
Sonate Nr. 38 F-Dur, Hob. XVI:23, Sonate Nr. 53 e-Moll, Hob. XVI:34, Variationen in f-Moll, Hob. XVII:6, Sonate Nr. 60 in C-Dur, Hob. XVI:50, Sonate Nr. 62 Es-dur, Hob. XVI:52.
Zhu Xiao-Mei (Klavier)
Label : Mirare
Vertrieb : Harmonia Mundi

Noch vor wenigen Jahren war die Pianistin Zhu Xiao-Mei fast völlig unbekannt. Als Überlebende der chinesischen Umerziehungslager ließ sie sich 1984 nach einem kurzen USA-Aufenthalt in Paris nieder. Erst kürzlich nahm Sie bei der Plattenfirma Ambroisie zwei CDs mit Bach-Werken auf, die durch eine brillante und intelligente Interpretation bestechen. Nun setzt sie den eingeschlagenen Weg mit Haydn fort, vermutlich als kleines Zugeständnis an die gegenwärtige Hommage-Mania, gewiss jedoch aufgrund einer alten Leidenschaft aus Studientagen: Schon damals nahm der alte Meister in ihrem Herzen einen bevorzugten Platz unter den Größen der Wiener Klassik ein.
Doch fangen wir bei der Hommage an: Am 31. Mai 2009 wird unter großen Feierlichkeiten Haydns 200. Todestag begangen. Die Aufnahme von Zhu Xiao-Mei kommt also genau zur rechten Zeit. Glücklicherweise verbietet alleine die Schönheit ihrer Interpretation jeden Gedanken an rein opportunistische Beweggründe. Das belegen auch die Äußerungen der Künstlerin. Dass sie Haydns Sonaten über die von Mozart stellt, geschieht sicherlich nicht ganz uneigennützig. Doch was sie weiter darüber erzählt, verrät – über das bloße Werturteil hinaus – eine klare Vorstellung von seinem Werk, die die Interpretation prägt und sie so originell macht.
Haydn, ein Mann, der Trost spendet und Entspannung schenkt; ein Komponist, der schreibt, „um der Freude des Zuhörers willen, der das Leben liebt, die Fröhlichkeit, den Sonnenschein“. Haydn, der Lebenslustige, der fröhliche Weggefährte, der gerne scherzt und, wer weiß, ein Freund der Sonne ist. Das sind gewiss keine besonders musikwissenschaftlichen Vorstellungen, doch zweifellos die einfachsten und zutreffendsten Worte, um vielleicht nicht unbedingt das Werk selbst, aber doch seine Atmosphäre zu beschreiben.
Strahlend – Xiao-Meis Klavierspiel verdient dieses Prädikat mit Sicherheit. Es verleiht den Augenblicken der Melancholie eine ausreichende Leichtigkeit, um jegliche Dramatik fern zu halten und verwandelt die lebhaften Passagen in eine wahre Beschwörung der Lebensfreude. Eine leichte und geschmeidige Darbietung, voller Vitalität und Improvisationskunst. Farben erstrahlen, Bekanntes wird zur überraschenden Neuentdeckung – so kommt niemals Langeweile auf. Man lauscht, man beginnt selbst zu strahlen, wenn ein Motiv wiederkehrt, das dennoch immer anders klingt, und das nicht nur wegen der Struktur.
Wenn Zhu Xiao-Mei Haydn spielt, ist das wie ein Traum am helllichten Tag. Ich kann mich nicht erinnern, in jüngster Zeit ein strahlenderes und freieres Klavierspiel gehört zu haben. Aus diesem Grund spreche ich von Improvisationskunst, auch wenn der Begriff in diesem musikalischen Kontext nicht ganz korrekt ist. Wenn Haydn zu den Lebenden zurückkehren könnte, bin ich mir sicher, dass die eigene Interpretation seines Werks sich von Xiao-Meis kaum unterscheiden würde: eine unberechenbare und unbändig fröhliche Musik.
Mathias Heizmann







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