Seit ein paar Jahren ziehe ich mich zum Schreiben nach Souliers, einem kleinen Dorf im Queyras, zurück. Einmal hat mich ein Freund nordafrikanischer Herkunft begleitet. Die Dorfbewohner neckten ihn, indem sie ihn „Graues Reh“* nannten, eine leicht rassistische Bezeichnung, die mich schockierte, aber im Grunde nicht böse gemeint war. Als ich ihn mal mit einem recht blasen Jungen zusammen sah, sagte ich zu mir: „Wie Grau und Weiß!“
[*Der französische Titel des Films lautet: „Gris blanc“ – A.d.Ü.]
Die Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung erlaubt dem „Grauen“ und dem „Weißen“, sich über ihre Identität klar zu werden.
Lak ist ein Städter, den die Vorteile und die scheinbaren Annehmlichkeiten des Stadtlebens interessieren. Seine nordafrikanische Herkunft versucht er zu verbergen. Die Begegnung und das Dilemma, mit dem er konfrontiert wird, führen dazu, dass er zu den wesentlichen Dingen des Lebens zurückfindet und seinem Leben einen Sinn zu geben versteht. François, der sich in die Berge zurückgezogen hat, reift im Umgang mit Lak zum erwachsenen Mann heran, der auch in der Gesellschaft leben kann. Er lernt Nein zu sagen und eine Liebe, die er schon lange in sich trägt, tatsächlich zu leben.Von Sequenz zu Sequenz nähert sich jeder seiner Identität. Und die weiter gefasste Aussage des Films ist, dass nichts einfach nur schwarz oder weiß ist. Jeder von uns geht durch Licht und Schatten, und im Grunde sind wir alle grau.
Wir befinden uns immer an der Grenze der Wirklichkeit…
Ich würde sagen, der Film ist ein realistisches Märchen. Der Gedanke war, einen Film zu machen, der an den Grenzen des Möglichen rüttelt. Die Grundhaltung ist pantheistisch, und das Thema die Freundschaft. Meine Filme spielen meistens im städtischen Milieu, das mit Gewalt aufgeladen ist. Ich wollte eine einfache Geschichte erzählen, die aber weder platt noch naiv wirkt, eine Geschichte, in der die Rückkehr zur Natur eine Wohltat ist. Eine Art Arznei, frische Luft für den Zuschauer und für mich.
Wie waren die Dreharbeiten? In 2500 m Höhe zu drehen, ist sicher nicht einfach!
Ja, das war ein hartes Unterfangen. Dreiundzwanzig Tage lang war es eisig kalt und und es fehlte an Licht, die Lichtverhältnisse waren äußerst schwierig. Ein wichtiges Kriterium beim Casting war, dass die Leute mit dem Hochgebirge vertraut waren. Alle vierzehn Mitglieder des Drehteams waren sowohl Filmfans als auch Naturliebhaber.
Wie sind diese außergewöhnlichen Hirsch-Szenen entstanden?
Diese Szenen haben, so schwierig sie waren, wirklich etwas Zauberhaftes. Wir mussten einen Tierpfleger, Herrn Cadéac, engagieren, er ist sehr bekannt im französischen Filmmilieu. Der Hirsch, den man am Anfang sieht, kam aus dem Wald von Rambouillet. Man hatte mit ihm gerade „Rois Maudits§ gedreht. Im Gebirge haben wir einen Park von mehreren Hektar angelegt, denn wir konnten die Tiere nicht in freier Wildbahn lassen. Hirsche werden nicht zahm, aber sie gewöhnen sich an den Menschen. Jede Sequenz mit dem Hirsch und vor allem, als er das Gesicht von Simon Abkarian leckte, war es wie ein kleines Wunder!
War es für Sie selbstverständlich, die Rolle des François mit Clovis Cornillac zu besetzen?
Ich wollte schon lange einmal mit Clovis arbeiten, schon bevor er ein Star wurde. Er hat den ersten Entwurf des Drehbuchs gelesen und sofort zugesagt. Und trotz der vielen Angebote, die er danach bekam, hat er Wort gehalten. Die Zusammenarbeit mit ihm war ein wahres Vergnügen! Von Anfang an hat er die Figur instinktmäßig erfasst und eine klare Vorstellung vom Weißen gehabt. Für die zweite Hauptrolle musste natürlich jemand gefunden werden, der diesem großen Schauspieler gewachsen war. Simon Abkarian war genau der Richtige. Er hat eine tragische und eine burleske Seite, und damit hat er den im Drehbuch nur ansatzweise durchscheinenden Humor wirklich zum Tragen gebracht. Und schließlich wollte ich unbedingt mit Myriam Boyer, der Mutter von Clovis Cornillac, drehen. Eine großartige Schauspielerin, die ich bewundere.Wie lauteten Ihre Vorgaben an Jean-François Pauvros für diese einzigartige Musik?
Ich hatte mir eine ganz einfache Musik passend zur Ästhetik des Films vorgestellt. Es musste jemand sein, der fähig war, anhand der Bilder zu improvisieren, der eine Musik schaffen konnte, die zugleich organisch und minimal ist. Bei einigen Stücken verwendet Jean François Pauvros eine elektrische Gitarre, bei anderen ein Saiteninstrument, dadurch entsteht dieser eigenartige Klang. Manchmal benutzt er auch eine äthiopisches Instrument, das sehr originelle Klangfarben hat.- Der Regisseur Karim Dridi:
„Bye-Bye“ (1995) kam in die Auswahl von „Un certain regard“ in Cannes und erhielt den „Prix de la Jeunesse“. Im selben Jahr war „Pigalle“ in der offiziellen Auswahl in Venedig und erhielt die „Michel Simon“-Auszeichnung für Véra Briole und Francis Renaud. 1997 kam „Hors jeu“ in die Auswahl der Filmfestspiele in Locarno und gewann den Preis für die beste Interpretation, der an Rosy de Palma ging, 2000 kam „Cuba Feliz“ in die Auswahl der „Quinzaine des réalisateurs“ in Cannes, 2003 war „Fureur“ in der Auswahl der Filmfestspiele Berlin. Karim Dridi zeichnet außerdem für Dokumentationen: „Impression d’Afrique du Sud“ (1996) und „Citizen Ken Loach“ (1997).






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