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09/01/10

Globale Erwärmung - ein Glücksfall für die grönländischen Landwirte ?

Grönland macht ein Viertel der Fläche Europas aus und ist zu 80 % mit Eis bedeckt. Doch der Klimawandel vollzieht sich hier doppelt so schnell wie anderswo auf der Erde. Mit dem Anstieg der Durchschnittstemperatur weiten sich Wälder und landwirtschaftliche Nutzflächen immer mehr aus. Ist die globale Erwärmung ein Glücksfall für die grönländischen Landwirte? Eine Reportage aus Qaqortoq an der Südspitze Grönlands.

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Wie Schnee in der Sonne
Das Museum von Qaqortoq ist in einem großen dunklen Holzhaus im Herzen des kleinen Städtchens untergebracht. Dort stiegen im vorigen Jahrhundert hohe Gäste ab, und der Besucher kann das Zimmer besichtigen, wo Charles Lindbergh und seine Frau übernachteten, als das Paar auf einer Erkundungsmission die Region überflog. An den Wänden hängen alte Fotos von Qaqortoq und Porträts der Bewohner, größtenteils in traditioneller Tracht. Da sind Aufnahmen der 1832 errichteten Kirche und Bilder des Fjords mit im Eis eingeschlossenen Booten.
Beim Verlassen des Museums bietet sich ein Blick auf den Hafen. Keine Spur von Eis auf dem Fjord. Es ist Winteranfang, und die Sonnenstrahlen wärmen ordentlich.
Heute hat die Stadt ein anderes Gesicht. Mit 3.000 Einwohnern und leicht steigenden Bevölkerungszahlen ist Qaqortoq die größte Ansiedlung in Südgrönland. Das Städtchen ist auch – zumindest im Sommer – einer der wenigen Orte, wo das Land seinem Namen ("grünes Land") Ehre macht.

So erklärt es uns der 72jährige Ado Rasmussen. Der pensionierte Grundschullehrer empfängt uns in seinem Haus und zeigt uns stolz Fotos von seinem Garten, wo Blumen, Gemüse und Büsche gedeihen. Ado erzählt, eigentlich sei er wie seine Vorfahren ein leidenschaftlicher Jäger, aber vor 15 Jahren, als der Klimawandel spürbar wurde, habe er angefangen, seinen Garten zu bestellen.
Wissenschaftler bestätigen die Beobachtungen der Bevölkerung: Die Klimaerwärmung beschleunigt sich; die grönländischen Gletscher schmelzen heute doppelt so schnell wie zuvor. Dasselbe gilt für das Packeis im Arktischen Ozean. In 20 Jahren wird es am Nordpol im Sommer kein Eis mehr geben. In der Gegend um Qaqortoq ist die Durchschnittstemperatur in drei Jahrzehnten um 1,3 Grad gestiegen. Dadurch hat sich die Landwirtschaftssaison um rund 2 Wochen verlängert und dauert nun von Mitte Mai bis Ende September. Die grönländische Regierung hat beschlossen, diesen Wandel zu nutzen.

Grönland
-Hauptstadt: Nuuk
-Fläche: 2.166.086 km²
-Einwohnerzahl: 57.000
-Währung: Dänische Krone
-Amtssprachen: Grönländisch, Dänisch
-Bevölkerungsmehrheit: Grönländer (87,7 %)
-Minderheiten: Dänen (8,5 %), Engländer (3,5 %)
Eine Oase in Upernaviarsuk
Aqqalooraq Frederiksen wirft den Motor seines Bootes an und fährt in den Fjord hinein, den er kennt wie seine Westentasche. Sein Ziel ist die landwirtschaftliche Forschungsstation in Upernaviarsuk. Frederiksen ist Agraringenieur. Seit etwa zehn Jahren arbeitet er hier mit dem Stationsleiter Kenneth Hoegh zusammen.
Die Einrichtung besteht aus ein paar Gebäuden, einem Stall, einem Unterrichtsraum, Gewächshäusern und schneebedeckten Wiesen. In dieser eher unscheinbaren Umgebung wird die Zukunft der grönländischen Landwirtschaft vorbereitet, wie Kenneth Hoegh erklärt. In den Gewächshäusern gedeihen zahlreiche Obst- und Gemüsesorten, wie Kartoffeln, Rüben, Brokkoli und Rhabarber. Im kommenden Jahr sollen hier auch Erdbeeren und Himbeeren wachsen. Man testet die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen, um sie später in größerem Rahmen anbauen zu können. Ein sehr wichtiges Projekt, denn Kenneth Hoegh zufolge geht es darum, die Selbstversorgung des Landes zu sichern, das derzeit noch fast sein gesamtes Obst und Gemüse aus Dänemark importiert.
Kenneth Hoegh gibt zu, dass diese Entwicklung in erster Linie durch den Klimawandel ermöglicht wurde, aber seine Reaktion auf die Frage ist leicht gereizt. Die globale Erwärmung war in Qaqortoq schon vor 20 Jahren spürbar, doch damals interessierte sich noch niemand für das Thema. Hoeghs Worten zufolge sind wir die einzigen Journalisten, die je im Winter nach Qaqortoq gekommen sind. Im Sommer wächst ihre Zahl, ebenso wie die der Touristen.

