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15/12/11

Rob Alef: Kleine Biester

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Besäße unsere Gesellschaft ein Herz und wäre es lokalisierbar, könnte man sagen: Rob Alefs neuer Kriminalroman „Kleine Biester“ trifft mitten ins kalte Herz unserer in PISA-Wahn und Leistungsoptimierung verrückt gewordenen Mittelstandsgesellschaft. Aber das Irre ist ja gerade, dass die Verrückten ihre Verrücktheit nicht wahrnehmen können. So wird die inständige Aufforderung des Rezensenten an alle Eltern und Nicht-Eltern, dieses Buch zu lesen, vermutlich leider versanden.

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Mit Sand fängt alles an. In einer Buddelkiste im Kreuzberger Siegespark. Mütter dümpeln vor sich hin, den Latte in der pädagogisch fast entspannten Hand. Die Kinder buddeln. Die Mütter stellen Vergleiche an: hübscher, größer, intelligenter. Mutter Corinna liest Melanie Klein und denkt so vor sich hin: „Kinder verschwinden einfach“. Schon beginnt Anna (11) langsam im Sand der Buddelkiste zu versinken. Cem (12), ganz jugendlicher Öko-Held, wirft sich in den entstehenden Trichter, kann aber Annas Versinken nicht verhindern. Wer denkt dabei nicht an die berühmte Szene in Lawrence von Arabien, in der Orrens’ Gefährte vom Treibsand geschluckt wird. Aber es ist viel schlimmer: Nicht das Schicksal, das auch in großen Augenblicken lauert, hat zugeschlagen. Ingenieur Eyth vom THW (das ist eines der vielen schönen Spiele mit Namen, die Alef treibt: Max Eyth war ein berühmter Ingenieur und Schriftsteller-Prophet der Industrialisierung) entdeckt unterm Sandtrichter eine „ausgeklügelte Falle“.

Kleine Biester
Von Rob Alef
Rotbuch Verlag
November 2011
ISBN-13: 978-3867891363
Bereits zwei Mal hat Rob Alef den Krimi genutzt, um das Juste Milieu der Gegenwart satirisch zu attackieren. Im kontrafaktischen „Das magische Jahr“ (2008) waren es die Mythen und kruden Realitäten einer Welt, in der die Studentenrevolte von 1968 gesiegt hätte. In „Bang Bang stirbt“ (2005) brachte Alef durch die Entführung eines Pandas aus dem Berliner Zoo das kleingeistige Tierschützertum auf die Palme. Jetzt aber, in „Kleine Biester“, bringt er nicht mehr nur Pandas, sondern Kinder um. Anna ist die erste, und bis die Rätsel der sich unverhofft auftuenden Sandlöcher und anderer mysteriöser Unfälle aufgeklärt sind, werden weitere vier Kinder der 6b der James-Hobrecht-Grundschule hops gegangen sein. Unter ihnen leider auch der brave Cem, der Anna so tapfer retten wollte. Die Kinder der 6b vermuten es als erste. Die unwahrscheinliche Häufung unerwarteter Todesfälle scheint direkt in Zusammenhang mit dem verschärften Auswahlverfahren zu stehen, das den Zugang zum weiterführenden, auf Biologie und besonders Insektenkunde spezialisierten Rosenhof-Gymnasium regeln bzw. verhindern soll.

Mit einer sanften, aber entschiedenen Verschiebung der Realität ins wirklich Drohende malt Rob Alef aus, was passieren würde, wenn der bereits jetzt stattfindende Kampf aller Eltern gegen die Kinder aller anderer Eltern und um die besten Aufstiegschancen der eigenen Brut zu voller darwinistischer Gewalt entfesselt würde. Nicht Annas vermutlicher Erstickungstod im Buddelsand weckt unter den Mitschülern die stärksten Gefühle, sondern die Peinlichkeit, dass ihre beste Freundin jetzt einen begehrten Platz in der Warteliste für das Rosenhofgymnasium aufgerückt ist. Der olympische Leistungswettkampf um die beste Position im entfesselten Kapitalismus beginnt im Sandkasten. Gymnasiasten konsumieren in gelben Tütchen kein Hasch oder Speed, sondern illegal hergestellte Wissensportionen. Schmuggel mit gefälschten Schulbüchern ist ein einträglicher Wirtschaftszweig. Alefs satirisches Verfahren der sanften positiven Übertreibung des Vorhandenen treibt besonders herrliche Blüten in der Figur des katholischen Priesters Sutter von St. Hypokrit (!). Dieser Seelsorger, der für seine Jungenschar in der Nähe des Siegerparks eine kirchliche Sauna betreibt, fordert als Mitglied der gymnasialen Aufnahmekommission (die Kirche ist in jeder Kommission vertreten), „dass jedes Kind in Zukunft ein Attest über das Nichtvorliegen von Geschlechtskrankheiten vorzulegen hat, zumindest die Jungen.“

Kurz, „Kleine Biester“ ist eine herrliche Satire auf die gnadenlose Egozentrik entfesselter Leistungsorientierung. Zu einem großen, großartigen Buch wird es durch das unaufdringlich, doch deutlich anklingende Mitleid mit den vereinsamten, von ihren Eltern allein in den Daseinskampf gehetzten Kindern. Die Kinder sind die einzigen Hoffnungsträger dieser gnadenlosen Abrechung mit der Schwarzen Pädagogik. Sachlich und pragmatisch schlagen sie sich durch, auch wenn ihnen die Phrasen aus der Elternwelt den Kopf vernebeln. Neben den Textpassagen, die brüllendes Gelächter hervorrufen, stehen Abschnitte, bei deren Lektüre man kaum das Entsetzen unterdrücken kann.

Das Rezensentenlob wäre unvollkommen ohne Erwähnung der wunderbar passgenauen konstruktiven Merkwürdigkeiten dieses Kriminalromans. Wichtigstes Tier des Romans ist der Ameisenlöwe. Unter dem herrschenden Evolutionsdruck entwickelt es sich aus einem Kuscheltier und liebsten Freund eines Jungen zu einem gefräßigen Monster. Der Mann, der den Ameisenlöwen erforschte, war der Naturhistoriker Rosenhof (!) – und so endet die Geschichte vom – noch vergeblichen – Versuch, die Aufnahmekriterien ins fiktive Berliner Rosenhof-Gymnasium so richtig scharf zu machen, mit dem Jungfernflug einer Ameisenjungfer, dem „Insekt des Jahres 2010“.

Eine Rezension von Tobias Gohlis

Erstellt: 15-12-11
Letzte Änderung: 15-12-11