Darsteller: Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen, Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss u.a.
D 2005
Synopsis: Die Halbbrüder MICHAEL (Christian Ulmen) und BRUNO (Moritz Bleibtreu) haben ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu ihrer Hippie-Mutter (Nina Hoss), aber das ist auch schon alles, was sie verbindet. Während aus dem introvertierten Michael ein berühmter Molekularbiologe geworden ist, der erfolgreich nach dem genetischen Schlüssel für die künstliche Reproduktion forscht, leidet Bruno, der Lehrer und Schriftsteller, unter seinem Mutterkomplex und sucht verzweifelt nach sexueller Erlösung. Der Zufall will es, dass beiden doch noch die Liebe ihres Lebens zuteil wird: Michael trifft seine Jugendfreundin ANNABELLE (Franka Potente) wieder und Bruno lernt beim Esoterikurlaub die lebenslustige CHRISTIANE (Martina Gedeck) kennen. Bald aber wird ihr Glück einer schweren Bewährungsprobe ausgesetzt.Biografie: Geboren am 21.1.1959 in Starnberg. Er zieht Anfang der 80er Jahre nach Berlin und arbeitet als freier Journalist und Autor. Nach dem Erzählband „Das Abschnappuniversum“, 1984, und Drehbüchern für Niklaus Schilling, Christoph Schlingensief und Mark Schlichter folgt 1997 sein Spielfilmdebüt SILVESTER COUNTDOWN. Für DIE UNBERÜHRBARE erhält er im Jahr 2000 den Deutschen Filmpreis in Gold.
Kritik: Alles beginnt mit ein paar Worten, die sich auf einem Computerbildschirm zu Sätzen zusammenfügen, Worte die wieder gelöscht und durch neue, optimistischere Umschreibungen ersetzt werden, bis sich aus den tastend formulierten Sätzen ein Bekenntnis geformt hat. Ein eben noch zweifelndes und nunmehr tatendurstiges Bekenntnis zur Wissenschaft, zu den unbegrenzten Möglichkeiten der genetischen Reproduktion und zur Überwindung der eigenen – auch biologischen - Grenzen. Sein Verfasser ist Wissenschaftler Bruno (Christian Ulmen), der untersetzte, streng gescheitelte Mann mit der randlosen Brille, der trotz der Festigkeit seiner Worte eher so wirkt, als müsse er sich von der Richtigkeit und Wichtigkeit seiner Mission erst selbst überzeugen. Regisseur Oskar Roehler hat Houellebecqs nach Berlin verpflanzte Romanfigur damit zwar nicht neu erfunden, aber er holt hinter dem wissenschaftsgläubigen, misanthropischen Wegbereiter der Apokalypse eher den skeptischen, introvertierten Romantiker und Menschenfreund hervor. Einen Wissenschaftler, dem physikalische und mathematische Versuchsanordnungen mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein geben, als menschliche Beziehungen. Eine Figur, die Roehler sehr am Herzen liegt.
Seine Verfilmung der umstrittenen „Elementarteilchen“ richtet sich bis auf den Schluss eng an der literarischen Vorlage aus, obwohl er seine Handlung ins wiedervereinigte Deutschland verlegt hat. Da folgt Roehler wohl der zivilisationspessimistischen Argumentation des Romanautors, dem zufolge die Länder der westlichen Welt in ihrem totalen Konsumstreben und dem damit einhergehenden moralischen Zerfall kaum mehr voneinander unterscheidbar seien. Ein wenig steif wirkt es trotzdem, wenn Roehler sich darum bemüht, die Romanessenz so unverfälscht als möglich auf die Leinwand zu bringen: Wie bei Houellebecq fällt Bruno Djerzinskis Wellensittich als Sinnbild seiner seelischen Malaise tot von der Käfigstange, bedauert sich sein ungleicher Halbbruder beim Onanieren und unsittlichen Annäherungsversuchen an seine Studentinnen oder gefällt sich in rassistischen Schmähschriften. Roehler inszeniert dabei so, als sei seit dem Erscheinen des Romans vor acht Jahren nichts passiert - als sei das Einschlagen auf die 68er-Generation und ihr egomanisches Streben nach sexueller und seelischer Selbstfindung, verkörpert von einer zur Karikatur erstarrten, Dauer lächelnden Hippie-Mama Nina Hoss, noch genauso politisch unkorrekt wie in den polemischen New-Economy-90ern; als sei die tabulose Zurschaustellung einer zwanghaften Sexualität mit ihren Masturbationsfantasien und Swingerclubexzessen noch genauso skandalös; als sei in der Debatte um geklontes Leben nicht längst ein neues Kapitel aufgeschlagen worden.Bei Roehler gerät die Darstellung der Houellebecq’schen Zivilisationskritik, die zwar nicht frei von satirischen Untertönen, aber keineswegs Klamotte ist, in großen Teilen zur Karikatur. Moritz Bleibtreu schimpft und heult sich durch sein durch Muttern verschuldetes Elend, dass man ihm bald nicht mehr zuschauen mag. Mit in den Strudel seines dauerselbstmitleidigen Treibens gezogen werden auch sein öliger Verleger (Herbert Knaup), die schockierte Psychologin (Corinna Harfouch), der versoffene Vater, ein arbeitsloser Schönheitschirurg (Uwe Ochsenknecht) und die Yogalehrerin im Eso-Camp (Jasmin Tabatabai) und schließlich auch Martina Gedeck, der es bei aller schauspielerischen Klasse nicht gelingt, den sexuellen Erlösungstrip und die daran geknüpften Sinnfragen nicht als überzogene und emotional belanglose Farce erscheinen zu lassen.
