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Leselust in Frankreich - 07/11/13

Jean Echenoz: Am Piano

Rezension von Christine Lecerf


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Von der Musik bewegt

Max Delmarc ist um die fünfzig, er hat weiße, zurück gekämmte Haare. In seinem schwarzen Anzug mit Fliege könnte er durchaus etwas hermachen, wäre da nicht das leichenblasse Gesicht und die Augen, die ins Leere starren. Er ist ein berühmter Pianist, doch trotz Impresario, Reisen im TGV kreuz und quer durch Frankreich, trotz unablässiger Präsenz im Aufnahme- und Fernsehstudio, trotz Psychotherapie und Tabletten, es hilft alles nichts: Max Delmarc hat Angst und Max Delmarc trinkt. Vor jedem Konzert will Max Delmarc einfach nur fliehen vor diesem Schrecken erregenden Steinway, der auf ihn wartet, um ihn mit seinem monsterartigen Gebiss zu verschlingen. Sie mussten bereits Bernie engagieren, einen Schutzengel der "Großen Blondinen", auch das ein Roman von Echenoz, um den Pianisten abzulenken, ihn die Termine seiner Konzerte vergessen zu machen, um ihn dann im letzten Moment auf die Bühne zu schubsen, so wie früher Chopin. «Na, wo wir nun schon da sind...»: 2. Klavierkonzert in f-moll op. 21, Chopin. Max Delmarc führt den Auftrag aus. Seine Angst vergeht mit der ersten richtig falschen Note. Im Finale daneben gegriffen. Keiner hat’s gemerkt. Bravo. Vorhang.

Jean Echenoz wurde nicht 1946 in Valenciennes geboren und er hat auch nicht in Metz Kontrabass studiert, wie er einmal geschrieben hat, um genüsslich die Spuren zu verwischen. Er wurde in Orange geboren, 1947, studiert hat er Soziologie und Bauwesen. Musik hat er eher gehört als gespielt. Er sagt, den Titel eines seiner Romane, "Nous trois", habe er auf der Rückseite einer Plattenhülle mit Jazzmusik gefunden. Die spielerische Dimension finden wir in all seinen Romanen, alle sind sie Spiele mit den Zwängen der Genres, des Krimis, des Spionagethrillers, des Abenteuerromans: «Ich erteile mir selber Aufträge», erklärt Echenoz. Sein jüngster Roman, in Frankreich bereits 2003 erschienen, wurde gut aufgenommen, allerdings nicht wie "Cherokee" gleich für den Film adaptiert, und den Prix Goncourt bekam er auch nicht, anders als "Ich gehe jetzt", 1999. Für Echenoz ist das Buch Gelegenheit, auf ebenso prosaische wie bissige Weise eine Beziehung zwischen Literatur und Musik klarzustellen, wie sie in einem Land mit entwickelter musikalischer Sensibilität wie beispielsweise Deutschland oder Österreich nicht möglich wäre: «Gott hat uns die Musik gegeben, damit wir erstens, durch sie nach oben geleitet werden,» schreibt Nietzsche. «Kein Emporsteigen, kein Äther, keine Geschichten», scheint Echenoz frech entgegen zu setzen, nachdem er seine Figur unsanft ins Jenseits befördert hat.

Was passiert, wenn sich Max Delmarc «Am Piano» niederlässt? Wir könnten fast sagen, er wird dann wortwörtlich bewegt. Die Musik ist nicht mehr jenes Vehikel, das die Sprache an die Grenzen der Stille führt. «Die Stille, die große Stille, die berühmte Stille», Max jedenfalls findet sie nicht am Klavier sondern im 12. Pariser Arrondissement, als er zu Fuß die Metrolinie abgeht. Und Musik hört man inzwischen auch nicht mehr wie zu Prousts Zeiten im Kreis von Freunden oder Geliebten. «Der Pianist schuldet sich seinem Publikum». Er ist nun als Interpret auftragsgebunden, spielt im Lärmen der Volksfeste und schreibt seinen Namen auf Plattenhüllen: "...und Max signierte, signierte, signierte, ach, wie oft schreibt man nicht im Leben seinen Namen." (Die ganze Passage können Sie hören, wenn Sie hier klicken). Zwar verfolgt Max, wie Swann, die junge Cellistin Rose, die er früher einmal im Konservatorium kennen gelernt hat, doch nun ist nicht mehr die Erinnerung an ein kleines musikalischen Motivs die Antriebskraft, alles geschieht anstelle der Musik in einem Paris, das wie auf Notenpapier gezeichnet erscheint: Linien aus Eisenbahn, Taxis und Metro, eine Reihe von Punkten: Parks, Plätze, die Statue Chopins.
Jean Echenoz hat es selber gesagt: «Einen Roman ohne Bewegung kann ich mir nicht vorstellen.» Ein wunderschönes Porträt des Künstlers, und eine lange Nase des Schriftstellers an den Musiker. Nur schade, dass die Übersetzung in Hast entstanden ist, so wie es der Rezensent der Süddeutschen Zeitung vom 29.6. beobachtet und wie es auch aus unserer Leseprobe herauszuhören ist. Man kann sich Andreas Dorschels Kommentar nur anschließen: "So möchte man den Roman am liebsten im französischen Original empfehlen."

Jean Echenoz, geboren 1947 in Orange (Provence), erhielt 1999 den Prix Goncourt für seinen Roma "Ich gehe jetzt". Von seinen Romanen sind außerdem auf Deutsch erschienen: "Cherokee" (1987), "Das Puzzle des Byron Caine" (1988), "Ein malysischer Aufruhr (1989), "See" (1991) und "Die großen Blondinen" (2002)




Jean Echenoz
Am Piano
Berlin Verlag, März 2004
ISBN: 3827005329

Erstellt: 02-07-04
Letzte Änderung: 07-11-13