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09/11/04

Johnny zieht in den Krieg

Mittwoch, 10. November 2004, 22.50 Uhr
Johnny zieht in den Krieg

Spielfilm, USA 1971, ZDF, Synchronfassung. 16:9 / 106 Min.
Regie: Dalton Trumbo, Drehbuch: Dalton Trumbo, Kamera: Jules Brenner, Musik: Jerry Fielding, Produktion: World Entertainment, Produzent: Bruce Campbell

"Wenn dein Land dich braucht, musst du gehen", sagt Joe Bonham der weinenden Kareen am Bahnhof, bevor er als einer von Tausenden jungen Amerikanern in den Zug steigt, um als Soldat im Ersten Weltkrieg seine Pflicht zu erfüllen.

Joe wird schwer verwundet. Eine explodierende Granate reißt ihm Arme und Beine weg, er wird blind, taub und stumm. Die Ärzte entscheiden, den jungen Soldaten für Experimente künstlich am Leben zu halten. Sie gehen davon aus, dass seine Verletzung der Hirnrinde zum völligen Verlust der Fähigkeit zu fühlen, zu träumen und zu denken geführt hat. Im Glauben, dass Joe in keiner Weise registriert, was um ihn herum geschieht, legt man ihn in die Abstellkammer eines Lazaretts. Doch Joe lebt: Er fühlt, denkt, erinnert sich und verzweifelt an der Unfähigkeit sich mitteilen und selbst helfen zu können. Vor dem inneren Auge des Leidenden werden Halluzinationen und Erinnerungen wach, das Wüten des Krieges. Diese Erinnerungen und Träume helfen Joe, seine Lage wahrzunehmen. Mit Hilfe einer Krankenschwester lernt er die Monate zu zählen, Tag und Nacht zu unterscheiden und schließlich mit der Bewegung seines Kopfes Morsesignale nachzuahmen. Bei einem Besuch mehrerer Ärzte und Offizieller der Armee bittet er darum, sterben zu dürfen. Doch die Erfüllung dieses Wunsches wird ihm verweigert. Joe bleibt allein in seiner dunklen Kammer zurück.

"Es ist der entsetzlichste, erschütterndste Protest, der jemals gegen den Krieg erhoben wurde", schrieb Walter Widmer nach der Lektüre von Dalton Trumbos Roman, der 1939, drei Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, erschienen war. Schnell entwickelte sich das Buch in den USA zum Bestseller, wurde nach dem Kriegseintritt der USA freilich aus den Regalen der Buchhandlungen entfernt. Es galt als unverfilmbar. Nachdem Luis Bunuel 1964 von seinem Vorhaben abließ, verfilmte Trumbo seinen Roman im Alter von 65 Jahren selbst. "Johnny zieht in den Krieg" wurde bei den 24. Filmfestspielen in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem Preis der Internationalen Filmkritik ausgezeichnet.

Ähnlich wie die fast zeitgleich entstandenen Antikriegsklassiker "M.A.S.H." von Robert Altman und "Catch 22" von Mike Nichols veranschaulicht Regisseur Dalton Trumbo in der Verfilmung seines eigenen Romans Grauen und Sinnlosigkeit des Krieges. Dabei verzichtet er jedoch weitestgehend auf die satirischen, mitunter sarkastischen Elemente, die den beiden erstgenannten Filmen eigen sind. Der Film erzählt, was in Johnny vorgeht, wie er - bei klarem Verstand, nur äußerlich entstellt - zu sich selbst findet und versucht, der Umwelt zum Mahnmal und Symbol für den Wahnwitz des Krieges zu werden.

Bei aller Härte und Brutalität ist "Johnny zieht in den Krieg" ein ungeheuer fesselnder, menschlich tief bewegender Film, dessen Düsternis und Ausweglosigkeit den Betrachter derart in den Bann ziehen, dass das Ausmaß des realen Kriegsgeschehens und seiner entsetzlichen Folgen neben dem eigentlichen Filmgeschehen realisiert wird. Angesichts der weltweit zahllosen Kriegsherde und der neuerlichen "Salonfähigkeit" von Kriegspolitik ist der Film immer eine aktuelle und notwendige Entdeckung, die Betroffenheit und Sprachlosigkeit auslöst.

Erstellt: 29-10-04
Letzte Änderung: 09-11-04