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ARTE Journal - 25/06/12

Katar, der mächtige Zwergstaat

Das Wüstenemirat Katar hat die Protestbewegungen in Nordafrika und im Nahen Osten von Anfang an unterstützt. Gezielt hat Doha mit seinen Gas- und Petro-Milliarden dabei die islamistischen Kräfte in Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien gefördert. Schon lange pflegen die Minimonarchie im Persischen Golf und die Muslimbrüder eine enge Beziehung. Auch für den Westen ist klar: Wer im Nahen Osten eine politische Rolle spielen will, kommt an Katar nicht mehr vorbei. Das wichtigste Instrument katarischer Außenpolitik ist dabei der staatseigene Sender Al Jazeera, besetzt mit zahlreichen Muslimbrüdern. Beispiel Libyen: rund um die Uhr rief der Sender zum Kampf gegen Gaddafi auf. Doch auch für Waffenlieferungen an islamistische Rebellen sorgte Katar. Waffen, die nun in Syrien neu zum Einsatz kommen. Neben ihrer Aufrüstung, drängt Katar die arabische Liga und den Westen zu einem militärischen Eingreifen. Das Kalkül dahinter - auch konfessionell: das schiitisch-alawitische Assad-Regime soll gestürzt und durch sunnitische Kräfte ersetzt werden.


Über die Rolle Katars und die politischen und geopolitischen Folgen des arabischen Frühlings für die muslimische Welt, sprach Patrick Schulze-Heil mit dem Nahostexperten der Stiftung Wissenschaft & Politik Dr. Guido Steinberg in Berlin.   




Patrick Schulze-Heil für Arte Journal: Welche Rolle will Katar in der arabischen Welt derzeit spielen?



Transkription
Dr. Guido Steinberg: Katar will ganz deutlich eine Führungsrolle spielen. Und das gilt vielleicht  nicht für das Land insgesamt, aber das gilt zumindest für den jetzigen Emir Hamad bin Khalifa und seinen Premierminister. Das ist insofern auch in der politischen Elite des Landes umstritten, als es immer noch eine starke Strömung gibt in der Herrscherfamilie, die vor allem auf ein starkes Bündnis mit Saudi-Arabien und faktisch auf eine Unterordnung setzt. Dieser Flügel ist aber im Moment nicht so bedeutsam wie der andere. Und Katar hat dementsprechend in gewisser Weise versucht den Saudis den Rang abzulaufen. Und das Land profitiert dabei von den Schwächen der anderen Führungsmächte. Ägypten ist vollkommen ausgefallen und es ist unklar, wann Ägypten wieder eine regionalpolitische Rolle spielen kann. Saudi-Arabien ist präsent, ist aber insgesamt sehr stark geschwächt dadurch, dass die politische Elite sehr konsensorientiert ist, stark überaltert und an vielen Tagen der Woche ganz einfach nicht handlungsfähig. Und da hat Katar eben eine sehr dynamische Führung gezeigt und hat mit sehr viel Geld und sehr entschlossener Unterstützung für die Islamisten tatsächlich eine Art Führungsrolle erobert. Es ist aber unklar, ob das Land auch langfristig diese Rolle spielen will. Es ist einfach sehr klein. Und deswegen sind seine Möglichkeiten begrenzt. Sobald einer dieser großen Staaten tatsächlich wieder konsolidiert, eine etwas dynamischere zielgerichtete Außenpolitik führt, wird Katar wahrscheinlich wieder von der Bildfläche verschwinden.

Katar hat ja nun auch in Tunesien die Muslimbrüder sehr früh und gezielt gefördert. Trotzdem, um den massiven Erfolg der islamistischen Ennahda-Partei zu erklären, muss es doch schon zu Zeiten des Diktators Ben Ali diese islamistischen Kräfte gegeben haben?



Transkription
Dr. Guido Steinberg: Der Erfolg der Ennahda-Partei, faktisch der tunesischen Muslimbruderschaft, war für ganz  viele Beobachter eine große Überraschung, weil die Organisation als im Inland praktisch nicht präsent galt. Jetzt im Nachhinein betrachtet stimmte das wohl nicht. Ohne dass dort Strukturen bestanden hätten, wäre dieser große Erfolg bei den Wahlen, etwas über 40 %, wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Aber die Islamisten, die nutzen in gewisser Weise natürlich auch die starke Religiosität der Bevölkerung und das ist etwas, was westliche Politik in Tunesien nicht wahrgenommen hat. 80 % der Bevölkerung sprechen eben arabisch als Muttersprache und nicht Französisch wie die Elite. Die sind religiös, die gehen in die Moscheen und die Ennahda-Partei war diejenige, die sehr sehr Schnell die Kontrolle über den Diskurs in den Moscheen gewonnen hat. Daher erklärt sich ihr großer Erfolg. Und man muss wohl davon ausgehen, das Tunesien da eben nur eines von vielen Ländern ist. Und weil Tunesien eben als ein so stark säkularer Staat galt, ist das eben auch ein Hinweis darauf, wie stark die Muslimbrüder in anderen Ländern werden können, die eben nicht so stark säkular geprägt sind.

Wir sehen nun überall in Nordafrika und im Nahen Osten ein Erstarken der islamistischen Kräfte. Ist dies, 33 Jahre nach der islamischen Revolution im Iran, der Beginn einer neuen islamischen sunnitischen Revolution?  Oder lässt sich das nicht vergleichen?



Transkription
Dr. Guido Steinberg: Nein, ein Vergleich mit der islamischen Revolution ist überhaupt nicht an den Haaren herbeigezogen. Man muss tatsächlich, wenn man keine Handlungsmöglichkeiten hat, dann abwarten wie sich die Lage entwickelt. Es ist nicht zu erwarten, dass die Islamisten zumindest in den wichtigeren Ländern der Region, so stark werden, wie sie nach der islamischen Revolution im Iran wurden. Aber worauf wir uns einstellen müssen ist, das sich das gesellschaftliche Leben insgesamt verändern. Es wird religiöser werden. Es wird insgesamt, die Maßstäbe nicht nur der Muslimbruderschaft, sondern weiterer Teile der stark konservativen religiösen muslimischen Bevölkerung, wird eine wichtigere Rolle spielen als bisher. Und es wird in einigen Staaten so weit gehen, dass das für uns bedenkliche Züge annimmt.

Katar baut durch die Förderung der sunnitischen Kräfte in Libyen, Tunesien, Ägypten und in Syrien  ganz bewusst ein Gegengewicht gegen den schiitisch dominierten Iran und Irak auf. Ist die Verschärfung des konfessionellen Konflikts, Sunniten gegen Schiiten, auch ein Ergebnis der arabischen Revolution?



Transkription
Dr. Guido Steinberg: Die Verschärfung des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten ist eine Begleiterscheinung dieser Ereignisse des letzten Jahres. Tatsächlich ist es so, dass dieser konfessionelle Konflikt ja schon seit 2003, also seit der amerikanischen Invasion im Irak, immer schärfere Konturen annimmt, sich mit machtpolitischen Konflikten vor allem zwischen Saudi-Arabien und dem Iran vermengt und dadurch zu einem wichtigen Aspekt der Regionalpolitik geworden ist. Und gerade, wenn man sich die Bruchlinien anschaut, also die Orte wo Schiiten und Sunniten zusammenleben, da wird man feststellen, dass diese gesamten Ereignisse der arabischen Frühlinge auch vor dem Hintergrund des Konfessionskonfliktes gesehen werden.



Erstellt: 25-06-12
Letzte Änderung: 25-06-12