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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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05/11/08

Jacques Rupnik (Tschechische Republik / Frankreich)

und das andere Europa, ein Jahr nach dem Fall der Mauer


Jacques Rupnik, der in Prag geboren wurde, ist Historiker, Experte für Zentraleuropa, den Balkan und Russland. Er ist Forschungsdirektor des Centre d’Études et de Recherches Internationales (Ceri) der Fondation Nationale des Sciences Politiques und außerdem Gastprofessor am Europakolleg Brügge.

Zwischen 1977 und 1982 arbeitete er mit dem BBC World Service zusammen. Von 1990 bis 1992 war er Berater des tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel. Von 1995 bis 1996 übernahm er den Vorsitz der Internationalen Balkankommission, die von einer privaten amerikanischen Organisation mit dem Namen „Carnegie Endowment for International Peace“ ins Leben gerufen wurde. Und schließlich ist er einer der Herausgeber der Zeitschrift Transeuropéennes.

Bei seinen öffentlichen Auftritten prangert er gern den „Krämergeist„ an, den die fünfzehn EU-Länder zehn Jahre lang gegenüber den Bewerberländern an den Tag legten. Diese Länder waren zuerst in die NATO und dann in die EU eingetreten, was in seinen Augen einen bedauerlichen „politischen Preis“ darstellte, da es ein Gefühl von Frustration und Bitterkeit nach sich zog. „In Prag, Warschau und auch in Budapest hat man das Gefühl, die EU regle jetzt weiter ihre Angelegenheiten, ohne die historische Bedeutung des Zusammenbruchs des Kommunismus zu begreifen und dies als Chance für eine Wiedervereinigung des alten Kontinents zu verstehen,“ erklärte er 1999 gegenüber der französischen Tageszeitung Libération.
Rückblende.

1989: das wahre zweihundertjährige Jubiläum der Französischen Revolution fand in Osteuropa statt. Der gleichzeitig stattfindende Zusammenbruch des Kommunismus und der Fall der Berliner Mauer setzte der Yalta-Ordnung in Europa ein Ende. Tatsächlich bedeutete es das Ende eines geteilten und von Stalin und Hitler geerbten Europas.

Aufgrund ihrer Tragweite sind die aktuellen Veränderungen mit denen aus den Jahren 1918 oder 1945 vergleichbar. Doch dieses Mal handelt es sich um ein williges Opfer: die Revolution geht ruhig und friedlich von statten. Sie kündigt für diese Länder die Rückkehr der Demokratie und die Rückkehr nach Europa an. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren die zwischen Deutschland und Sowjetrussland gelegenen Länder durch den Eisernen Vorhang, eine militärische und ideologische Kluft, vom Westen abgeschnitten gewesen. Historisch und kulturell betrachtet blieben sie jedoch „das Herz Europas“. Trotz vierzig Jahren Sowjetisierung kann man sagen, dass vom Standpunkt der Kultur, der Wertvorstellungen und der Lebensart aus betrachtet, die wirkliche Grenze weiter östlich verläuft, zwischen Russland und den Baltischen Staaten. Nicht nur der Kommunismus wurde von außen aufgezwungen. Im Unterschied zu anderen Kolonialreichen wurde das Zentrum dieses Reiches von den an seinem westlichen Rand gelegenen Staaten als wirtschaftlich und kulturell unterlegen wahrgenommen.

Die Identifizierung mit Europa ist dort am stärksten, wo sie am stärksten bedroht ist, wo die Verteidigung einer Kultur Teil der Suche nach Alternativen für die Teilung des Kontinents ist. Mehr als vierzig Jahre lang bekräftigten diese Länder immer wieder, dass sie ohne Europa nicht überleben könnten. Aus demselben Grund haben sie erneut das bequeme aber hohle Konzept eines auf den gemeinsamen Binnenmarkt reduzierten Europas in Frage gestellt, eines Europas der Ausgleichszahlungen und landwirtschaftlichen Überschüsse und nicht der Ideen und Werte. Wirtschaftlich betrachtet braucht der Osten den Westen, doch kulturell gesehen braucht der Westen den Osten, und zwar genau deshalb, weil dort die ‘Seele Europas’ bewahrt wurde, die Vorstellung von einem Europa als Kultur.
Jacques Rupnik
L’autre Europe
Crise et fin du communisme
Editions Odile Jacob, 1990, Paris

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08