Goldene Palme Cannes 2004
Im Gespräch mit Michael Moore (Real Video)Selbst Nixon oder Kennedy, die wahrlich keine Chorknaben waren, kämen dem großen Abraham Lincoln näher, als Bush Junior in diesem Film. Michael Moore bleibt diesmal hinter der Kamera und beschränkt sich darauf, aus dem Off Archivaufnahmen zu kommentieren, die für ihn unwiderlegbare „Beweise“ für die eklatante Unfähigkeit und die Schuld des noch amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika darstellen. Es ist nicht nur der beißende Humor, sondern auch die ätzende Schärfe und Eindringlichkeit, die dieses Pamphlet charakterisieren.
Alles beginnt mit der „unglaublich komischen“ Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, die mehr als dubios war und vor der Florida sich ganz im Stil einer Bananenrepublik erdreistete, ohne jeglichen Grund Tausenden von benachteiligten Bürgern ihre Bürgerrechte abzuerkennen – selbstverständlich waren dies Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Darauf folgen merkwürdige Sitzungen im Abgeordnetenhaus, im dem es keinem afroamerikanischen Vertreter gelingt, eine Unterschrift eines Senators zu bekommen, um diese Farce für ungültig zu erklären. Dann zeichnet der Kino-Journalist Moore Schritt für Schritt die gesamte Laufbahn Georges W. Bush sowie dessen äußerst undurchsichtige Verbindungen zu den einflussreichen Kreisen Saudi-Arabiens (inklusive der Familie Bin Ladens) nach – und alles reiht sich in die Ansammlung von Absurditäten ein: Es ist eine Abfolge von Tatsachen, Aussagen und Aktionen, die so bestürzend, widersprüchlich, dumm und unfassbar erscheinen, dass man es nach und nach mit der Angst zu tun bekommt. Plötzlich entsteht das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben, und es folgt die schockierende Erkenntnis, dass diese Szenen insgesamt an eine verschrobenere Version von „Dr. Seltsam“ oder sogar gelegentlich an „Full Metal Jacket“ erinnern.
Michael Moore setzt sich hier mutig und mit all seiner Kraft für einen Standpunkt ein, der für ihn selbstverständlich ist. Wie schon in seinen vorangegangenen Filmen überrollt er dabei wie ein Bulldozer alle andersartigen Reflexionen, die ihm in die Quere kommen. Aber was macht das schon? Schließlich vertritt er seine Meinung und eine sicherlich recht heilsame Wahrheit mit dem Wunsch, sie zu verbreiten, auch wenn die Konfrontation mit ihr alles andere als erfreulich ist (viel wurde übrigens zensiert und daher noch nie gezeigt). Er kämpft seinen Kampf mit ehrlichen Mitteln, doch vielleicht sind sie ein wenig zu radikal: Man sieht eine Mutter, die um ihren toten Jungen weint, Bilder von verletzten Kindern und kriegsversehrten Soldaten im Irak. Außerdem gibt es Szenen, die einem nur schwer aus dem Kopf gehen.
Das Bild des amerikanischen Präsidenten zum Beispiel, wie er mit apathischem, vollkommen leerem Blick in einem Kindergarten aus einem Winnie-der-Bär-Buch vorliest. Soeben hat man ihn über die Anschläge auf das World Trade Center und die Vereinigten Staaten von Amerika unterrichtet, doch er fährt lange, lange Minuten mit seiner Lektüre fort. Manchmal übersteigt die Realität die Fiktion, und manchmal weiß man einfach nicht mehr, ob man darüber lauthals lachen oder vor Verzweiflung weinen soll.
Delphine Valloire
(USA, 2004, 112 Min.)
Regie Michael Moore






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