Auf dem Rückweg zum Bootsanleger entdecken wir große Blutflecken im Schnee. Hier wurde vor kurzem Vieh geschlachtet. Das Fleisch wird von einigen Stationsmitarbeitern auf ein Boot geladen; es soll in Qaqortoq verkauft werden. Seit die grönländische Regierung in den Ausbau der Landwirtschaft investiert, interessieren sich immer mehr junge Leute für diesen Bereich, so Aqqalooraq Frederiksen. Die Viehzucht ist die Haupteinnahmequelle der rund 50 Landwirte, die Grönland heute zählt.
Vor der Rückkehr nach Qaqortoq will Kenneth Hoegh uns noch einen besonderen Ort zeigen. Wir fahren über einen Fjord und legen bei einer wunderschönen Ruine an. Es ist die romanische Kirche von Hvalsey, die im 14. Jahrhundert von den Wikingern errichtet wurde. Neben den dicken Granitmauern des Gotteshauses finden sich Überreste von Häusern, Lagergebäuden und Ställen für mehrere Dutzend Tiere. Dies beweist, dass Viehzucht und Landwirtschaft in Grönland möglich sind und bereits vor sieben Jahrhunderten betrieben wurden.
Es ist fast 15.30 Uhr. Die Sonne versinkt hinter den Bergen. In einer halben Stunde wird es dunkel sein.

Ein Bauernhof in Tasiluk
Am nächsten Morgen herrscht Schneesturm. Wir fahren wieder mit dem Boot. Nach 30 Minuten erreichen wir Tasiluk. Ein kleines weißes Haus, eine Scheune und ein großer Stall: Das ist der Bauernhof von Otto Nielsen.
Otto lebt seit etwa 15 Jahren hier; er hat eine Herde von rund 800 Schafen und baut etwas Gemüse an. Er bestätigt, dass der Klimawandel vor 15 bis 20 Jahren begonnen hat und betont sofort, dass die Erwärmung in seinen Augen eine negative Entwicklung ist. Denn seit zwei Jahren regnet es nicht mehr genug, und die Trockenheit wird zum Problem. Der Wasserspiegel von Seen und Flüssen sinkt ständig. Schuld daran sind zu viel Sonne und zu große Hitze im Sommer. Ottos Ernteerträge sind dadurch um die Hälfte zurückgegangen, und das Futtergras für sein Vieh wird knapp. Die Lämmer sind mager und bringen beim Verkauf nicht genug ein. Otto erklärt, dass die anderen Landwirte mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Otto Nielsen ist nicht der erste Besitzer des Hofs. Zuvor lebte hier ein Mann von den Färöer-Inseln, der jedoch den Hof schließlich aufgab. Für Otto und seine Familie kommt das nicht in Frage. Daher müssen sie neue Einkommensquellen finden. Der Fremdenverkehr ist eine Möglichkeit: Immer mehr Urlauber kommen auf Kreuzfahrtschiffen nach Qaqortoq. Otto würde gern Feriengäste auf seinen Bauernhof locken, der am Ende der Welt in einer einmaligen Umgebung liegt. Vielleicht im kommenden Jahr – aber der Landwirt glaubt nicht wirklich an den Erfolg dieses Projekts.

Grönland ist keineswegs im Begriff, ein fruchtbarer Garten zu werden. Die ersten Auswirkungen der globalen Erwärmung waren dem Ausbau der Landwirtschaft zwar förderlich, doch heute stellt der beschleunigte Klimawandel für die Landwirte eine Bedrohung dar.

Yannick Cador

Erstellt: 03-12-09
Letzte Änderung: 09-01-10