Das Buch zum Film ist die (vorläufig) letzte Etappe in der jüngsten multimedialen Bearbeitung des Sujets, deren Zielstrebigkeit frappiert: Anfang 2002 erschien Junges Buch, parallel dazu die auch im Fernsehen gezeigte Filmdokumentation über Hitlers Sekretärin „Im toten Winkel“ (von André Heller, Othmar Schmiderer), im weiteren Verlauf des Jahres dann Fests Buch, zwei Jahre darauf schließlich der aufwendig – u.a. mit Dreharbeiten in Sankt Petersburg – hergestellte Film von Bernd Eichinger (Drehbuch und Produktion) und Oliver Hirschbiegel (Regie) Möglicherweise fügte sich eines zum anderen, weil Produzent Eichinger es „an der Zeit“ fand, „daß wir unsere Geschichte selber beleuchten – ein solches Projekt muß aus Deutschland heraus gemacht werden“. 2004 war es also an der Zeit, das Ende des Zweiten Weltkrieges, des Hitlerreichs, des Diktators und seiner engsten Getreuen in einem effektvollen, mit fabelhaften deutschen Schauspielern besetzten deutschen Spielfilm, der inzwischen für den Oscar nominiert ist, ‚authentisch’ nachzustellen. Der Film gibt vor, ein strenges Doku-Drama zu sein für; die historisch korrekte Situierung zeichnet Fest verantwortlich, für das vermeintlich unmittelbare subjektive Erleben die Augenzeugin Traudl Junge.
Fest ist seit seiner Hitlerbiographie von 1973 für seinen ebenso um Einfühlung wie Distanz bemühten Darstellungsstil bekannt. Er liefert dem Drehbuch die ‚übergeordneten’ bzw. von außen vorgegebenen militärischen Perspektiven, die zur Erklärung des Geschehens im Innern des Bunkers notwendig sind. Für dieses wiederum bietet weitgehend, wenn auch nicht durchgehend, Traudl Junge Gewähr, die Sekretärin, die seit Anfang 1943 zu Hitlers engster Entourage gehörte, eine Augen- und Ohrenzeugin aus dem Hitlerschen Hausstand, prädestiniert, die privaten, menschlichen Vorgänge um den „Führer“ zu beobachten und festzuhalten; nach eigenem Bekunden führte sie Tagebuch.
Führt Fests knappe Skizze der Ereignisse stracks auf den Film zu und steht letztlich in dessen Dienst, so steht Junges „Bis zur letzten Stunde“ auch als Text für sich, ist inhalts- und facettenreicher. Entstanden „unter Mitarbeit von Melissa Müller“, gliedert sich Junges Buch in drei Teile: In Teil I erzählt Müller „eine Kindheit und Jugend in Deutschland“ – Junges Leben seit 1920, bis sie „Hitlers Sekretärin“ wurde, Teil III nennt sich „Chronologie einer Schuldverarbeitung – aufgezeichnet 2001“, wiederum von Melissa Müller. Dazwischen bieten 180 Seiten, drei Viertel des Gesamtumfangs, die Hauptsache, Traudl Junge: „Meine Zeit bei Adolf Hitler – aufgezeichnet 1947“.
Die Akribie der Aufzeichnungsdaten läßt aufhorchen. Die Gründe dafür erfährt der Leser aus Junges Vorwort vom Januar 2002 und aus einigen ihrer von Müller in der „Chronologie“ wiedergegebenen Bemerkungen: Traudl Junge schämte sich in späteren Jahren ihrer früheren Naivität und Unbedarftheit, die sie an Hitlers Seite geführt und dort bis zu dessen Ende hatten ausharren lassen, und ebenso schämte sie sich später der Trivialität ihrer Aufzeichnungen aus dem Jahre 1947. Tatsächlich hatte sie damals, angeregt durch Freunde mit Verbindung in die USA, eine Art home story für amerikanische Zeitungsleser verfaßt, die dann aber doch nicht veröffentlicht wurde, mangels Interesse „an derartigen Geschichten“, wie man ihr mitteilte. Erst ganz gegen Ende ihres Lebens geriet sie offensichtlich an eine jüngere Publizistin, die sie zur Veröffentlichung ihrer „subjektiven Erinnerungen [...] in der ursprünglichen Fassung“ überreden konnte und dafür eine Form fand, die, wie verquer auch immer, Junges (Schuld-)Bewußtsein und Aufrichtigkeitsbedürfnis entsprach. Der Aufbau des Buches zollt dem Tribut. Gewissermaßen hinter dem Rücken Junges, ohne ihr zu nahe zu treten, manchmal sogar eine Spur zu exkulpierend, macht Melissa Müller neben deren Aufzeichnungen auch die Person Traudl Junge öffentlich.
