- Synopsis
Hinter der heilen Vorgartenfassade einer südkalifornischen Kleinstadt inspiziert das congeniale Duo Larry Clark und Ed Lachman verschiedene Formen des familiären Missbrauchs. Während die Teenager Shawn, Tate, Claude und Peaches in ihrem Skatepark frei und unbeschwert sein können, erwartet sie zuhause Resigniertheit, Aggressivität, religiöser Fanatismus, Alkoholismus und sexuelle Ausbeutung. - Der Kommentar zum Film
Klar muss sich Ken Park den Vorwurf gefallen lassen, dass er pornografisch ist. Er will es sein, er muss es sein. Larry Clark ist der einzige amerikanische Filmemacher, der so authentisch Sex zwischen Jugendlichen auf die Leinwand bringt. Sein neuer Film ist ‚unrated', weil er viel zu viele explizite Szenen aufzuweisen hat. Aber: Eines der wichtigsten Themen mit 16-18 ist nun mal Sex; egal ob man welchen hat, weil man unkompliziert und offen damit umgeht, oder ob man damit ein Riesenproblem hat. Das Thema an sich bleibt. Und Larry Clark, der als Fotograf angefangen hat, hat Sex unter Jugendlichen zu seinem Hauptthema gewählt. Schwierig wird jetzt, dass er die Eltern der Kids mit einbezieht. Einer der Jungs - natürlich alle Skater wie in seinen letzten Filmen - hat Sex mit einem Mädel und mit deren Mutter. Ein anderer wird von seinem Vater - mit dem er starke Probleme hat - im Schlaf besucht. Er will seinem Sohn einen blasen. Als dieser schockiert aufwacht, meint er ganz unschuldig: ‚Ich bin's nur, Dad.' Als der Sohn ihn von sich stößt, jammert er: 'Keiner liebt mich.' Zum Glück kennen Clark und Lachman doch noch Grenzen, und zeigen keinen Inzest, deuten ihn aber an. So gelingt es ihnen, eine bedrückende, düstere Stimmung zu zeichnen, in der die Jugendlichen lernen müssen zu überleben. Manchen gelingt es besser, anderen weniger. Peaches etwa, die mit ihrem streng religiösen Vater zusammenlebt, flüchtet in Sexphantasien, die sie real auslebt: sie fesselt Jungs an ihr Mädchenzimmerbett und hat Sex zu dritt. Später dann zwingt sie ihr Vater unter vier Augen, ihn zu heiraten, weil sie ihrer toten Mutter aus dem Gesicht geschnitten ist. Was danach folgt, bleibt dem Zuschauer verheimlicht. Clark und Lachman haben auch einen sehr trockenen Humor. So gab es Szenenapplaus, als ein total betrunkener Vater pinkelt - mit vollem Strahl und ohne die Hände zu benutzen - im Stehen, während er eine Bierbüchse öffnet, und den vollen Strahl in seinen Mund plätschern lässt. Ein unglaubliches Bild. Als Rahmen dient dem Film die Geschichte von Ken Park, einem der Jungen, der es nicht schafft, in diesem Klima zu überleben. Am Anfang des Films begleitet ihn die Kamera beim skaten, sie fährt ihm minutenlang hinterher, und zeigt so die Kleinstadt in der alles spielt, begleitet von Skatermusik. Der rothaarige Ken Park, vielleicht 16 stoppt, packt seine DV-Kamera aus, richtet sie auf sich, holt eine Pistole aus seinem Rucksack und erschießt sich.
Nana A.T. Rebhan
Nach Kids und dem blutigen Bully hat Larry Clark erneut einen etwas anderen teenage movie gedreht: Ken Park ist ein unabhängiger, realistischer, kompromissloser, gewagter und wütender Film. Er entstand in Zusammenarbeit mit Ed Lachmann, der bei Virgin Suicides und Far from Heaven die Kamera führte, nach einem Drehbuch von Harmony Korine, dem Regisseur des beunruhigenden Filmes "Gummo". Man hat es hier also mit Tabubrechern zu tun, die gegen das "Politisch Korrekte" rebellieren. Im Gegensatz zu den Hollywood-Filmen mit ihrer sterilen und künstlichen Welt, in der pubertäre Jugendliche grundsätzlich keine Slips zu tragen scheinen, beschreibt "Ken Park" die knallharte Realität und die brutalen Auswüchse des Lebens in der amerikanischen Provinz. Dort wachsen die jungen Leute mit MTV auf, fahren Skateboard, trinken, haben Sex und ziehen so gelangweilt und ernüchtert an ihrer Zigarette, als hätte ihnen das Leben gar nichts mehr zu bieten. Der Film erzählt von vier Jugendlichen, von vier Leben, die Albträume sind. Claude sucht vergeblich Schutz vor den Gewaltausbrüchen seines gestörten, alkoholkranken Vaters, der ein verkappter Homosexueller ist, während die schwangere Mutter apathisch zusieht. Peaches wird von der inzestuösen Liebe ihres Vaters erstickt, eines Bibel-Fanatikers, der in ihr das Ebenbild der verstorbenen