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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

17/11/05

Jewgenij Mrawinskij dirigiert Tschaikowsky

Peter Iljitsch Tschaikowsky: Symphonien Nr.4, Nr.5 und Nr.6 („Pathetique“) Leningrader Philharmoniker, Jewgenij Mrawinskij, 2 CDs (DG 419746)


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Der Russe Jewgenij Mrawinskij gehörte zu den Künstlern, die nur etwas ganz gemacht haben oder gar nicht. Es gibt keinen anderen Dirigenten von Rang, der sich so lange und ausschließlich auf die Arbeit mit einem einzigen Orchester konzentriert hat. Mrawinskij, 1903 in St. Petersburg geboren, übernahm mit 35 Jahren als unbekannter Ballettkapellmeister die Leningrader Philharmoniker, nachdem er einen Dirigentenwettbewerb gewonnen hatte und leitete sie ein halbes Jahrhundert lang ohne Unterbrechung bis zu seinem Tod im Jahr 1988. Der hagere, hochaufgeschossene, asketisch wirkende Musiker war ein strenger Orchestererzieher, respektgebietend, probenwütig, detailversessen, unnachgiebig genau im Umgang mit dem Notentext. Er formte die Leningrader (die heute wieder St. Petersburger Philharmoniker heißen) zu einem Weltklasseorchester mit unverwechselbarem Klang: Der Ton der Streicher war schlank und energiegeladen, die Bässe bildeten ein markant grummelndes Fundament und über allem blitzte die geradezu schneidend brillante Blechbläsersektion.

Mrawinsky war die unumschränkte Dirigentenautorität in der Sowjetunion, er hat alleine sechs Symphonien von Dmitri Schostakowitsch uraufgeführt, darunter 1937, mitten in der Zeit des Stalin-Terrors, die Fünfte. Eine Aufführung, bei der das Leben des jungen Schostakowitsch auf des Messers stand. Sie markiert den Beginn von Mrawinskijs Karriere. Die achte Symphonie – vielleicht Schostakowitschs bedeutendstes Werk – ist dem Dirigenten gewidmet, seine Schallplatteneinspielung hat Referenzcharakter.

Mehr noch als mit Schostakowitsch hat Mrawinskij mit den Symphonien von Peter Iljitsch Tschaikowsky Interpretationsgeschichte geschrieben. 1960 nahm er die letzten drei Nr.4, 5 und 6 für die Deutsche Grammophon in einem Londoner Studio auf, durch sie wurde Mrawinsky auch im Westen schlagartig bekannt. Die Einspielungen revolutionierten in ihrer Strenge und Klarheit das gängige Tschaikowsky-Bild. Sie fegten wie ein reinigendes Gewitter über die Klischeevorstellungen von Tschaikowksij als dem parfümierten Salonkomponisten, dem pathetischen homosexuellen Exzentriker und melancholischen Tränentier. Mrawinskys Aufnahmen sind bis heute das Maß aller Dinge.

Man muss nur hören, mit welch alarmistischer Dringlichkeit sich das Trompetenmotiv in der Introduktion der vierten Symphonie in die Ohren bohrt (Tschaikowsky: „Das Fatum, jene Schicksalsgewalt, die uns hindert, mit Erfolg um unser Glück zu kämpfen… „), wie die Melodik in den Mittelsätzen manchmal vor Sehnsucht zu bersten droht und welche Gewalttätigkeit und Hysterie Mrawinsky in den Überschwang des Schlussatzes mischt. Da klingt nichts wehleidig oder larmoyant. Das Süßliche, das so viele andere Dirigenten in den Symphonien hören, wirkt bei Mrawinsky wie weggeätzt. Er dirigiert penibel genau, geradlinig und trocken pathetisch. Die klassizistische Formenstrenge wird dadurch vernehmlich, das Kalkül, mit der die Werke gebaut sind, die Logik in der Entwicklung und Durchführung der Themen.

Was freilich nicht bedeutet, dass Mrawinsky und seine Leningrader Philharmoniker die Musik distanziert oder gar akademisch spielen. Ihre Interpretationen sind von einem unglaublichen Leidenschaftsfeuer durchlodert. Ausdruckskontraste werden packend ausagiert. In den depressiven Momenten der Partitur entwickeln die Musiker manchmal eine geradezu niederdrückende Klangwucht und Freudensvisionen des Komponisten haben immer ein Zug ins manisch Bessessene.

Mrawinskijs Tschaikowsky-Psychogramme sind atemberaubend. Dem Sog dieser Aufnahmen kann sich keiner entziehen. Obwohl sie schon 1960 entstanden sind, klingen sie übrigens auch was die technische Wiedergabe betrifft, erstaunlich präsent und trennscharf im Klang.


Peter Iljitsch Tschaikowsky: Symphonien Nr.4, Nr.5 und Nr.6 („Pathetique“)
Leningrader Philharmoniker, Jewgenij Mrawinskij, 2 CDs (DG 419746)

Erstellt: 08-02-05
Letzte Änderung: 17-11-05