Ob nun gewollt oder nicht, Roehlers Inszenierung legt immerhin die Schwachstellen von Houellebecqs umstrittenen Skandalroman offen: das von der Freud’schen Psychoanalyse inspirierte, in Frankreich sehr geliebte Wühlen des Autors und seiner Protagonisten in den Untiefen der eigenen Vergangenheit, demzufolge der Ursprung für alles gegenwärtige Leid in psychischen, während Kindheit und Jugend erlittenen Traumata zu suchen ist und diese Traumata den Menschen unvermeidlicherweise lebenslang als tonnenschweres Gepäck begleiten würden; die Sentimentalität, die hinter der teilweise sehr eindringlich geschilderten Zivilisationskritik durchscheint; und die damit in Verbindung stehende Reduktion seiner beiden Protagonisten auf Stellvertreter eines neuen Mannes, deren Sexualität und Gefühlshaushalt durch gesellschaftliche und ökonomische Zwänge einem gnadenlosen Leistungsprinzip unterworfen seien. Einer von Roehlers Akteuren aber - Christian Ulmen- kann diese Vereinfachung nichts anhaben: sein zurückhaltendes, sensibles und uneitles Spiel lässt erahnen, welche Emotionalität und Sehnsucht in Houellebecqs Roman hinter aller Polemik und Übertreibung doch (neu) zu entdecken gewesen wäre.
Martin Rosefeldt
Kritik: Die Verfilmung von „Elementarteilchen“ bietet in Sachen Öffentlichkeit und Bekanntheit schon einiges. Entscheidend aber ist die eigentliche Aufgabe, die sich Oskar Roehler gestellt hat: Die Adaption eines jener neueren Bücher, die auch von Kinoliebhabern geschätzt und hochgelobt wurden. Das provoziert natürlich geradezu den direkten Vergleich und damit Ablehnung. Dieser Gefahr haben sich schon andere Regisseure ausgesetzt und sich zu Recht („American Psycho“ von Mary Harron) oder Unrecht („Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Brian de Palma) eine Abfuhr eingehandelt.Die Tatsache, dass dieser Film unter deutscher Federführung produziert wird, kann durchaus als Chance begriffen werden. Gerade weil die vor einigen Jahren in Frankreich von Philippe Harel verfilmte „Ausweitung der Kampfzone“ in völliger Anonymität in den Kinos lief. Die geistige Verwandtschaft zwischen Roehler und Houellebecq ist offensichtlich (die literarische Veranlagung, die Thematisierung des Fleischlichen, Ungesunden), und deshalb hätte man sich mehr von diesem Unterfangen erhoffen dürfen. Der Filmemacher verwertet die Romanvorlage des schweigsamen französischen Schriftstellers ganz pragmatisch und drückt ihr dabei eine Ästhetik auf, die seit „Good bye, Lenin“ (2003) das deutsche Filmschaffen prägt. Schnitt, Kameraführung und die aufreizend aufdringliche Musik scheinen wie von Wolfgang Beckers Kassenschlager kopiert. Damit verliert Oskar Roehler etwas von der Scharfzüngigkeit, die seine vorangegangenen Produktionen auszeichnet. Das gilt auch für seinen letzten Film „Agnes und seine Brüder“ (2004), in dem der herausragende Moritz Bleibtreu bereits in einer ganz ähnlichen Rolle zu sehen war.
