03/12/03
Kommentar
Kommentar
Die titelstiftende Audiokassette ist 60 Minuten lang. In etwas krakeliger Schreibschrift hat die Mutter der Filmemacherin Angelika Levi "Mein Leben Teil 2" draufgeschrieben. Die BASF C60-Audiokassette aus den 70er Jahren ist ein Teil des Vermächtnisses ihrer Mitte der 90er Jahre an Krebs verstorbenen Mutter. Angelika Levi nimmt das schwere Erbe an. Sie versucht aus den Aufzeichnungen, aus vielen Tagebüchern, Fotos, Erinnerungen eine Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Und - je detaillierter sie in diesen Erinnerungen wird, umso mehr bindet sie den Zuschauer emotional mit ein.
Da gibt es etwa die fast stündlichen Aufzeichnungen der Mutter als sie monatelang im Krankenhaus ist. Mit wenigen Worten beschreibt sie ihren Zustand und vor allem die Schmerzen, die sie permanent ertragen muss. Sie versucht, sich mit ihrer Situation abzufinden. Das ist nicht untypisch für die Frau, die 1950 als erste und damals einzige Ökologin in Chile arbeitete. Zu dieser Zeit schrieb sie eine wichtige Arbeit über Pflanzen, die in extremen Gegenden durch Anpassung überleben.
Diese besondere Art zu überleben fand die Mutter bei den Pflanzen wieder, lernte sie aber von ihrer eigenen Großmutter. Diese war Jüdin und sollte in ein Lager gebracht werden. Sie entzog sich, indem sie Gift schluckte. Opfer waren die Levis nie, und sollten es auch niemals werden. Levi mit "i" geschrieben ist arisch, sagt einer im Film und so schreibt sich die Familie jüdischer Abstammung nach dem Krieg bis heute.
Als die Schmerzen der Mutter zu schlimm werden, flüchtet sie sich in Wahnvorstellungen, in denen sie ihr ganzes Krankenzimmer mit Engeln anhäuft und behauptet, selbst fliegen zu können. "Ich fand, man sah ihr das an", sagt die Filmemacherin. Angelika Levi hat viel gelernt von ihrer Mutter, so etwa "Grenzen auszudehnen, statt Grenzen zu setzen".
Deshalb fragt sie - überall wo Fragen auftauchen, beim Archivieren ihres Familienerbes. Sie will es genau wissen. Warum etwa ist ihre Mutter nicht in Chile geblieben, nachdem sie aus Nazideutschland geflüchtet war? Warum ist sie zurückgekehrt ins Nachkriegsdeutschland und hat dort einen evangelischen Theologen geheiratet? Ein großes Verdienst des Films ist es, dass es Levi gelingt, die persönliche familiäre Geschichte in einen großen zeitgeschichtlichen Zusammenhang einzubetten. Die Bilder, Interviews und Super-8-Aufnahmen sind zwar immer persönlich, erzählen aber stets etwas über die Zeit mit, in der sie entstanden sind, und werden so auch zu einem historischen Dokument.
Als etwa Angelika acht Jahre alt war, war ihre Mutter bereits schwerkrank. In ihrem Film zeigt sie Super-8-Aufnahmen von damals, in denen sie mit Vater und Bruder ins Meer geht um zu schwimmen. Alle paar Sekunden winkt das kleine Mädchen der Mutter fröhlich zu, um ihr schlechtes Gewissen - dass Mutter alleine am Strand zurückbleibt - zu dämpfen. Ein andermal zeigt sie Fotos von ihrer Mutter und Großmutter, die sich gegenseitig in denselben Posen fotografieren. Beim Betrachten diese Fotos spürt man die Nähe zwischen den Abgebildeten, und die Suche der Tochter danach.
Nana A.T. Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 03-12-03