Auf diese Weise entsteht ein Zeitdokument eigener Art: ein spät aufgetauchter, zeitnah aufgeschriebener (weiterer) Bericht vom alltäglichen Leben mit Hitler in seinen letzten zweieinhalb Jahren und daneben die Geschichte der späteren Bewusstwerdung des Ungeheuerlichen, das dieser Mann angerichtet hat, am Beispiel seiner über- und weiterlebenden Sekretärin. Wenn indes der Film am Schluß der Einundachtzigjährigen das letzte Wort läßt: „Und in dem Moment hab ich eigentlich gespürt, daß das keine Entschuldigung ist, daß man jung ist, sondern daß man auch hätte vielleicht Dinge erfahren können“, so wirkt das eher aufgesetzt und dazu angetan, den Unterhaltungscharakter des Films zu überspielen.
Geschrieben ist der Bericht der 1947 Siebenundzwanzigjährigen nicht ohne kompositorische und stilistische Gewandtheit, sogar das Mittel der erlebten Rede steht ihr zu Gebote. Wohlweislich verschweigt sie das eine oder andere, z.B. die Tatsache, daß ihr Vater Max Humps Teilnehmer am Münchner Hitlerputsch vom 8./9. November 1923, Träger des Blutordens der NSDAP und SS-Mitglied war, welcher Umstand ihr 1941 bei der Bewerbung um einen Posten als Sekretärin in der „Kanzlei des Führers“ in Berlin gewiß hilfreich war – und wahrscheinlich auch später, als Hitler sie zu einer seiner vier Sekretärinnen berief –, denn er hatte nun einmal eine Schwäche für Alte Kämpfer. Diese Berufung erfolgte im Hauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen, und zwar, wie Junge sich präzise erinnert – kalendarische Daten sind ansonsten nicht ihre Stärke –, am 30. Januar 1943. Hier erlebt der Leser zum ersten Mal mit Staunen, wie die Zeugin, an diesem Ort und in dieser militärischen Umgebung, sich so gänzlich ahnungslos und unbeeindruckt erweist hinsichtlich der Vorgänge draußen, zu jener Zeit insbesondere in Stalingrad, wo die seit Monaten eingekesselte und nun geschlagene 6. Armee unmittelbar vor der Kapitulation steht. Davon hat Traudl Junge an diesem die Kriegswende endgültig besiegelnden 30. Januar 1943 im Führerhauptquartier und in Hitlers nur schwach beheiztem (11 Grad Celsius) Arbeitszimmer nichts mitbekommen! Vielmehr bilanziert sie diesen Tag recht befriedigt: „Er lachte [...] und nun war ich Hitlers Sekretärin. Von da an gab es mit Ausnahme weniger Wochen Urlaub nur sehr wenige Tage, an denen ich Hitler nicht gesehen, gesprochen, mit ihm gearbeitet oder mit ihm gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen hätte.“
Auf den nächsten 130 Seiten erfährt der Leser mancherlei gefällig Erzähltes: über die Trink- und Eßgewohnheiten des Vegetariers und Antialkoholikers Hitler, über seine besitzerstolze, närrische Liebe für die schlaue Schäferhündin Blondi, über die Unterhaltungen bei Tisch und bei den endlosen nächtlichen Sitzrunden, über die Verlegung des Führerhauptquartiers, jeweils im Frühjahr 1943 und 1944, auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden, wo Hitler sein privates Anwesen „Berghof“ besaß (mit seiner Geliebten Eva Braun als Hausherrin, nicht Hausfrau!), über Rankünen, Intrigen, umlaufende Klatschgeschichten bei Hofe. Drei Führergeburtstage hat Junge miterlebt, arbeitsreiche Ereignisse für die Adjutanten und Sekretärinnen, denn sie hatten die wochenlang zu diesem Anlaß eingehende Post mit Bergen von Geschenken zu sichten und zu kanalisieren.