Wenn man jedoch bedenkt, dass alle Mängel des Buches (nämlich die Freudsche, archetypische Psychologie als einziges Erklärungsmuster) übernommen wurden und der Film der Vorlage somit relativ treu bleibt, so muss man dem Regisseur und Drehbuchautor zugute halten, den Roman geschickt gekürzt und so jene etwas durchschnittliche, aber doch ausreichend fassbare Melancholie herausdestilliert zu haben. Man könnte auch sagen: Der Film eignet sich für all diejenigen, die niemals auch nur eine Zeile von Michel Houellebecq lesen würden und sich dennoch die bittere Klage seiner traurigen Leier nicht ganz entgehen lassen möchten.
Julien Welter- Im Gespräch mit Oskar Roehler
Für Ihren Film „Elementarteilchen“ haben Sie den „Skandalroman“ des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq adaptiert – und ihm die Schärfe genommen. Warum dann Houellebecq?
Houellebecq entwirft einen sehr interessanten Kosmos. In seinem Roman sind Kräfte zu spüren, die uns zeigen, wo wir gerade stehen, als westliche Zivilisation. Deshalb habe ich mich für den Roman interessiert. Würde man aber dem Zuschauer das zumuten, was Houellebecq in seinem Roman beschreibt, dann würde niemand den Film sehen wollen. Ich glaube, du willst weder die exzessiven Sexszenen sehen, wie Houellebecq sie beschreibt, noch willst du, nachdem du dich an die Figuren gewöhnt hast, auf die Art und Weise fallen gelassen werden, wie Houellebecq es in seinem Roman mit dir macht. Genau da scheiden sich die Geister. Die Leute, die am Ende des Romans das Gefühl hatten, allein gelassen zu werden, werden den Film lieben. Die hingegen, die es gerne hart haben, werden ihn möglicherweise ablehnen. Es macht Spaß, das zu beobachten.
Wird der Fatalist Roehler versöhnlich?
Ich war noch nie ein Fatalist, ich bin ein absoluter Romantiker. Und ich denke, das merkt man dem Film auch an. Es macht mich latent aggressiv, wenn ich immer wieder höre: „Warum ist er nicht hart genug?“ Stellen Sie sich vor, Sie verfolgen den Hauptdarsteller, den Physiker Michael, der nach zehn Jahren seine Jugendliebe wiedertrifft, eigentlich eine wirklich große Liebesgeschichte, ganz klassisch, wie im amerikanischen Kino. Sie haben sich also gerade getroffen, und zehn Filmminuten später, lasse ich die Frau dann Unterleibskrebs kriegen, woraufhin sie sich mit Schlaftabletten umbringt. Was wäre das denn für ein Film? Das stellt dich doch nicht zufrieden als Zuschauer. Du willst doch sehen, wie sich eine Geschichte entwickelt. Du baust eine unheimliche Zärtlichkeit zu den Charakteren auf, und wenn ich die dann einfach so zerstören würde, dann wäre doch die Moral der Geschichte, dass das Leben nicht lebenswert ist. Dann würde ich den Zuschauern mitteilen, wie Houellebecq es gemacht hat: Passt auf, Leute, die Menschheit ist am Ende, dieser schlecht programmierte biologische wird in fünf Minuten in den Abgrund gestürzt, zack, und dann ist es vorbei. Ihr könnt jetzt nach Hause gehen und euch einen Strick nehmen ... Auf sowas hab ich einfach keine Lust mehr.
Zuschauer, die mit Ihren früheren Filmen nichts anfangen konnten, mögen „Elementarteilchen“. Ist es gut, massentauglich zu sein?
Es ist eine Erfahrung, wie viele andere auch, die du entweder mitnimmst oder der du dich verschließt. Du kannst entweder sagen, nein, das lehne ich kategorisch ab, ich will meine Filme genau in der Form machen, wie ich sie immer gemacht habe, oder du lässt dich auf das Abenteuer ein, einmal auszuprobieren, ob eine Sache auch in eine andere Richtung funktioniert. Ich hatte einfach Lust, einmal einen Film zu machen, der das Publikum interessiert, und nicht wieder so eine egomanische Sache. Es war mir wichtig, dass der Zuschauer den Film mag. Dass er sich in die Figuren einfühlen kann und nicht plötzlich herausgerissen wird, weil etwas passiert, das er überhaupt nicht nachvollziehen kann.
