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ARTE Journal - 18/05/12

Kriegsverbrecher-Prozess gegen Ratko Mladic eröffnet

Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat heute der Prozess gegen den serbischen Ex-General Ratko Mladic begonnen. Es geht um den Bürgerkrieg in Bosnien von 1992-1995 und um die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Mladic soll sie angeordnet haben. Als Oberbefehlshaber der Serben soll er für den Tod Zehntausender, für die Vertreibung Hunderttausender und grausame Gefangenenlager verantwortlich sein.

Zweierlei Geschichtsbilder
Für die einen ist er ein Held, eine "bedeutende historische Persönlichkeit", die für die Werte der serbischen Nation gekämpft hat. So formulierte es der Präsident der bosnisch-serbischen Teilrepublik, Milorad Dodik, zu Prozessbeginn. Für die anderen ist er ein Monster, an dessen Händen vielleicht nicht direkt Blut klebt, das aber angeordnet hat, was den Muslimen Bosnien-Herzegowinas nach dem Ende Jugoslawiens angetan wurde.

Ethnische Säuberung
Ankläger Dermot Groome hielt dem 70-Jährigen vor, er habe Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Totschlag, Massenvergewaltigungen, unmenschliche Gefangenenlager, Terror und Vertreibungen nur mit einem einzigen Ziel organisiert, nämlich Bosnien für die Serben zu erobern. Groome berichtete von «ethnischen Säuberungen» in Kljuc in Westbosnien, wo 12 000 Muslime vertrieben wurden. Im ostbosnischen Foca seien 20 000 Muslime deportiert worden. Anhand von Landkarten zeigte der Staatsanwalt «eine dramatische Veränderung der Bevölkerung» zugunsten der Serben, nachdem «400 000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben» worden waren.

Traumatisiertes Land
Es ist schwer, nachzuweisen, dass die Initiative für solche Massenvebrechen allein von Mladic ausging. Immerhin sind die rund 19.000 Serben, die sich daran beteiligt haben, dafür bisher nicht belangt worden und bekleiden teilweise hohe Ämter in Serbien. Deshalb hat die Anklage 57 Verbrechen ermittelt, für die Ratko Mladic persönlich verantwortlich sein soll. Dermot Groome berichtet von einer jungen Muslimin, die nach der Ermordung ihres Bruders von mehr als 50 Männern der Mladic-Truppe vergewaltigt wurde. Er beschrieb, wie Verwandte untereinander zu sexueller Gewalt gezwungen wurden. In den neun Gefangenenlagern, in denen unmenschliche Bedingungen herrschten, seien bis zu 570 ausgemergelte Menschen in ein einziges Zimmer gepfercht worden. Auch UN-Blauhelme wurden Mladics Opfer. Angekettet benutzte er sie als menschliche Schutzschilde.

Tribunal unter Zeitdruck
Das UN-Jugoslawien-Tribunal steht unter Zeitdruck: Sein Mandat läuft 2013 aus. Immer mehr Mitarbeiter werden abgezogen. Künftig soll der Internationale Strafgerichtshof, ebenfalls in Den Haag, solche Verbrechen verfolgen. Die Anklage versucht deshalb, das Riesenverfahren abzukürzen. Sie konzentriert sich auf zwei besonders schwere Verbrechen: das Massaker von Srebrenica im Juli 1995, bei dem 8 000 muslimische Jungen und Männern getötet wurden. Zweiter Punkt ist die jahrelange Belagerung von Sarajevo, bei der fast 12 000 Menschen starben. Mladic soll in Sarajewo persönlich und gezielt Menschen erschossen haben. Der Dauerbeschuss mit Bomben und Granaten habe die Zivilbevölkerung terrorisiert und traumatisiert.
Wegen des Zeitdrucks versucht Mladic, der Prozess aufzuhalten wo erkann - auch durch Provokationen. Die Staatsanwaltschaft will 413 Zeugen aufbieten. Die meisten lassen ihre Aussagen verlesen und werden nicht persönlich im Gerichtssaal erscheinen.

Geteilte Erinnerung
In Serbien, wo Mladic immer noch als Volksheld verehrt wird, wurde der Beginn des Prozesses von keiner TV-Anstalt übertragen. In Sarajewo versammelten sich dagegen die Menschen zum Public Viewing vor Bildschirmen im Stadtzentrum. Viele sagen, der Prozess käme zu spät. Und viele machen Europa und den USA den Vorwurf, sie hätten nicht entschieden genung gehandelt, um die Kriegsverbrechen zu verhindern. Dagegen applaudierten Studenten im serbisch-bosnischen Pale öffentlich, als Ratko Mladic vor Gericht erschien. Unterschiedliche Geschichtsbilder vermitteln auch die Schulbücher der drei Teilrepubliken Bonsien-Herzegowinas und verfstigen diese damit.

Andere Sorgen in Lazarevo
Mladic ist die letzte Führungsfigur der bosnischen Serben aus der Zerfallszeit Jugoslwiens, der in Den Haag der Prozess gemacht wird. Als einer der ersten war er 1995 angeklagt worden. 15 Jahre lang lebte er unerkannt zuerst als Arzt in Belgrad und dann im Norden Serbiens. Untergetaucht war er nach der Verhaftung des serbischen Ex-Staatschefs Slobodan Milosevic im Jahr 2000, mit dem er gemeinsam ein "Großserbien" verwirklichen wollte. Erst 2011 wurde er in dem Dorf Lazarevo festgenommen. Die Bewohner dort interessieren sich nicht besonders für den Prozess in Den Haag. Ihre Sorgen sind symptomatisch für die Sorgen der Serben insgesamt: Arbeitslosigkeit, der Zerfall der Industrie, Zukunftsangst. Viele wünschen sich, dass Mladic nicht verurteilt wird, aber für eine europäische Zukunft sind sie bereit, ihn zu vergessen.

ARTE Journal/ Ellen Hofmann

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Erstellt: 16-05-12
Letzte Änderung: 18-05-12