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Nobelpreisträger Literatur 2008 - 06/11/13

J.M.G. Le Clézio

Nett, klassisch, unverdient? Anlässlich der baldigen Veröffentlichung seines Romans Raga - Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent in Deutschland macht sich Christine Lecerf Gedanken zu den eher gemischten Reaktionen in Frankreich auf den Literaturnobelpreis 2008 für J.M.G. Le Clézio.

Frankreich reagiert kühl bis offiziell, in Korea herrscht dagegen ungetrübte Freude

Der Nobelpreis für Literatur 2008 wurde dem französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio zuerkannt als Auszeichnung für einen "Autor des Aufbruchs, poetischer Abenteuer, sinnlicher Ekstasen, einem Erkunder der Menschheit jenseits und tief unter der herrschenden Zivilisation», so die Stockholmer Akademie. Diese Erklärungen haben die offiziellen Stellen in Frankreich und auch weite Teile der Literaturkritik ziemlich verstört, entsprechend blieben sie recht vage in ihren Reaktionen auf diese Idee des „Aufbruchs, des Bruchs“. In seinen Glückwünschen für den Preisträger sprach Staatspräsident Sarkozy von Le Clézio als einem «Weltbürger», unterstrich aber umgehend, dass mit diesem Preis nicht weniger als «Frankreich, die französische Sprache und die Frankophonie» geehrt werde. Kulturministerin Albanel konnte dem Paradox auch nicht ausweichen: «Le Clézio ist ein Schriftsteller Frankreichs, aber auch einer der Fremde, besonders Lateinamerikas, dessen Seele, Farben und Leiden er ins Zentrum seiner Bücher rückt. Die Verleihung des Nobelpreises an ihn wird weit über unsere Grenzen hinaus wahrgenommen werden». Kein Empfang mit Pauken und Trompeten also. Eher freundlich-höflich, ja zurückhaltend; jedenfalls ein geringeres Presseecho als auf den Literaturnobelpreis 2004 für die Österreicherin Elfriede Jelinek. Fast so, als gebe es da ein diffuses Unwohlsein, eine Unfähigkeit zur Dankbarkeit für jemanden, der in seinen Träumen und Schriften unsere Grenzen versetzt.


J.M.G. Le Clézio
bitte nicht Jean Marie Gustave!
„Le Clézio“ ist bretonisch und heißt "die Einfriedungen, die Zäune" und J.M.G. sind die Initialen in seinem mauritischen Reisepass.

Le Clézio wurde am 13. April 1940 in Nizza geboren, der Vater Engländer, die Mutter Französin, beide Nachkommen von Bretonen, die im 18. Jahrhundert nach Mauritius ausgewandert waren. Der Schriftsteller hat die französische wie die mauritische Staatsangehörigkeit. Mit 23 Jahren erhielt er den renommierten französischen Literaturpreis Prix Renaudot, danach lebte er mehrere Monate mit Indiostämmen in Panama, er übersetzte mit Prophéties du Chilam Balam ein Initiationsbuch der Maya ins Französische und ließ sich schließlich in Albuquerque, New Mexico, am Rande der Wüste nieder, wo er mit seiner Frau und den beiden Töchtern seit nunmehr über 30 Jahren lebt.

Immer wieder reist er nach Frankreich, nach Nizza und in die Bretagne, wo er ein Haus hat. Er hat rund 50 Bücher geschrieben mit Schauplätzen außerhalb Frankreichs, fern der urbanen Gesellschaft, in Lateinamerika, Afrika, Ozeanien.

