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12/12/08

John le Carré: Marionetten

John le Carré hat einen zauberhaften und traurigen, bitteren und satirischen Roman geschrieben, der in Hamburg spielt.

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Die erste Szene in John le Carrés neuem Roman „Marionetten“ zeugt von genauester Kenntnis der Hamburger Verhältnisse. Besonders der Hamburger Bahnhofsverhältnisse. Melik, ein prächtig gewachsener junger Türke, Schwergewichtsmeister, Sport-As, wird schon seit Tagen von einem ausgemergelten Kerl verfolgt. Er entdeckt ihn erst am Vorplatz des Hauptbahnhofs, abgelenkt von klassischer Musik. „Musik, die nicht dazu gedacht war, unter den Zuhörern Wohlbehagen zu verbreiten, sondern, im Gegenteil, sie zu vertreiben.“ Denn dort campieren Junkies, Obdachlose, Bettler, „verlorene Seelen aller Art“.

Deutschland spielt im Werk des britischen Autors John le Carré eine ebenso große Rolle wie seine Heimat Großbritannien. In seinem neuen Roman führt der Meister der Spionageliteratur seine Leser nach Hamburg. Hier hatte einer der Attentäter vom 11. September studiert. Jetzt kommt wieder ein Muslim in die Hafenstadt. Und bringt eine Menge durcheinander.
John le Carré war Anfang der sechziger Jahre Konsul am Britischen Generalkonsulat der Hansestadt. Da war er noch nicht weltberühmt als der Autor des Romans, der dem Kalten Krieg ein verzweifeltes Gesicht gab: das des Mannes, der aus der Kälte kam. Seitdem ist David Cornwell, wie der berühmteste und beste zeitgenössische Autor von Spionageromanen mit bürgerlichem Namen heißt, eine Art Wahlhamburger und hat sich zur Recherche des neuen Romans länger hier aufgehalten. Unter anderem bei der Rechtshilfeorganisation fluchtpunkt, die im Roman als „Fluchthafen“ wiederkehrt. Denn der ausgemergelte Kerl, die „verlorene Seele“, um die sich in „Marionetten“ alles dreht, ist ein Flüchtling.

Es ist ein sehr sonderbarer Flüchtling, den le Carré ins Zentrum seines Romans gestellt hat. Dieses Zentrum ist gleichzeitig leer und überdeterminiert. Es ist ein Zentrum, das wie jede Leere Energie und Materie und in diesem besonderen Fall Liebe ansaugt. Der junge Mann, der dem Boxmeister nach Hause folgt und dort einen Zettel vorlegt, in dem er Quartier fordert wie ein Bettler in der U-Bahn Geld, ist ein Muslim aus Tschetschenien. Er tritt auf wie ein Wrack, humpelt, klappert, kann sich nicht verständlich machen. Sein Rücken ist von Folternarben übersät. Aber Issa, das ist sein Name – „Jesus“ auf arabisch – ist nicht niedergedrückt, sondern glüht vor Zuversicht. Er hat einen festen Plan: Nachdem er in Meliks Familie Fuß gefasst hat, will er Deutsch lernen, studieren und ein großer Arzt werden, der den Menschen hilft. In der Tasche hat er ein Päckchen mit 500 druckfrischen Dollars und einen Brief auf Kyrillisch. Das einzige, was Melik darin versteht, ist eine sechsstellige Zahl. Issa ist es gelungen, aus einem russischen Gefängnis zu entkommen und in Stockholm der Polizei, die ihn als Illegalen von einem Fährschiff geholt hat. Seitdem wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht.

In Hamburg heißen die bösen Feen mit Nachnamen Geheimdienst

Dieser Issa ist eine der anrührendsten unschuldigsten Figuren, die John le Carré geschaffen hat, ein Seelenbruder seines letzten Helden, des halb kenianischen, halb britischen Dolmetschers Bruno Salvador aus „Geheime Melodie“, ein Zerrspiegel-Bild des Autors als junger Mann. Es ist seine verschrobene, amibitionierte Unschuld, die die guten und bösen Feen anlockt. In Hamburg, der Stadt, aus der Mohammed Atta aufbrach, um 2001 einen der Twin Towers zu Fall zu bringen, heißen die bösen Feen alle mit Nachnamen Geheimdienst. Als gute Fee tritt quasi berufsbedingt eine junge Anwältin aus bester deutscher Juristenfamilie auf. Diese Annabel Richter ist so aufrichtig und moralisch, dass man sie sofort lieben muss, auch wenn sie ihren strammen Körper mit Regencape, Rucksack und Wollmütze verbirgt. Ihre innere Schönheit ist so betörend, dass der alte, in einem Ehe-Arrangement von frostiger Höflichkeit eingesperrte Investment-Banker Tommy Brue in ihr sofort die bessere Tochter erkennt und das moralische Alter Ego. Denn sie vertritt den irritierenden Issa: Die sechsstellige Zahl ist der Schlüssel zu einem höchst illegalen und dubiosen Depot, das Tommy Brue von seinem verstorbenen Bankervater geerbt hat.

So wird auch Tommy zur Fee: Annabel mobilisiert das Gute in ihm. Zudem teilt er mit Issa den Wunsch, ein übles väterliches Erbe abzulehnen, das er aber nicht ausschlagen kann. Und so wird auch er, wie Annabel, durch seine Güte zur Marionette der bösen Feen: amerikanische, britische, deutsche Geheimdienste und ihre Fraktionen, die alle ihr eigenes Ziel im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus verfolgen. Dessen von le Carré subtil karikierter Alltag ein Totentanz der Unfähigen, Genies und Bürokraten ist.



Vom kindlich ambitionierten Unglücksraben zum Superterroristen aufgebauscht


Issa eignet sich vorzüglich als Opfer und Lockvogel. Und so wollen ihn die einen Geheimdienste nutzen, um Al-Qaida aus der Reserve zu locken, andere wiederum wollen einen schnellen Erfolg und bauschen den kindlich ambitionierten Unglücksraben zum Superterroristen auf, den sie dann effektvoll schnappen wollen.

Das alles ent- und verwickelt John le Carré in seiner unnachahmlich leichten Art, bis der Knoten zwischen allen so fest geschnürt ist, dass selbst ein Alexander ihn nicht durchhauen könnte. Und deshalb wird er auch, obwohl dank le Carrés wunderbarer Dramaturgie alles zum Ende hin ganz verheißungsvoll aussieht, nicht durchgehauen, sondern einfach disloziert. Am Ende stehen zwei Marionetten in der Kälte und halten sich aneinander warm.


„Marionetten“ ist le Carré vom Allerfeinsten: eine Clownerie und ein Traktat (davon, dass auch der beste nicht unschuldig bleiben kann), eine Liebesgeschichte und ein Spionagekomplott, ein Märchen und eine Anklageschrift. Angeklagt, wie immer in den letzten Romanen, der blinde, selbstherrliche Imperialismus der USA. Ein großes, komisches, trauriges Buch über schwache, aufrechte, ohnmächtige Menschen.

Eine Rezension von Tobias Gohlis

Erstellt: 04-11-08
Letzte Änderung: 12-12-08