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Im Gespräch mit... - 16/11/06

Klaus Jürgen Behrendt

Schauspieler


Klaus Jürgen Behrendt über seine Rolle in dem zweiteiligen Fernsehfilm "Der Untergang der Pamir" von Kaspar Heidelbach.

  • TV-Premier auf ARTE am Freitag, den 17. November 2006 um 20.40 Uhr


Für gewöhnlich ist Klaus J. Behrendt als „Tatort“-Kommissar auf Verbrecherjagd. Mit „Der Untergang der Pamir“ wechselt er zum Katastrophenfilm mit realem Hintergrund.
Vor allem als Kölner „Tatort“-Kommissar Max Ballauf kennt man den 46-jährigen Klaus J. Behrendt. Dass er aber nicht nur gut ermitteln kann, zeigt etwa der mehrfach ausgezeichnete Film „Mein Vater“. ARTE sprach mit dem Schauspieler über seinen jüngsten Film, in dem er die Hauptrolle übernahm und für den er sich auch als Ideengeber eingesetzt hat.

ARTE: Herr Behrendt, schon der Titel erzählt, was im Film „Der Untergang der Pamir“ passiert, und das ist eigentlich nichts Schönes.
Klaus J. Behrendt: Ich bin Jahrgang 1960 und meine Eltern haben mir erzählt, wie das Frachtsegelschiff „Pamir“ 1957 sank. Es war das größte Seefahrtsunglück der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg. Und gerade weil ein Großteil der Bevölkerung heute nichts mehr davon weiß, halte ich es für sinnvoll, diese Geschichte noch mal aufzurollen. Ich will um Gottes Willen keinen Vergleich ziehen, aber als James Cameron die Geschichte der „Titanic“ verfilmt hat, wusste man auch, wie es ausgeht.
ARTE: Passt der Begriff „Katastrophenfilm“ für den „Untergang der Pamir“?
Klaus J. Behrendt: Das Wort klingt so reißerisch. Aber ein Film über Friede, Freude, Eierkuchen ist es eben nicht. Vielmehr handelt er von einer Riesenkatastrophe, bei der nur sechs Personen überleben und viele, hauptsächlich junge Leute, jämmerlich absaufen.
ARTE: Der Film spielt 1957, als große Autoritätsgläubigkeit herrschte: ein gelungenes Bild der 50er Jahre?
Klaus J. Behrendt: Zwölf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Deutschland wirklich noch ein ganz anderer Zeitgeist, der nicht mehr mit dem der heutigen Generation zu vergleichen ist. Das zeigen im Film Szenen wie die Handkontrolle. In Buenos Aires geht nur von Bord, wer gepflegt aussieht: mit sauberen Fingernägeln und ordentlichem Haarschnitt. Er ist ein Aushängeschild der Bundesrepublik Deutschland. Doch das ist nur das Universum Schiff – eine kleine Welt in der großen. Das darf man nicht 1:1 auf die Gesellschaft projizieren. Auf einem Schiff ist das Leben anders, dort ist ein Befehl ein Befehl – anders funktioniert es nicht.
ARTE: Es wird heute viel über ein Comeback der Disziplin geredet. Wurden die jungen Menschen damals besser auf das Leben vorbereitet?
Klaus J. Behrendt: Ich finde es grundsätzlich nicht schlecht, jungen Menschen einen gewissen Gehorsam vorzuleben und ein bestimmtes Maß an Disziplin zu verlangen. So wie es allerdings auf der „Pamir“ abläuft, steckt doch noch einiges vom Drill der Nazizeit mit drin. Das ist weniger wünschenswert.
ARTE: Sie sind einer der Initiatoren des Filmprojekts. Wie waren Sie in die Vorbereitungen zum „Untergang der Pamir“ involviert?
Klaus J. Behrendt: Der Autor, Fritz Müller-Scherz, ist ein sehr guter Freund von mir. Er ist auf einem Binnenschiff in Travemünde mit einem festen Liegeplatz in der Nähe der „Passat“, des Schwesterschiffs der „Pamir“, aufgewachsen. Er wusste schon als kleiner Junge: Die „Pamir“ ist abgesoffen und hat viele Menschen in den Tod gerissen. Es war sein Traum, aus dem Thema ein Drehbuch zu machen. Und für mich war es ideal, ihn mir zu schnappen und mit dem richtigen Produzenten zusammenzubringen: Matthias Esche, der alle Hebel für dieses kostenintensive Projekt in Bewegung setzte.
ARTE: Was ist mit dem Schwesterschiff der „Pamir“, der „Passat“, passiert?
Klaus J. Behrendt: Die „Passat“ liegt seit 1957 in Travemünde im Museumshafen – für uns optimal: Das Schiff ist noch in einem 1a-Zustand erhalten und wir konnten dort die Innenaufnahmen drehen. Die Außenaufnahmen fanden auf dem russischen Schiff „Sedov“ statt.
