Ausdruck von Deutschtümelei oder gar Verbeugungen vor deutschen Revanchisten sind Krajewskis Titel nicht. Schockierend deutlich wird das, wenn man sich ein wenig mit seinen Romanen beschäftigt. Drei sind bisher auf Deutsch erschienen: „Tod in Breslau" (2002, original 1999), „Der Kalenderblattmörder“ (2006, original 2003) und „Gespenster in Breslau“ (2007, original 2005). In Polen ist auch der die Tetralogie abschließende Band bereits herausgekommen, „Festung Breslau“ wird bei uns im kommenden Frühjahr zu lesen sein.
Der Kosmos Krajewskis ist in düster glühenden Farben gemalt, seine Bücher setzen den fantastischen Realismus mitteleuropäischer Autoren wie Leo Perutz oder Gustav Meyrink fort. Das Personal ist wie mit der Brille eines Dix oder Grosz gezeichnet. Einen Mittelstand, der brav seiner Arbeit nach ginge, gibt es nicht. Über der morgendlichen Eingangsszene hängt die aufgehende Sonne wie eine Bordelllaterne. An einem Schleusenwehr wird ein Gewirr aus vier nackten, männlichen Leichen gefunden. Der Anblick erinnert den Kriminalassistenten Mock an einen Scheiterhaufen. Die Toten sind mit Matrosenmützen kostümiert, die Genitalien mit Ledersuspensorien bestückt, die Augen ausgestochen. Das Tableau der Toten ist als Nachricht an Mock errichtet. Ein Beipack-Zettelchen fordert den Polizisten persönlich heraus: „Wenn du keine Toten mehr sehen willst, gesteh Deinen Fehler.“
Eberhard Mock, der noch keineswegs so abgebrüht ist wie in den chronologisch späteren, aber zuvor veröffentlichten Romanen, will, aber kann nicht. Er ist sich vieler Fehler bewusst, aber keiner Verfehlung, die diese Morde erzwingen würde. Die Suche nach dem vermutlich wahnsinnigen Mörder führt Mock durch die Bordelle der Stadt, unter Spiritisten und Fetischisten, aber auch ins Innere seiner Obsessionen, derer er nicht habhaft werden kann. In Gestalt nächtlicher Gespenster rütteln sie an seinen Träumen.
Idyllen werden nicht gegeben, sogar im Zentrum seines emotionalen Rückzugsgebietes, der Freundschaft mit dem Frontkameraden und Mediziner Rühtgard, lauert Verderbtheit. Psychoanalyse und Hypnose müssen her. Die auch in den anderen Romanen mit jeder Menge Tüll und Plüsch und Rausch und Drogen entfaltete hysterisierte Zwischenkriegswelt der Alltagsheiligen und Reformationserlöser, der Fememörder und Proletariatsbefreier breitet sich wie auf einem dieser gewaltigen Historiengemälde des 19. Jahrhunderts aus. In dem Pandämonium droht Mock unterzugehen – niemandem kann er trauen, am wenigsten sich selbst, denn außer der Sehnsucht nach einer rothaarigen Krankenschwester, die sich über das Bett des Verwundeten gebeugt und seitdem seine Seele in Besitz genommen hat, ist ihm gar nichts mehr gewiss.Krajewski hat mit seinen Romanen der europäischen Krimilandkarte eine neue, düstere, fantastische Farbe hinzugefügt, und einen faszinierenden Ort: Breslau. Den es natürlich nicht mehr gibt, umso mehr hat der Autor jedes Recht, ihn sich auszumalen. Auch um den Preis mancher Schwülstigkeit und Überladenheit. Aber wer will denn immer nur im Bauhaus leben?
Von Tobias Gohlis
Mehr zum polnischen Krimistar im Krimiblog von Tobias Gohlis: In diesem Sommer ist er Marek Krajewski in Breslau begegnet.







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