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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 18/01/10

Jim Nisbet: Dunkler

So richtig glatt läuft's nicht für Banerjhee Rolf. Der Job weg, weil die Firma von einer anderen übernommen wurde. Keine Chance auf neue Arbeit, schließlich ist der indisch-stämmige Chemiker nicht mehr der Jüngste. Und dann quengelt auch noch seine Frau; sie möchte umziehen, weg aus dem ewigen Sommer Kaliforniens, hin ins - für Banerjhees Vorstellung - viel zu oft viel zu kalte Chicago, wohin es beider Sohn zum Studieren verschlagen hat.
Gerade ist Banerjhees Frau in die Kälte gereist, um mögliche Umzugsbedingungen zu erkunden, da rückt dem allein gelassenen Arbeitslosen auch noch Toby Pride auf die Pelle. Der Nachbar der Rolfs, ein mit Drogen dealender, tagelang Pornos guckender, ansonsten von Daddys Zuwendungen lebender weißer Amerikaner hat sich mit seiner Freundin Esma zerstritten; nackt schimpfen die beiden an der Grundstücksgrenze aufeinander ein.

Banerjhee kann sich dem nicht entziehen, er wird zum Schlichter. Und ehe er sich's versieht, sitzt er im Wohnzimmer der beiden. Wo nach ein paar Minuten vor flirrenden Pornobildern die Geschichte eine gänzlich unerwartete Wendung nimmt, als zwei bewaffnete Gangster auftauchen und eine Schießerei vom Zaun brechen, die damit endet, dass nur einer überlebt - Banerjhee Rolf. Der ab dem Zeitpunkt ganz andere Probleme hat, als er jemals zu träumen gewagt hätte.

Jim Nisbet, geboren 1947, der diese Geschichte erfunden hat, ist ein Verkannter unter den amerikanischen Kriminalschriftstellern: Einige Jahre lang hatte er keinen Verlag; seine Kriminalromane führten lediglich als Übersetzungen ins Französische ein öffentliches Leben. Mit "Dunkler Gefährte" hat sich das glücklicherweise geändert.

Wer lebt, wandelt immer nur einen Schritt vom Abgrund, und Sicherheit gibt es nie, für niemanden - dieses viel beschworene, oft erzählte Grundthema der Kulturgeschichte ergänzt Jim Nisbet um eine aktuelle Variante, die fies grinsend mit den gesellschaftlichen Realitäten der Zeit des Krieges gegen den Terror spielt: Mag er moralisch auch noch so verkommen sein, der weiße Durchschnittswestler fühlt sich von dem Anderen (mit der etwas dunkleren Hautfarbe) bedroht, mag der auch noch moralisch integer durch sein westliches Leben schreiten.

Die Grenze zwischen "Gut" und "Böse" wird in "Dunkler Gefährte" nicht nur in Frage gestellt - sondern zum Spielball einer aus den Fugen geratenen Realität, in der nicht die Vernunft über den Fortgang von Ereignissen zu bestimmten scheint, sondern bloßer Zufall. Das Resultat: "Dunkler Gefährte", scheinbar "nur" ein kleiner Noir-Krimi, stellt eine große Frage: die nach der Legitimität des ganzen kapitalistischen US-Systems. Und dieser Frage, das wird schnell klar, ist rein rhetorischer Natur, denn die Antwort ist klar: Nein, das System verfügt über keinerlei Legitimität mehr. Es hat abgewirtschaftet.

Ulrich Noller/Funkhaus Europa 6.1.10

KrimiWelt-Bestenliste Januar 2010

Erstellt: 23-12-09
Letzte Änderung: 18-01-10