich alle zurück.

Doch Lolitas Bemühungen gehen weiter: Sie gibt Humbert einen Gute-Nacht-Kuss (derweil Charlotte beim Schachspiel einen falschen Zug macht und verliert), sie schäkert beim Frühstück mit ihm herum und füttert ihn, und sie sabotiert die bereits erwähnten Anstrengungen Charlottes, Humbert mit Leopardenfellmustern und Cha-Cha-Cha zu verführen, indem sie unerwartet früh von einer Party nach Hause kommt und sich im Wohnzimmer breitmacht.

Humberts wahre Absichten gegenüber Lolita bleiben hingegen ziemlich im Dunkeln; fast scheint es, als ob Kubrick bei seinem Publikum die Kenntnis des Romans oder seines Inhalts in groben Zügen voraussetze. Zweimal sieht man Humbert, wie er Lolita mehr oder weniger heimlich beobachtet – im Garten beim Spiel mit einem Hula-Hoop-Reifen und auf einem Schulball beim Tanzen – doch immer wieder enden die Szenen in mildem Slapstick: Charlotte zerstört die Gartenidylle plötzlich mit dem Blitzlicht eines Fotoapparates, und auf dem Ball, wo sich Humbert etwas abseits gesetzt hat, wird er von Charlotte und ihren Freunden John und Jean aufgestöbert und bekommt einen Kuchenteller und ein Glas in die Hand gedrückt, mit denen er höchst hilflos hantiert. Immer wenn er aufstehen will, wird er von den Freunden wieder auf seinen Stuhl zurückgedrückt – Humbert bleibt ein von anderen Leuten herumkommandierter Hanswurst.

Nur einmal offenbart er seine Gefühle und seine Pläne tatsächlich: Nachdem Lolita in ein Ferienlager abgefahren ist, vergräbt er sich in Lolitas Bett weinend in ihre Kissen – wenn sie zurückkommt, wird er bereits abgereist sein. Doch dann erhält er einen Brief Charlottes, in dem sie ihm ihre Liebe gesteht. Die Alternative lautet: Entweder er reist sofort ab, oder er heiratet sie und wird Lolita »ein guter Stiefvater«. Humbert beginnt zu lachen, zunächst über den absurden Brief, dann über den diabolischen Plan, der sich ihm eröffnet: die Heirat mit Charlotte, um an Lolita heranzukommen. Doch sofort entlarvt ihn die Kamera wieder als den Betrogenen: Ein Schwenk auf die Wand neben Lolitas Bett zeigt ein Werbeplakat mit Quilty.

Jener, Humberts sinistres Alter Ego, erscheint Humbert in der zweiten Hälfte des Films nach Charlottes plötzlichem Tod – sie entdeckt Humberts Tagebuch und läuft verstört vor ein Auto – vor allem wie das personifizierte schlechte Gewissen aus der Lenor-Werbung, ein irritierender Alptraum: als Polizist, der im Hotel, wo Humbert mit Lolita ein Doppelzimmer teilt, obszöne Anspielungen macht, als Schulpsychiater Dr. Zempf (mit dickem deutschen Akzent, der Vorläufer des Dr. Strangelove), der eine Untersuchung der humbertschen häuslichen Situation androht, und, nurmehr eine Stimme am Telefon, wiederum als Polizist, der eine Untersuchung von Humberts Sexualleben ankündigt.

Sellers absurde Auftritte sind die Höhepunkte einer schwarzen Komödie, die sich, bei allen Veränderungen, in einer seltsamen Übereinstimmung mit Nabokovs Roman befindet: Bei ihrem letzten Zusammentreffen mit Humbert lässt der Schriftsteller Lolita ein philosophisches Fazit ziehen: "Ja, sagte sie, das Leben sei eine Serie von Gags, wenn jemand ihr Leben beschriebe, kein Mensch würde es glauben." [5]



Quelle: Der Text von Lars Penning stammt aus dem Buch
"Stanley Kubrick"
hrsg. von Andreas Kilb, Rainer Rother u.a.
Bertz, Berlin, 1999
ISBN: 3-929470-78-0

Anmerkungen
1 Vladimir Nabokov: Lolita. Reinbek 1995, S. 403.
2 Vgl. ebenda, S. 455.
3 Vgl. ebenda, S. 454.
4 Ebenda, S. 59.
5 Ebenda, S. 445.

Erstellt: 26-10-07
Letzte Änderung: 11-03-03