Mutter sieht. Shawn hat eine Beziehung zu einer attraktiven verheirateten Frau und ihrer 15-jährige Tochter und versucht mehr schlecht als recht, beiden gerecht zu werden. Tate ist vom Leben frustriert und lebt seine morbiden Vorlieben aus. Er lebt bei seinen wohlhabenden, glücklich verheirateten Großeltern, mit denen es ständig zu kleinen Missverständnissen kommt. Schließlich hasst er sie deswegen so sehr, dass es zum Mord kommt. Ken Park" enthält Bilder wie die Frontalaufnahme einer Selbstbefriedigung und die Großaufnahme eines länglichen Sperma-Tropfen an einer Penisspitze. Der Film schockiert jedoch nicht deswegen, sondern vor allem weil er ungeheuer glaubwürdig wirkt, man lese nur den oft sehr makabren Polizeibericht. In diesem Werk, das wie eine brutale Psychoanalyse mit äußerst schwarzem Humor ist, setzt Larry Clark wieder einmal da an, wo es am meisten schmerzt und beleuchtet das Thema sexueller Missbrauch in der Familie. Vor dem Zuschauer eröffnen sich Abgründe. Nach all dem Krankhaften und zutiefst Deprimierendem endet der Film jedoch mit einer völlig unerwarteten Szene, in der versucht wird, das Böse durch das Gute zu überwinden: In einer wilden und hemmungslosen Orgie finden Peaches, Shawn und Claude zu ihrer Sorglosigkeit und Lebensfreude zurück.
Delphine Valloire- Das Bonusmaterial
Ken Park, nach Kids und Bully der letzte Teil seiner „teenage trilogy“, ist Clarks und Lachmans bisher versöhnlichster Film. Obwohl sich in der allerersten Szene des Films der Teenager Ken Park zwischen Halfpipes und Skatebordrampen mit einer Pistole seinem Leben ein rabiates Ende setzt. Immer noch bestimmen Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Gewalt und Sex der Jugendlichen in den trotzlosen amerikanischen Mittelstands, deren Leben diesmal in enge Relation mit ihrem familiären Umfeld gesetzt wird. Aber hinter den emotionalen Manipulations- und Erpressungsversuchen der Erwachsenen, die der Befriedigung unerfüllter eigener Bedürfnisse dienen, wird auch eine moralisch nicht verurteilte Hilflosigkeit und Desorientierung von Vätern und Müttern, Großmüttern und Großvätern sichtbar. Das macht die neue Sanftheit dieses in Venedig 2002 vorgestellten und von der Presse wie immer im Falle Larry Clarks aufgenommenen Films aus, der von den Machern als eine Art Begleitfilm zu Kids verstanden wird. Es sind alkoholisierte, gelangweilte, desorientierte Eltern wie diese, die überall in Amerika das Bild der Vorstädte prägen, nur findet ihr mangelndes Verantwortungsgefühl, ihre allgemeine Ratlosigkeit nirgendwo auf der Leinwand Ausdruck.
Kein Wunder also, dass Larry Clark überall dort, wo seine Filme gezeigt werden, angefeindet und oft gar als „dirty old man“ diffamiert wird. Dabei ist Clark ein Filmemacher, der mit ganzer Seele auf der Seite seiner Jugendlichen steht, nicht als Moralist zwar, aber als jemand, der immer noch direkten emotionalen Zugang hat zu den Begierden, Sehnsüchten und Gedanken der Teenager. Diese haben zweifelsohne nicht immer etwas mit Moral zu tun. Sicherlich provozieren die Bilder, wenn Larry Clark und Ed Lachman eine Selbstbefriedigungsszene in voller Länge oder den sinnlosen, brutalen Mord eines Teenagers an seinen Großeltern zeigen. Dies aber geschieht bei Larry Clark nie aus voyeuristischen Motiven oder gar mit dem Ausdruck von Beliebigkeit, wie manche ihm vorgeworfen haben, sondern immer, um sein Publikum wachzurütteln und zu mehr Anteilnahme zu bewegen.
Legend International hat es sich in der Reihe „Kino Kontrovers“ erfolgreich zur Aufgabe gemacht, umstrittene Kinomeisterwerke – mit wertvollen Hintergrundinformationen angereichert –als DVD herauszugeben. Auch der neue Larry-Clark-Film gefällt wieder durch ein selten ausführliches, liebevoll layoutetes Booklet mit einem längeren Essay über die Filme Larry Clarks sowie je zwei längere, aufschlussreiche Interviews mit Larry Clark, Ed Lachman sowie der Hauptdarstellerin Tiffany Limos.
Weiteres Extra: Kinotrailer
Martin Rosefeldt
- Ken Park
Darsteller: James, Ransone, Tiffany Limos, Stephen Jasso, James Bullard, Amanda Plummer u.a.
USA, 2002, 91’ 1, 85:1 (16:9 anamorph codiert)
Sprachen: Deutsch/Englisch Dolby Digital 5.1
Untertitel: Deutsch/Engl






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