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Rendez-vous littéraire

Die Gewinner des Übersetzungsexperiments stehen fest!

Rendez-vous littéraire

26/05/14

Poetischer Dialog

Das poesiefestival berlin und die Literaturwerkstatt Berlin (17. - 24.6.2011) stellten einige der spannendsten Dichter Frankreichs vor. In dem Workshop "VERSschmuggel" trafen sie auf junge Lyriker aus Deutschland und übersetzten gemeinsam ihre Gedichte.

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Bei diesem poetischen Dialog entstanden Neudichtungen in der Sprache des anderen von herausragender Qualität. Eines der Gedichte, das der Berliner Tom Schulz und Albane Gellé aus Saumur gemeinsam übersetzten, war "Kraków im Nebel" von Tom Schulz. Beide kennen sich nicht in der jeweils anderen Sprache aus, ihnen lag aber eine wortwörtliche Übersetzung vor und ein Übersetzer begleitete sie bei dem Experiment. Lesen Sie hier ein Interview dazu, wie Tom Schulz dieses Übersetzungsabenteuer erlebt hat.

Kraków im Nebel

in der Straße der Tauben
regnete es aus den Fenstern
ein Mann verkaufte seinem Hund
die Freiheit

ich ging hinunter
ans Meer
da war keins wie
eins

ich spürte
den Wind, das Unerreichbare
auf den Wellen lagen wenige Gramm
der Welt

während eine Frau
dunkler als Trakls Schwester
neben mir
im Traum entschwand

Tom Schulz, Sie sprechen kein Wort französisch, für  Ihre französische Partnerin Albane Gellé ist Deutsch eine unbekannte Fremdsprache und trotzdem versuchen Sie gemeinsam beim poesiefestival berlin ihre Gedichte in die Sprache des anderen zu übertragen. Was reizt Sie an diesem Übersetzungsabenteuer?
TS: Obwohl Französisch mir eine nahezu fremde Sprache ist, kenne ich doch die französische Dichtung gut genug, um das Dichterische "antizipieren" zu können. Und mithilfe der Vorübersetzung (Wort für Wort) ist es möglich, im Deutschen ein Gedicht, in diesem Fall die Gedichte von Albane Gellé nachzubilden. Eine Übersetzung kann ja, was die Poesie betrifft, nie das Original ersetzen. Der Reiz liegt im Neuen, im womöglich Unbekannten. Es ist ein Aufeinanderzugehen, nicht ohne Distanz, jedoch mit Aufmerksamkeit und Begeisterung für den anderen.

Kann VERSschmuggel überhaupt funktionieren?  
TS: Die Übertragungen sind frei, und sollten doch "am Text bleiben". Es sind Nachdichtungen, mal mehr, mal weniger. Die Grundstruktur - und Aussage bleibt gewahrt.
Mitentscheidend ist der Rhythmus des Textes, die Lautlichkeit. Der Sound. Wir lesen einander die Gedichte vor. Im Gespräch können Fragen geklärt und Unklarheiten erhellt werden. Struktur ist wichtig: die Form. Es funktioniert wie ein Kinderspiel. Und ist trotzdem Arbeit.

Wie haben Sie den poetischen Dialog in diesen Tagen erlebt? Was war für Sie bisher die interessanteste Erfahrung?
TS: Dank unserer Übersetzerin, Stéphanie Lux, konnten wir alles gut besprechen. Fragen stellen, erste Antworten finden. Harmonisch. Interessant waren die Eigentümlichkeiten der jeweils anderen Sprache, und manchmal ein intuitives Verstehen. Eine Differenz der Ansätze, der Intentionen womöglich. Manches bleibt offen; es müssen keine schnellen Antworten erfolgen. Auf die stetige Langsamkeit kommt es an. Langzeitwirkung von Gedichten. Die Erwartungen werden immer übertroffen, denn sie treten so oder so ähnlich ein.

Dans le brouillard Krakovie

Rue des pigeons
la pluie sort des fenêtres ouvertes
Un homme vend à son chien la liberté

Je descends vers la mer
Elle n'est pas là, elle est là

Je sens le vent et l'impossible
Quelques extraits du monde reposent sur les vagues.

Et une femme plus sombre que la soeur de Trakl
Disparait dans un rève à coté de moi

Übersetzung von Albane Gellé

Wie klingt Ihr Gedicht im Französischen? Wie sehr haben Sie sich zusammen mit Albane Gellé bei  Metrum und Syntax  von der deutschen Originalfassung entfernt? Wo gehen Assoziationen beim deutschen und französischen Leser und Zuhörer auseinander?
TS: Ich weiß noch nicht, wie mein Gedicht auf Französisch klingt. Die Veranstaltung, bei der das Gedicht präsentiert wird, ist ja erst am Donnerstag Abend. Bis dahin ist Zeit, an den Übersetzungen zu arbeiten, zu feilen. Eine Überraschung wird es ganz sicher ... Was das Publikum in Frankreich und Deutschland betrifft, da dürfte es so große Unterschiede kaum geben. Wer Gedichte liest und hört, ist immer auf der richtigen Seite!

Warum ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Lyrik ins Französische übersetzt wird? Wurden Ihre Texte bereits in andere Sprachen übertragen? Was hatten Sie dabei für einen Eindruck von der Qualität der Übersetzung, hatten Sie in irgendeiner Weise Kontrolle darüber, was aus Ihren Gedichten in einer anderen Sprache wurde?
TS: Einige meiner Gedichte sind u.a. ins Englische, Polnische und auch bereits ins Französische übertragen worden. Französisch, denke ich, ist noch immer eine Weltsprache der Poesie, auch wenn der Glanz des 19. Jahrhunderts wohl ein für alle Mal verflogen ist. Ich freue mich trotzdem, dass ein paar Gedichte von mir "in dieser Sprache leben". Was die Übertragungen angeht, die liegen ganz in den Händen des Übersetzers, in diesem Fall der Dichterin Alban Gellé, und das ist auch gut so. Und es sind ja gewissermaßen ganz neue Gedichte, die so entstehen. Sie gehören mir nicht mehr, höchstens ein Teil davon ...

Das Interview führte Angelika Schindler, Juni 2011

Hören Sie hier das Gedicht "Kraków im Nebel"- in deutscher Version, gelesen von Tom Schulz, und in französischer Übertragung, gelesen von Albane Gellé:






Erstellt: 11-03-11
Letzte Änderung: 26-05-14