Irgendwann will Junge bei aller Gläubigkeit und Faszination durch Hitlers „Suggestivkraft“ doch an seinem persönlichen Größenwahn Anstoß genommen haben, als er nämlich auf ihre Frage „Mein Führer, warum haben Sie nicht geheiratet?“, u.a. antwortete: „Außerdem möchte ich keine Kinder. Ich finde, die Nachkommen von Genies haben es meist schwer in der Welt [...]. Außerdem werden es meistens Kretins.“
Nach etwa 80 bis 90 Seiten wird der Bericht deutlich unkonzentrierter, der eine oder andere Lapsus schleicht sich ein, die Fehler häufen sich – von den Anmerkungen meistens richtiggestellt – möglicherweise auch deswegen, weil jetzt die Außenwelt stärker in Erscheinung tritt. So verlegt die Verfasserin die Niederlage von Stalingrad, freilich ohne das Datum noch einmal zu nennen, auf einen „grauen regnerischen Tag“, an dem ihre Kollegin ihr auf dem Weg zum Führerbunker der „Wolfsschanze“ mit verweinten Augen die Nachricht mitteilt. Junges Kommentar klingt nicht sonderlich überzeugend:
„Hitler war an diesem Abend ein müder alter Herr. Ich weiß nicht mehr, was wir gesprochen haben, aber ein trübes Bild ist mir in Erinnerung geblieben, vielleicht wie der Besuch auf einem öden Friedhof im Novemberregen.“
Anfang November 1944 setzte sich Hitlers Troß aus Ostpreußen ab, „denn die Russen waren nah“, und zog unter Mitnahme sämtlicher beweglicher Habe in die Reichshauptstadt um, die nun – bis auf wenige Wochen um die Jahreswende, die Hitler und sein Stab im Westen verbrachten, um der Ardennenoffensive nahe zu sein – das Hauptquartier beherbergte. Noch am 15. Januar 1945 im Sonderzug vom Taunus nach Berlin wurde gewitzelt: „Jemand erklärte, Berlin sei sehr praktisch als Hauptquartier, man könne bald mit der S-Bahn von der Ostfront zur Westfront fahren, und Hitler konnte darüber noch lachen.“ Zwei Seiten weiter hat es sich ausgewitzelt. Der Bericht ist jetzt bereits im Führerbunker tief unter der Erde im Garten der Reichskanzlei und beim 20. April angelangt, Führers Geburtstag. Die Großen des NS-Reiches, Göring, Himmler, Goebbels, Speer und die hohe Generalität, machen ihre Aufwartung. Sie drängen Hitler, Berlin in Richtung Süden zu verlassen. Hitler weigert sich: „Ich muß hier in Berlin die Entscheidung herbeiführen – oder untergehen.“
Der ganze Abschnitt über diesen Tag, einschließlich der Abreise der „prominenten Gratulanten“, ist im distanzierten Präteritum erzählt. Dann folgen anderthalb Seiten im ‚teilnehmenden’ Präsens – so wie im folgenden immer dann, wenn die Berichterstatterin auf unmittelbar eigenes Erleben und Beobachten zurückgreift und diese szenisch aufbereitet –, beginnend mit: „22. April 1945. Im Bunker herrscht fieberhafte Unruhe.“ Nach stundenlangen erregten Besprechungen der militärischen Lage mit Generälen und Offizieren werden die beiden noch verbliebenen Sekretärinnen und die Diätköchin zum „Führer“ gerufen, dieser „sieht aus wie seine eigene Totenmaske“. Die Szene nimmt ihren Lauf:
„Unpersönlich und befehlend [...] stößt er hervor. ‚Ziehen Sie sich sofort um. In einer Stunde geht ein Flugzeug, das Sie nach Süden bringt. Es ist alles verloren, hoffnungslos verloren.’
Ich bin ganz steif. Das Bild an der Wand hängt schief, und auf Hitlers Rockaufschlag ist ein Fleck. Alles ist wie in Watte gepackt und weit weg.
Eva Braun löst sich als Erste aus der Erstarrung. Sie geht auf Hitler zu, der schon die Hand auf die Klinke seiner Tür gelegt hat, nimmt seine beiden Hände und sagt lächelnd und tröstend, so wie man einem traurigen Kind zuredet: ‚Aber du weißt doch, dass ich bei dir bleibe. Ich lasse mich nicht wegschicken.’ Da beginnen die Augen Hitlers von innen her zu leuchten [...]. Er küßt Eva Braun auf den Mund, während draußen die Offiziere stehen und darauf warten, entlassen zu werden. Ich will es gar nicht sagen, aber es kommt von selbst; ich will nicht hier bleiben und ich will nicht sterben, aber ich kann nicht anders. ‚Ich bleibe auch’, sage ich.“
Fürwahr eine filmreife Szene, und es verwundert nicht, daß der Film sie wie andere nahezu eins zu eins umsetzt. Den kleinen Absatz im naturalistischen Sekundenstil „Ich bin ganz steif. Das Bild an der Wand hängt schief, und auf Hitlers Rockaufschlag ist ein Fleck. Alles ist wie in Watte gepackt und weit weg.“ übersetzt das Filmdrehbuch übrigens mit „Traudl ist wie versteinert“, was hingehen mag.
