Synopsis: Kinsey ist ein Biopic über das Leben des amerikanischen Sexualwissenschaftlers Alfred Kinsey (1894 – 1956). 1948 veröffentlichte dieser das Buch „Das sexuelle Verhalten des Mannes“, das in Amerika gelinde gesagt für Aufruhr sorgte - und zum Bestseller wurde. Der „amerikanische Freud“ war Zeit seines Lebens ein kontrovers diskutierter Wissenschaftler – und er ist es bis heute geblieben.
Kritik: Liam Neeson (
Schindlers Liste,
Luther) ist die perfekte Besetzung des Dr. Alfred Kinsey. Nicht umsonst wurde er für seine Rolle für den Golden Globe nominiert. Er verkörpert mehr als überzeugend den präzisen, objektiven Wissenschaftler, der für seine Forschung alles gibt. Am Anfang seiner Karriere sammelt Kinsey eine Million Gallwespen, um schließlich herauszufinden, „dass kein Tier dem anderen gleicht“. Durch Zufall und Notwendigkeit hält Kinsey einen „Ehekurs“ an der Universität ab, und stellt fest, dass es so gut wie keine Aufklärung unter seinen Studenten gibt. Masturbieren etwa ist verpönt, Frauen haben keinen Spass an der Sexualität – sie haben sogar Angst davor. Kinsey beschliesst Abhilfe zu schaffen. Mit der gleichen Akribie, mit der er sich den Gallwespen gewidmet hat, beginnt er nun sich dem Sexualverhalten des Menschen zuzuwenden. Diese neue Forschung umfasst Tausende von anonym ausgefüllten Fragebogen, wie auch „Feldversuche“ von ihm selbst und seinen Mitarbeitern. Seine Ehe gerät in eine schwierige Phase, als er völlig selbstverständlich beginnt, seine Bisexualität auszuleben und seiner Frau davon zu erzählen.
Drehbuchautor und Regisseur Bill Condon gelingt - trotz einem relativ klein gehaltenen Budget von elf Millionen Dollar – nicht nur eine sehr präzise Charakterstudie eines der wichtigsten amerikanischen Wissenschaftlers des letzten Jahrhunderts. Gleichzeitig fängt er dank guter Recherche das prüde Klima der puritanischen amerikanischen Gesellschaft Anfang der 50er Jahre überzeugend ein. Erschreckend dabei ist allerdings, dass sich ein halbes Jahrhundert später so viel nicht geändert hat.
Kinsey der Film sorgte bei seinem US-Start für erhitzte Diskussionen amerikanischer Gemüter. Christliche Konservative bezeichnen Kinsey als Sittenstrolch und werfen ihm vor Homosexualität, Pädophilie und andere „perverse“ Sexpraktiken zu fördern. Auch 2005 ist Abstinenz laut offizieller amerikanischer Regierungspolitik das einzig erfolgversprechende Mittel zur Geburtenregelung und zur Prävention von Geschlechtskrankheiten. An der US-Kinokasse floppte der Film.
Kinsey der die diesjährige Berlinale beendet, ist ein eindurcksvolles Biopic – und seine Geschichte ist aktueller denn je. Amerikanische Sexualforschung wird im modernen Amerika momentan aus dem Untergrund betrieben. Die Wissenschaftler sind sogar dazu übergegangen, ihre Aktivitäten zu Decouvrieren, um ungestört arbeiten zu können. So wird etwa aus dem Wort „geschlechtlich“ „fruchtbarkeitsbezogen“. Welcome back in der Prüderie vergangen geglaubter Zeiten.
Nana A.T. Rebhan