Mit Ventura, Vanda Duarte, Beatriz Duarte, Gustavo Sumpta, Cila Cardoso
Eine Arte-Koproduktion


Synopsis: Ventura, ein Arbeiter von den kapverdischen Inseln lebt seit 34 Jahren in Fontainhas, einem Vorort von Lissabon. Sein altes Viertel wurde abgerissen, und er wohnt jetzt in einem neuen, ganz weißen Gebäude. Obwohl er keine eigenen Kinder hat, scheinen alle, mit denen er sich trifft, seine eigenen Kinder zu sein.
Im Gespräch mit dem Regisseur Pedro Costa
Kritik: Der Schlüssel zum Umgang mit dem Werk Pedro Costas ist die Zeit. Der portugiesische Filmemacher nimmt sich Zeit, sehr viel Zeit, sie vorzubereiten und zu drehen. Sieht man sich seine Filme an, sollte man ebenfalls Zeit mitbringen, Geduld zu sehen, denn sie dauern oft mehrere Stunden. Das ist wichtig für Pedro Costas, denn „nur so kann man sehen was ich zeigen will.“ Wochenlang besuchte er die Menschen, die in seinem neuen Film als Darsteller fungieren. Für Juventude em Marcha drehte er 15 Monate, sechs Tage in der Woche, den ganzen Tag lang. Manche Szenen wiederholte er bis zu 20 Mal. 320 einstündige DV-Tapes hat er dazu gebraucht. Die Menschen vor der Kamera sind keine Schauspieler, sie sind sie selbst. Doch Pedro Costa arbeitet mit ihnen an ihren Texten, bis sie sich verdichten, bis sie deren Geschichte in konzentrierter Form erzählen. Das Ergebnis ist bisweilen sehr poetisch. Es ist etwa ein imaginärer Liebesbrief von Ventura an seine Frau Clotilde, die ihn plötzlich verlassen hat: „Wieder mit dir zusammen zu sein, würde meinem Leben für die nächsten 30 Jahre Schönheit verleihen. Ich wünschte, ich könnte dir 100.000 Zigaretten geben, ein Dutzend schicker Kleider, ein Auto...“Die Kamera konzentriert sich ganz auf die Menschen vor ihr, rückt sie ins natürliche Licht, Kunstlicht wird nie verwendet. Die Orte sind deshalb bisweilen sehr dunkel, die Protagonisten schlecht zu sehen. Manchmal aber steht Ventura auch vor dem neugebauten Block, in dem er nun wohnt. Die Kamera duckt sich, filmt ihn von unten und lässt das Gebäude wie einen gleißend hellen Koloss im Hintergrund erscheinen. Pedro Costa hat ein hervorragendes Auge für gute Kadrierungen, auch in den kleinsten Zimmern findet er noch einen interessanten Bildausschnitt. Er reduziert seine Bilder auf die Menschen in ihren Räumen oder vor den Häusern. Keine Gegenstände liegen herum, es gibt kaum Möbel. Es gibt nur den Raum und den Menschen, und die Kamera wird von diesen fast vergessen. Steht diese einmal, bewegt er sie nicht mehr, und konzentriert sich ganz auf seine Regie. Auf die Menschen von den kapverdischen Inseln, die von ihrem Alltag erzählen.
„Die Leute, die ich filme sind gleichzeitig auch meine Freunde“, sagt Pedro Costa, und spricht von einem Glaubensvertrag, den ein Filmemacher mit seinem Werk haben sollte. Einen unbedingten Glauben in den Film, der entstehen soll und seine Notwendigkeit. Er lässt die Menschen erzählen, in ihren Worten. Seiner Hauptfigur Ventura fühlt er sich selbst sehr nahe, denn sie beide sind Menschen, die in der Vergangenheit leben: „Die Vergangenheit steht nicht für Veränderung, oder zumindest nicht für die Absicht nach Veränderungen. Keine Kurswechsel. Ich will immer aufrichtig zu mir selbst sein. Ich war glücklich, jemanden zu treffen, der genauso denkt, und die Dinge genauso sieht. Ich wollte, dass das Subjekt meines Films ein aufrichtiger Mensch ist, in einer Welt, die überhaupt nicht mehr aufrichtig ist. Ein gebrochener Mann.“
Es ist nicht besonders geschickt, einen so anspruchsvollen Film wie Juventude em Marcha am Ende eines Festivals zu platzieren, das von allen Beteiligten viel Energie und Kraft verlangt. Dieser Film ist etwas ganz Besonderes, er verlangt hohe Aufmerksamkeit und Konzentration von seinem Zuschauer. Doch ist der Zuschauer müde und erschöpft, wird die mal poetische, mal aufgebrachte Botschaft des Films nicht zu ihm finden können.
Nana A.T. Rebhan