Eigentlich nutzen Sie Houellebecqs Romanvorlage, um am Ende doch wieder Ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die Themen sind die gleichen wie in Ihren anderen Filmen. Die Brudergeschichte, der Konflikt mit den Eltern ...
Ja, aber das habe ich erst hinterher gemerkt. Ich habe sehr viel über das Buch nachgedacht und versucht, das Beste aus dem Roman herauszuholen, die beste, für einen Film geeignete, Geschichte zu erzählen. Und dann habe ich letztendlich doch gemerkt, dass ich diesen Film auch selbst hätte schreiben können. Es ist ja nicht von Nachteil, dass er wieder sehr viel von mir selbst hat, aber es war nicht geplant. Irgendwie hat sie sich da doch wieder `reingemogelt, diese Roehler-Romantik, oder wie man es auch immer nennen mag.
Der große Pessimist Houellebecq und der Romantiker Roehler – wie passen die beiden zusammen?
Houellebecq ist auch ein großer Romantiker, das unterschätzen die Leute. Er ist ein enttäuschter Romantiker, aber er setzt an das Ende seines Romans eine völlig romantisierende Utopie. Die Idee einer in perfekter Harmonie funktionierenden Gesellschaft, in der sich perfekte Wesen ohne Aggressionen bewegen, weil sie sich ohne Sexualität fortpflanzen. So ein Gesellschaftsideal hätte auch Novalis vor 200 Jahren entwickeln können, oder aber auch die Nazis.
Andererseits halte ich Houellebecq für reaktionär und gefühlskalt. Der Weg, den er aufzeigt, ist zwar sehr verlockend beim ersten Lesen, weil er von einer bestechenden Intelligenz ist, aber er bietet überhaupt keine Fläche für einen Film. So haben wir festgestellt, dass wir zwar mit den Prämissen einverstanden sind, aber überhaupt nichts mit den Schlussfolgerungen anfangen können. Deshalb haben wir unsere eigene Geschichte daraus entwickelt.
Sind es dann doch eher autobiografische Bezüge, die Ihre „Seelenverwandschaft“ zu Houellebecq ausmachen, von der Sie so gerne sprechen?
Es gibt diese Seelenverwandschaft zwischen uns, das lässt sich überhaupt nicht abstreiten. Es gibt Biografien, wie meine und seine, die auf eine gewisse Art deckungsgleich sind, vielleicht bis zum zwanzigsten Lebensjahr: Scheidung der Eltern, im frühen Kindesalter zu den Großeltern, im Internat die Pubertät erleben, was auch keine feine Sache ist ... Das kennen wahrscheinlich viele, und das prägt einen. Viele Leute aus meiner Generation, die sich in intellektuellen Kreisen bewegen, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Heute ist das anders, die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Scheidungskinder wachsen heute ganz anders auf als vor 20 Jahren. Sie sind viel gesünder und selbstbewusster, sie können besser mit Trennungen umgehen und tragen nicht diese Verletzungen in sich, die einem die Gesellschaft damals zugefügt hat.
Bernd Eichinger ist mehr als ein Produzent. „Elementarteilchen“ wird kein Oskar-Roehler-Film sein, sondern ein „Film von Oskar Roehler und Bernd Eichinger“. Haben Sie keine Angst, ebenso neben Eichinger unterzugehen wie Oliver Hirschbiegel als Regisseur des Films „Der Untergang“?
Ach was ... Hauptsache, die Leute haben ihren Spaß.
Zum Schluss noch ein Blick nach vorne: Woran arbeiten Sie gerade? Wird es mal wieder etwas Böses geben?
Ich will nichts Böses machen im Moment, ich mache eine Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte. Eine große, klassische Liebesgeschichte, so etwas wie Titanic (lacht).
Wieder mit Eichinger?
Nein, nicht mit Eichinger. Wir machen mal Pause. Wir müssen ja jetzt nicht jeden Film zusammen machen.
Und trotzdem nichts Böses in nächster Zukunft?
Wenn Sie etwas gutes Böses für mich schreiben, mach ich das. Aber mir selbst fällt im Moment nichts ein.
Interview: Maike van Schwamen






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