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Im Gespräch mit... - 21/05/05

Jean-Pierre et Luc Dardenne

Regisseure des Films "L'enfant" (The Child)


In ihrem neuen Film L’enfant, für den sie in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, erzählen die Dardenne-Brüder vom tristen Schicksal eines jungen Paares, dessen Alltag eine dramatische Wende nimmt, als Bruno das gemeinsame Baby verkaufen will. Die Anregung zu dieser Geschichte gab den beiden Filmemachern eine junge Frau, die sie am Drehort ihres letzten Filmes immer wieder mit einem Kinderwagen auf der Straße vorübergehen sahen.

ARTE : Diese junge Frau, die ihnen bei den Dreharbeiten zu Ihrem letzten Film aufgefallen ist, gab den Anstoß zu der Geschichte, die Sie in Ihrem neuen Film erzählen. Warum hat sie bei Ihnen einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen?

Jean-Pierre Dardenne : Sie war immer allein unterwegs und schob den Kinderwagen so lieblos und unwirsch über die Straße, dass man den Eindruck hatte, sie wolle das Kind, das sie da herumfuhr, am liebsten loswerden. Wir haben sie mehrmals gesehen, als wir mehrere Tage am selben Ort drehten.
Wir haben uns gefragt, wie es heutzutage wohl ist, ein Kind zu haben, wie man damit umgeht, wenn das Kind plötzlich da ist. So ein Kind ist ja nichts Alltägliches, sondern schafft eine geheimnisvolle Beziehung der Mutterschaft oder der Vaterschaft, eine Bindung, die stärker ist als alles andere.
Wir haben uns gefragt, wie ein junger Mann heute wohl damit umgeht, der selber fast noch ein Kind ist und keinerlei Bindung zu irgendetwas hat. Der Junge im Film ist einer, der sich nimmt, was er braucht und es wieder wegwirft – er lebt nur im Hier und Jetzt. Er ist ein Bruder Leichtfuß, einer der keinen festen Orientierungspunkt im Leben hat – einer, der nie so recht weiß, wo er ist und warum er gerade dort ist.

Luc Dardenne : Das Bild dieser jungen Frau mit ihrem Kind hat uns wahrscheinlich deshalb so sehr beschäftigt, weil wir uns vorgestellt haben, dass da einfach ein Mensch fehlte – ein Vater oder ein Lover – auf jeden Fall jemand, der nicht da war und den es vielleicht für diese Frau nie gab. Hätten wir dieses Mädchen mit seinem Baby immer in Begleitung eines Jungen gesehen, wäre es für uns vielleicht später nie zu einem solchen Gesprächsthema geworden. Aber der Ausgangspunkt war für uns tatsächlich, dass da offenbar jemand fehlte.

ARTE : Sie sind bei den Filmaufnahmen immer offen für spontane Änderungen in Ihrem Drehbuch. Wenn ein Satz oder eine Szene nicht richtig rüberkommt, geben Sie nie dem Darsteller die Schuld. Geht es Ihnen – wie Ihrem Regisseurkollegen Luc Bresson - darum, bei den Dreharbeiten eine aus dem Moment geborene Wahrheit einzufangen? Und wenn ja, wie gelingt Ihnen das?

Jean-Pierre Dardenne : Eine Wahrheit, aber welche ? Uns kommt es darauf an, dass die Schauspieler nicht versuchen, das subjektiv empfundene Innenleben ihrer Rolle darzustellen. Vielleicht kann sich ein Schauspieler trotzdem nicht ganz davon frei machen. Auf jeden Fall halten wir nicht sehr viel von der Vorstellung, die Kamera sei unbestechlich. Das heißt, wenn ein Schauspieler sich veranlasst sieht, irgendetwas bewusst ausdrücken zu wollen, sagen wir nicht: Das geht nicht, weil es die Kamera wahrnimmt und wir es infolgedessen auch merken.

Wir lassen deshalb die Darsteller nicht ihre Rollen spielen, sondern proben nur Bewegungsabläufe. Es kommt darauf an herauszufinden, wie sich ein Schauspieler bewegen muss, damit die Kamera nicht den Eindruck vermittelt, dass da ein Darsteller irgendetwas ausdrücken will, sondern zeigt, wie sich jemand in einer Situation verhält. In diesem Moment fängt die Kamera mehr von der inneren Befindlichkeit einer Figur ein, als wenn der Schauspieler durch sein Spiel versucht, etwas gezielt auszudrücken. Bei diesem Film ist es uns mit Jérémie, Déborah oder auch mit dem anderen Jérémie, der den kleinen Jungen Steve spielt, sehr rasch gelungen, dieses Gebaren vor der Kamera zu erreichen, bei der die Neigung von Schauspielern, etwas ausdrücken zu wollen, in den Hintergrund tritt. Aber es gibt viele Kollegen, die genauso arbeiten wie wir. Daran ist nun wirklich nichts Besonderes.

ARTE : Sie sind dafür bekannt, dass Sie von jeder Szene sehr viele Einstellungen drehen. Betrachten Sie die Dreharbeiten als ein Experimentierfeld?