Synopsis: In einem armen Viertel am Stadtrand von Lissabon lärmt es, Möbel fliegen aus den Fenstern eines Hauses: Clotilde hat beschlossen, ihren Mann Ventura, einen pensionierten Kapverdier zu verlassen. Verloren streift er weiter zwischen den schmutzigen Straßen seines Viertels, die seit Jahren sein Revier sind, und dem neuen Sozialwohnungsbau, in den er nun ziehen soll, umher, und macht weiter wie bisher: Er kümmert sich um die anderen, erkundigt sich nach ihrer Gesundheit und behandelt sie wie seine eigenen Kinder. Kritik: In jedem seiner Filme ging es Pedro Costa nachdrücklich darum, seinen bisherigen filmischen Ansatz zu überdenken. So ließ die beklemmende, klaustrophobische Atmosphäre in „Haut und Knochen“ (1997) noch nichts von der leuchtenden Spannung in „In Vandas Zimmer“ (2000) erahnen. „Juventude em marcha“ scheint jedoch bewusst an den Stil dieses herausragenden Films angelehnt und außerdem von „Où gît votre sourire enfoui“ (2002) beeinflusst zu sein. Diese Dokumentation ist den Regisseuren Danielle Huillet und Jean-Marie Straub gewidmet, die von der Notwendigkeit überzeugt sind, sich noch vor Drehbeginn mit den betroffenen Menschen und ihrer Umgebung vertraut zu machen.
Pedro Costa hat diese Überlegung zum Prinzip erhoben. Geduld ist darüber hinaus ein weiteres Element, mit dem sein Kinoschaffen gekennzeichnet werden kann. Sie ermöglicht ihm vor allem, in Ruhe die verschiedenen Gefühlswelten seiner Protagonisten nach und nach herauszuarbeiten. Im vorliegenden Film nimmt sich Pedro Costa die Zeit, ohne Aggressivität nicht nur die brutale Funktionalität eines Stadtviertels und die Brutalität, die von außen, von der „anderen“ Gesellschaft auf es einwirkt, darzustellen, sondern auch diejenige, die hinter den frischgestrichenen Mauern der neuen Sozialwohnungen verborgenen bleibt. In dem Moment, in dem der Regisseurs in der aus der Vorstadt in die Sozialwohnungen umgesiedelten Gemeinschaft akzeptiert wird und so die wahren Gefühle seiner Protagonisten kennen lernt, offenbart das Viertel mit all seinen psychologischen, wirtschaftlichen, chaotischen und doch greifbaren Verstrickungen eine ganz eigene Geschichte. Jede Figur lässt der Regisseur mit präziser Mimik und Gestik nachstellen, und so wirkt jede einzelne Einstellung exakt durchdacht. Die Sublimierung der schönen aristokratischen und unerwarteten Posen der Figuren ist ein Verweis auf ihren wiedererlangten Stolz, der durch harte Arbeit, Not, Drogen und Ausweglosigkeit zunichte gemacht worden ist.
So ist dieser Film nicht nur von seinem hohen ästhetischen Wert gekennzeichnet, sondern auch durch die Beobachtungsgabe des Regisseurs, die hier noch stärker als in den vorangegangenen Filmen zum Ausdruck kommt. Außerdem gab es ins Costas Werk noch nie so viele komödienartige Szenen wie in seinem neuesten Werk. Dem Filmemacher geht es hier nicht mehr um das unmittelbar bevorstehende Scheitern, sondern um eine Form der Wiederherstellung. Der auf einer Baustelle verletzte Ventura verweist auf die von Isaac de Bankolé verkörperte Figur in „Casa de Lava“ (1994), der zu Beginn des Film ein ähnliches Schicksal widerfährt. Seit diesem Werk beschäftigt sich Costa immer wieder mit der von den Kapverden stammenden Arbeiterschicht in Lissabon. Ventura verkörpert mit seinen Besuchen bei den anderen Pedros Wunsch, eine umgesiedelte und zerrissene Gemeinschaft am Leben zu halten. Es ist kein Zufall, wenn in „Juventude em marcha“ sehr viel weniger Gruppenaufnahmen zu sehen sind als in „In Vandas Zimmer“. Ventura stellt das einzige Verbindungsglied zwischen den vereinsamten Seelen dar, die in ihren neuen Wohnungen vor dem Fernseher hocken. Er möchte an eine alte, tiefgehende und schon fast erloschene Verbindung anknüpfen. Die blendend weißen Mauern der Sozialwohnungen verstärken die Sichtbarkeit jener Bevölkerungsgruppe, die für gewöhnlich gar nicht gesehen werden soll. Pedro Costa gelingt es, mit ungebrochenem Idealismus die sozialen, privaten und häuslichen Grenzen zwischen dem armen und dem renovierten Viertel einzureißen. Dies ist in der Tat ein Zeichen dafür, dass der Regisseur nach Erneuerung sucht und sein Vertrauen ins Kino zurückgewonnen hat.
Julien Welter






per E-Mail verschicken


Facebook
Twitter
RSS