ARTE: Warum auf einem russischen Schiff?
Klaus J. Behrendt: Die „Sedov“ war mal deutsch, sie wurde 1921 gebaut, hieß erst „Magdalene Vinnen“ und dann „Kommodore Johnsen“. Nach dem Krieg ging sie als Reparationszahlung an die Russen und ist heute der größte Frachtsegler der Welt – als Ausbildungsschiff der Handelsmarine mit Heimathafen Murmansk. Sie hat fast die gleichen Maße wie die „Pamir“. In Emden haben wir sie in die Originalfarben der „Pamir“ umgestrichen: rot-schwarz, so sah sie auch in Wirklichkeit aus. Eigentlich ist das Schiff der Star des Films.
ARTE: Wie kommt es, dass Sie als gelernter Bergwerkmechaniker in der Geschichte der Seefahrt so firm sind? Sind Sie passionierter Segler?
Klaus J. Behrendt: Ich bin überhaupt kein passionierter Segler. Aber das Peinlichste wäre, wenn so ein Projekt ins Fernsehen kommt und nicht Hand und Fuß hat. Deshalb habe ich mich vorher mit der Materie beschäftigt. Als es losging, sind wir auf der „Sedov“ von Amsterdam aus zwei Wochen durch die Biskaya zu den Kanaren gesegelt, wo wir zunächst gedreht haben. Das war ideal, um das Schiff kennenzulernen.
ARTE: Und wie lief die Zusammenarbeit mit den Seeleuten der „Sedov“?
Klaus J. Behrendt: Wir hatten die ganze Zeit über 100 russische Kadetten an Bord. Die mussten viele Segelmanöver machen, sehr viel arbeiten und klettern – sie haben uns nicht unbedingt geliebt.
ARTE: Haben Sie denn die Dreharbeiten geliebt?
Klaus J. Behrendt: Naja, zum Schluss war ich froh, als ich im Flugzeug saß und Malta, wo wir am Ende gedreht haben, verlassen konnte. Auf dem Schiff gab es nur schmale Kojen, mit sechs oder 20 Leuten. Wir sind zum Drehen immer für eine Woche aufs Meer rausgefahren und waren nur am Wochenende auf dem Festland.
ARTE: Sie sind bekannt dafür, sich für Initiativen wie „Tatort – Straßen der Welt“ einzusetzen, die ausgehend von der „Tatort“-Folge „Manila“ Aufmerksamkeit auf Kinderhandel und Sextourismus lenken.
Klaus J. Behrendt: Ich finde es sehr sinnvoll, in Filmen Themen zu behandeln, die polarisieren. Wenn sie kein „Fast Food“ sind und sich die Zuschauer mit den Geschichten auseinandersetzen, hat man schon viel gewonnen. Und es gibt Dinge, für die sich der Einsatz lohnt. Der „Tatort“-Verein besteht seit neun Jahren, er ist klein, aber er hat etwas gebracht. Trotzdem ist das privates Engagement. Was den Job angeht, bemühe ich mich, gute Arbeit mit guten Leuten zu machen.
ARTE: Tatsächlich zählen Sie zu den Schauspielern, denen man kaum schlechte Filme vorwerfen kann.
Klaus J. Behrendt: Ich würde niemals einem Kollegen vorwerfen, dass er schlechte Filme dreht. Ich bin – noch, ich weiß ja nicht, wie lange das gehen wird – so privilegiert, dass ich sagen kann: Ich mache diesen Stoff oder ich lasse ihn. Da habe ich Glück gehabt oder ein gutes Händchen. Es sind noch einige Filme auf Lager.
ARTE: Zum Beispiel?
Klaus J. Behrendt: Etwa „Einfache Leute“, ein NDR-Fernsehspiel. Ich spiele einen schwulen Bademeister – der Film ist aber überhaupt nicht diffamierend gemeint. Er spielt auf dem Land, wo das Schwulsein nicht so selbstverständlich ist wie in Städten. Viele Männer leben dort ihre Liebe heimlich aus und gehen daran kaputt. Ein sehr schöner kleiner Film – ganz anders als „Pamir“, der ja ein Männerfilm über hart gesottene Kerle ist, scheinbar zumindest.
ARTE: Scheinbar?
Klaus J. Behrendt: Männerfilm hört sich nach knallharten Typen an. Wenn man sich aber die Charaktere genau anguckt, bemerkt man doch eine große Sensibilität an ihnen.

Das Gespräch führte Christian Bartels

ARTE PLUS
Klaus J. Behrendt: geb. 1960 in Hamm. Ausbildung zum Bergwerkmechaniker; 1981 bis 1984 Unterricht an der Schauspielschule Hedi Höpfner in Hamburg. Seit 1996 der Kommissar Max Ballauf im „Tatort“ Köln. Er lebt in Berlin und ist Vater von fünf Kindern.
Filmografie (Auswahl):
„Donna Roma“ (2006);
„Das Kanzleramt“ (2004/05);
„Mein Vater“ (2002) erhielt u.a. Adolf-Grimme-Preis, Bayerischen Filmpreis, Emmy Award

Erstellt: 16-11-06
Letzte Änderung: 16-11-06