Er schreibt in einer Sprache, die sich von seinem konkreten Ursprungsland emanzipiert hat: "Mit Sprache, mit Büchern kann man noch vom heutigen Frankreich reden, es in seiner Existenz an der Konvergenz der Strömungen beobachten».
«Ich glaube wirklich, dass ich das, was ich auf Vanuatu, aber auch bei den Indios in Lateinamerika und den Indianern Nordamerikas empfand, bereits vor fünfzig Jahren gespürt habe, als ich nachts durch die bretonische Heide ging.»
Seltsamerweise kam die echte, ungetrübte Freude anderswo auf, beispielsweise in Korea. Die dortigen Medien räumten «einem Mann, der Korea liebt» gebührenden Platz ein. Der Korea-Korrespondent der Tageszeitung Le Monde erinnert daran, dass Le Clézio dort noch bekannter sei als beispielsweise in Japan, um dann nicht ohne Verwunderung festzustellen, dass «sogar der Apfelverkäufer vor der Ewha-Universität, wo Le CLézio noch bis letzte Woche unterrichtete, ihn um eine Widmung gebeten habe.»

Dann doch lieber einen „echten“ Nobelpreis made in France

Kaum eine Woche nach Bekanntgabe des Preisträgers verschafften sich in Frankreich auch schon die ersten kritischen Stimmen Gehör. In einem scharfen Artikel tat Nelly Kaprièlan von der Zeitschrift Les Inrockuptibles nichts, um ihre Enttäuschung zu kaschieren. Sie fand, diese Entscheidung habe «ein lästiges literarisches Konzept» ausgezeichnet, das «die Literatur herabwürdige»: das des Reiseschriftstellers. Noch dazu sei Le Clézio ein seltsamer Reisender, der sich längst nicht so weit in die Ferne wage, wie es immer heiße: «Da mag er reisen, sich als Schamane hoch über dem Mittelmaß französischer Kleinbürger gerieren, er bleibt bei allem doch schrecklich pariserisch.» Wenig später qualifiziert Frédéric-Yves Jeannet in Le Monde den Preis als «unverdient»: zu viele Leser, zu viele Bücher, nicht universell genug, nicht originell genug. «Ein Klassiker unterscheidet sich von einem simplen Bestsellerautor natürlich durch seine Universalität, die Originalität, durch den ins Neue führenden Aufbruch im Schreiben, worüber ersterer verfügt und letzterer eben nicht», so der Professor. Beide Kommentatoren haben auch die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, ihren eigenen französischen Nobelpreisträger zu proklamieren: «Bei den Franzosen hätten wir lieber Patrick Modiano gesehen», bedauert Kaprièlan. «Frankreich hat in den letzten 50 Jahren große Schriftsteller hervorgebracht (Gracq, Sarraute, Simon, Des Forêts, Blanchot, Duras, Butor, Pinget, Cixous, Michon, Ernaux, Bergounioux, noch ein paar andere), Autoren eines als universell anerkannten Werks », erregte sich Jeannet.

Der Gnadenstand des Abgetrennten

J.M.G. Le Clézio ist immer schon ein geheimnisvolles Phänomen gewesen in Frankreich. Seine Erscheinung als eleganter Reisender, geradewegs einem Roman von Joseph Conrad entsprungen, seine unregelmäßige, diskrete Anwesenheit im Land, das immer wieder durchgespielte Leiden seiner Figuren in fernen Landen, haben dazu beigetragen, den Autor und sein Werk in einen trügerischen Mantel des Exotismus zu hüllen. Trotz eines fulminanten Einstiegs in die Welt der Literatur, trotz markanter Bücher wie "Das Protokoll", "Wüste" oder "Fliehender Stern", trotz einer anspruchsvollen, präzisen, elementaren Arbeit an und mit der Sprache, trotz seines "kurzsichtigen" Blicks, wie Peter Handke sagen würde, ist Le Clézios Werk weiterhin eine von der französischen Literatur "abgetrennte" Welt. Doch vielleicht ist das ja auch gut so. Le Clézio selbst hat es erklärt im Zusammenhang mit den blauen Männern der Wüste oder bestimmten Maya-Stämmen, die sich der Kolonisierung verweigerten: Die "Abgetrennten" sind die "letzten Wilden" - die, die ihre Augen noch nicht geschlossen haben, die "ihren Blick bewahrt haben, während die Fremden einschliefen".

Christine Lecerf

Erstellt: 04-11-08
Letzte Änderung: 06-11-13