Luc Dardenne : Manchmal drehen wir eine Szene zwanzig oder dreißig Mal, und dann ist es schließlich doch die erste oder zweite Fassung, die wir nehmen. Anders als man vielleicht denkt, ist es nicht unbedingt immer die erste Einstellung, die besonders intensiv, spontan oder lebensnah ist. Wenn man eine Szene mehrmals hintereinander dreht, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem sich alle ein wenig zurücknehmen, weil sich der eigene Rhythmus der Szene gegenüber der bewussten Gestaltung durch die Beteiligten durchsetzt. Unter Umständen ist das dann genau der Moment, in dem etwas passiert.

Jean-Pierre Dardenne : Schauspieler muss man müde machen. Erst wenn ein Schauspieler müde wird, wenn es langsam anfängt dunkel zu werden und nicht mehr viel Zeit bleibt, kommt meist etwas dabei heraus. Bei einigen sehr langen Einstellungen für wichtige Szenen war es so, dass die Darsteller erst ganz am Schluss das gezeigt haben, worauf es uns ankam.

Luc Dardenne : Manchmal bemüht man sich mehr schlecht als recht, alle Darsteller genau auf den Rhythmus der Handlung einzustimmen. Wenn man sich das Ergebnis dann später in Ruhe anschaut, stellt man vielleicht fest, dass es genau so geworden ist, wie man es sich vorgestellt hat.

Jean-Pierre Dardenne : Ja, genau so, wie Sonia in diesem Film zu sich selbst findet. Es hat ein bisschen gedauert, aber dann, beim achtzehnten Mal, hat sie es exakt auf den Punkt hinbekommen. Wäre sie nicht so müde gewesen, hätte sie es, glaube ich, nicht geschafft.

ARTE : In Ihrem Film gibt es auch eine Verfolgungsjagd. Verlegen Sie sich jetzt auf ein neues Genre?


Luc Dardenne : Ja, wir werden langsam erwachsen. Nein, im Ernst: Diese Szene war so im Drehbuch vorgesehen. Aber man kommt ja nicht mit einem perfekten technischen Konzept an den Drehort. Einige Monate vorher haben mein Bruder und ich den geplanten Drehort vorbesichtigt. Wir gehen aber immer völlig offen an so etwas heran. So war es auch bei dieser Verfolgungsszene, weil wir so etwas vorher noch nie gemacht hatten.
Mit einer kleinen Videokamera haben wir dann erst einmal einen Versuch gemacht: Einer von uns ist in das Auto gestiegen, und wir haben uns vorgestellt, dass das Moped vorneweg fährt.

Wir haben uns mehrere verschiedene Orte angeschaut und unterschiedliche Varianten im Kopf durchgespielt. Am Abend vor dem Dreh haben wir uns dann gesagt, es wäre vielleicht gar nicht so schlecht, die Szene genau so zu drehen, wie wir sie uns ursprünglich ausgedacht hatten. Aber das, was man sich für den nächsten Tag ausdenkt, läuft dann unter Umständen doch auf etwas hinaus, was man schon vorher irgendwann einmal angedacht hat. Die Szene, die im Film zu sehen ist, entspricht einer Variante, die wir eigentlich völlig aufgegeben hatten. Wir hatten sie uns ganz am Anfang mal so vorgestellt, aber dann hat mein Bruder einen geeigneten Drehort dafür gefunden ...

Jean-Pierre Dardenne : … allerdings war es Luc, der sich daran erinnert hat – ich hatte das schon wieder komplett vergessen.

ARTE : Woraus beziehen Sie immer noch und immer wieder Ihre Motivation, Existenzen am Rande unserer Gesellschaft zu zeigen, die Schwierigkeiten des Lebens in außergewöhnlichen Situationen zu filmen?



Jean-Pierre Dardenne : In unseren westlichen Industrieländern führen 15 Prozent der Menschen ein Leben am Rande der Produktions- und Konsumgesellschaft. Diese Menschen interessieren uns. Ich glaube, diese Menschen sagen uns mehr als andere über unsere heutige Zeit. Man darf sie nur nicht entmutigen, indem man alles schlecht redet und sie in eine Opferrolle drängt ... Es sind Menschen, die ihr Leben sehr intensiv leben, die etwas unternehmen wollen, aktiv sein wollen, frei sein, auch wenn sie schlimme Dummheiten begehen – womit ich die Menschen in unserem Film meine.
Ich schaue mir durchaus auch gern Filme an, in denen die Leute ein recht unbeschwertes Leben führen – aber ich weiß nicht, ob ich solche Filme auch drehen könnte ...

Warum wir uns gerade für diese Randexistenzen interessieren, weiß ich nicht. Wir zeigen sie einfach gern in unseren Filmen. Wir mögen sie, ohne genau zu wissen, warum. Es ist ja nicht gerade so, dass wir aus einem ähnlichen sozialen Milieu kommen. Unsere Eltern hatten einen gewissen Lebensstandard und haben dafür hart gearbeitet. Unsere Filme erzählen auch überhaupt nichts über uns selbst, sondern nur über diese Menschen, die uns am Herzen liegen. Ich glaube, sie gehen viel ehrlicher mit der heutigen Situation um als andere Menschen, denen überhaupt nichts klar wird.

Das Gespräch führte Olivier Bombarda.

Erstellt: 20-05-05
Letzte Änderung: 21-05-05