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18/05/04

Koktebel

Regie: Boris Khlebnikov, Alexei Popogrebsky
Darsteller: Gleb Puskepalis, Igor Chernevich
Russland, 2003, 105’

Nebenreihe“ Semaine de la Critique“
Synopsis: Nach dem Tod seiner Frau bricht ein arbeitloser Ingenieur mit seinem 11-jährigen Sohn völlig mittellos und daher zu Fuß aus Moskau nach Koktebel auf, einem kleinen Dorf auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, in dem die Schwester des Mannes wohnt.

Kritik: Das Kanalisationsrohr unter einem Bahndamm irgendwo in der Weite Russlands spuckt in der Morgendämmerung zwei armselige Gestalten aus – einen Vater und seinen Sohn. Ein Schäferhund hat sie mit ihren wenigen Habseligkeiten aus dem Schlaf geschreckt, jetzt stolpern sie müde in einen neunen, ungewissen Tag. Die Witze seines Vaters – wenn der Sohn nicht zu Fuß gehen wollte, könne man ja das Taxi oder das Flugzeug nehmen – findet der 11-jährige gar nicht so komisch. Hinter seinen skeptischen, bis sarkastischen Kommentaren kündigt sich ein erlittener Vertrauensverlust an, eine Abkopplung des Sohnes vom Vater, die bereits teilweise vollzogen ist. Etwas später auf ihrer Reise wird klar, warum es schwer für den Jungen ist, dem Vater den Respekt zu schenken, den dieser  so dringend nötig hat: in der nächsten Nacht im Häuschen eines Bahnwärters kann der Vater dem Wodka noch widerstehen, doch einen Tag später, in der Waldhütte eines versoffenen, allein stehenden alten Mannes, wo der Vater als Dachdecker anheuert, verfällt dieser erneut seiner Alkoholsucht.

In sehr sparsamen, schamhaften kleinen Szenen erzählen die beiden jungen russischen Regisseure Boris Khlebnikov und Alexei Popogrebsky ihren poetischen Roadmovie aus der Perspektive des Jungen – kurz vor der Pubertät ist er fast schon erwachsen, kommentiert die Lügen und Ausreden des Vaters, den Rückfall in alte, schlechte Gewohnheiten mit zunehmendem Sarkasmus. Während der Vater also mit seinem Selbstrespekt zu kämpfen hat (und für einen Neuanfang doch noch eine unerwartete Chance bekommt) will der Junge ans Meer, zu den Albatrossen, die ihm Freiheit, Emanzipation, einen Neuanfang  bedeuten. Die Metapher vom dauergleitsegelnden Vogel wird zwar etwas überstrapaziert, doch kommt der Film ohne den im slawischen Kino üblichen symbolischen Tand aus.

Ansonsten ist „Koktebel“ ein sehr stilsicherer, für einen Regieerstling erstaunlicher reifer Film, der seine Akteure sehr präzise und ohne emotionalen Voyeurismus beobachtet und die winterliche russische Landschaft wunderbar ins Licht rückt.. Unvergesslich bleiben jedenfalls die Szenen, in denen der Junge die ein paar Jahre ältere, frühreife Tochter des Bahnwärters kennenlernt.

Ein kleiner, blinkender Ghettoblaster, aus dem der Techno scheppert, hängt an einem Ast neben einem primitiven Plumpsklo, plötzlich knallt  die Tür auf und das Mädchen erscheint seinen Gummistiefeln wie eine Verheißung. Die Technoklänge inmitten eines morschen Russlands, die ungeschönten, an die Adresse der in Selbstmitleid und kleinen Lebenslügen gefangenen Erwachsenen gerichteten Worte sind es, die den Aufbruch des jungen Russlands und einer neuen Generation von Filmemachern  so hoffnungsvoll erscheinen lassen.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 17-05-04
Letzte Änderung: 18-05-04