Die Frage, warum sie aus freien Stücken bis zum Schluß bei Hitler blieb, hat Junge offenbar nachträglich noch sehr beschäftigt. Ein paar Seiten später versucht sie sich an einer zweiten Version dieser, wie ihr wohl schien, Schlüsselszene ihres Lebens. Dieses Mal gibt sie ausführlicher ihre Gefühle und die Gedanken wieder, die ihr nach Hitlers wenigen Worten durch den Kopf schießen, und resümiert dann aus der Rückschau:
„Mitleid und Schuldgefühl hielten mich hier fest, und Frau Christian [ihre Kollegin] mochte ähnliche Gedanken haben. Fast gleichzeitig sagten wir: ‚Wir bleiben auch hier!’ Hitler blickte uns einen Moment an: ‚Ich befehle Ihnen, wegzugehen.’ Aber wir schüttelten den Kopf. Da gab er uns die Hand. ‚Ich wollte, meine Generale wären so tapfer wie Sie’, sagte er noch.“
Aus ‚moralischen Gefühlen’, nicht aus ideologisch verbohrter Treue harrte sie bei Hitler aus. Dies deutlich zu machen, ist Junge wichtig, wobei sie jeden Anschein von Heroismus vermeidet. So erzählt sie wenig später: „Wir Sekretärinnen trieben uns in Hitlers Nähe herum, immer in der unheimlichen Erwartung, dass er seinem Leben ein Ende macht“, und unter dem 26. April heißt es:
„Immer noch führt der Führer sein Schattendasein im Bunker. Ruhelos wandert er durch die Räume. Manchmal frage ich mich, worauf er noch wartet, warum er nicht endlich ein Ende macht, es ist doch nichts mehr zu retten.“
Er soll ein Ende machen, damit sie, Traudl Junge, sich retten kann, denn an ihrem selbstverständlichen Recht und ihrem Willen zu überleben hält sie, unangefochten von den offen beredeten Selbstmordabsichten der Bunkergesellschaft, fest. Von der home story des Beginns ist auf den letzten Seiten nichts mehr übrig, wie auch. An die Stelle der ‚unschuldigen’ Harmlosigkeiten aus dem Umfeld des höflichen und charmanten Chefs sind Grauen, Ausweglosigkeit und Todesnähe getreten. Nach Hitlers Tod und mit der nahen Aussicht, den Bunker endlich verlassen zu können, wirft sie einen letzten Blick auf die zurückbleibenden Todeskandidaten:
„Krebs und Burgdorf stehen auf aus der Runde, ziehen ihre Uniformröcke glatt, reichen jedem die Hand zum Abschied. Sie wollen nicht fort, sondern sich hier erschießen. Dann gehen sie hinaus und sondern sich ab von denen, die noch länger warten wollen. Wir sollen noch den Einbruch der Dunkelheit abwarten. Goebbels geht rauchend und ruhelos umher wie ein Hotelbesitzer, der diskret und schweigend darauf wartet, dass die letzten Gäste das Lokal verlassen. Er klagt nicht mehr und schimpft nicht mehr.“
Glücklich der Drehbuchautor, der solcherart dramatisch vorgeformtes ‚Dokumentationsmaterial’ zur Hand hat!
Rezension von Alexandra Pontzen in der Reihe „Junge Literaturkritik“, ein gemeinsames Projekt von ARTE und dem Rezensionsforum literaturkritik.de.
Bis zur letzten StundeTraudl Junge
unter Mitarbeit von Melissa Müller
List Tachenbuch Verlag, 2003
ISBN: 3548603548
Der UntergangDas Filmbuch
Joachim C. Fest, Bernd Eichinger
Rowohlt Taschenbuch, 2004
ISBN: 3499619237
Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches. Eine historische Skizze.
Joachim Fest
Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg , 3. Auflage 2004 (ersch. zuerst 2002 bei Alexander Fest Verlag Berlin)
ISBN 3 499 61537 1







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