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Cannes 2009

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Cannes 2009

07/05/09

Isabelle Huppert: ein Star der Superlative

Cannes auf Arte


„Der Beruf des Schauspielers oder der Schauspielerin hat etwas Beängstigendes ... Isabelle Huppert ist vertraut und distanziert; sie ist intelligent, kühl, feurig und für die Schauspielerei zu allem bereit. Sie offenbart sich den anderen und ist zugleich abwesend, sie ist einsam und vielschichtig. Manche werden sagen, dass alle Schauspielerinnen so sind, aber Isabelle hat so etwas wie eine fatale Begierde, für die sie einsteht. Vielleicht ist das tragisch, diese schicksalhafte Begierde. Hier ist sie, so, wie man sie kennt: zu allen Risiken bereit, unerschrocken und stets bemüht, im Bewusstsein der Menschen präsent zu sein. Immer und immer wieder."
Patrice Chéreau (aus dem Buch „Isabelle Huppert im Porträt“, dt. Ausgabe 2006; hier neu übersetzt)

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Die Worte des Regisseurs und Schauspielers Patrice Chéreau erscheinen paradox: Sie beschreiben eine virtuose und zugleich diskrete Schauspielerin, äußerst ehrgeizig, mutig und hartnäckig, die sich von Intellekt und Instinkt gleichermaßen leiten lässt. Man fühlt sich an Bette Davis in der Rolle der Margo in Mankiewicz’ Film „Alles über Eva“ erinnert … Isabelle Huppert ist ein Star der Superlative, nicht zuletzt im Hinblick auf erhaltene Auszeichnungen: Sie wurde 13 Mal für den César nominiert und gewann ihn einmal (für „Biester“ von Chabrol), erhielt zweimal die „Coppa Volpi“ in Venedig; 16 Filme, in denen sie mitspielte, kamen in den offiziellen Wettbewerb in Cannes, wo sie zweimal den Preis für die beste Hauptdarstellerin erhielt (1978 für „Violette Nozière“ und 2001 für „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke). Seit dem Beginn ihrer Karriere im Jahr 1971 umfasst ihre Filmografie an die 80 Werke und eine beeindruckende (und vor allem äußerst vielfältige) Galerie von Cineasten, wie Jacques Doillon, Hal Hartley, Werner Schroeter, Benoît Jacquot, Raoul Ruiz, Olivier Dahan, Jerzy Skolimowski, Claire Denis, Rithy Panh, die Brüder Taviani, Andrzej Wajda, Michel Deville, Bertrand Tavernier, Joseph Losey, Bertrand Blier, Marco Ferreri und Christine Pascal.

Unter all ihren Filmen können die sechs folgenden wohl als besondere Meilensteine in Isabelle Hupperts Karriere gelten:

Die Spitzenklöpplerin (1977) von Claude Goretta
Violette Nozière (1978) von Claude Chabrol
Rette sich, wer kann (das Leben) von Jean-Luc Godard (1980)
Der Loulou von Maurice Pialat (1980)
Das Tor zum Himmel von Michael Cimino (1980)
Die Klavierspielerin von Michael Haneke (2001)

2005 erschien in Frankreich das Buch „Isabelle Huppert: La Femme aux portraits“ (die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Isabelle Huppert im Porträt“ wurde 2006 veröffentlicht). Das Buch, dem Fotoausstellungen in New York und in Paris vorausgegangen waren, zeugt von der Liebe der Schauspielerin zur Fotografie: 30 Jahre lang wurde sie im Rahmen von Aufträgen oder Begegnungen von berühmten Fotografen (wie Edouard Boubat, Henri Cartier-Bresson, Jacques Henri Lartigue, Richard Avedon, Robert Doisneau, Helmut Newton und Nan Goldin) porträtiert. Auf den Bildern ist sie nie ganz dieselbe, aber auch nie eine völlig andere. Eine künstlerische Erfahrung? Ein unerhörter Luxus? Der Wunsch nach einer Hommage an sich selbst oder an andere Künstler? Jede Schauspielerin hat zwangsläufig ein verblüffendes Verhältnis zur Kamera, wie in einer leicht verrückten Liebesgeschichte. Das Objektiv ist Spiegel oder Fenster – auf jeden Fall verleitet es dazu, sich selbst zur Schau zu stellen, auch wenn Isabelle Hupperts Gesicht sein Geheimnis nie restlos preisgibt. Selbst in den schlichtesten, „undankbarsten“ Rollen hat ihr Spiel stets etwas Kokettes. Eine Kleinigkeit wie ein Blick oder eine Satzmelodie wird zu einem Verführungsversuch, der den Zuschauer anspricht oder auch stört.

Claude Chabrol, der Isabelle Huppert in sieben seiner Filme eine Rolle gab, antwortete im Jahr 2000 auf die Frage eines Journalisten, mit welchem Musikinstrument er die Schauspielerin vergleichen würde: „Sie ist keine Violine und auch kein Cello. Sie ist etwas Subtileres: eine schöne Bratsche. Eine Stradivari! Sie macht aus weniger mehr. Allein mit ihrer Intonation kann sie alles ausdrücken. Das ist sehr angenehm, weil ich ihr folge und ebenfalls versuche, aus weniger mehr zu machen ... In manchen Filmen muss man zwölf Personen die Kehle durchschneiden, um einen einzigen Entsetzensschrei hervorzurufen. Hier gelingt das vielleicht mit so gut wie nichts.“ (siehe*)

Isabelle Huppert ruft Bewunderung oder auch Abneigung hervor, doch alle bescheinigen ihr ungeheures schauspielerisches Talent. Sie fasziniert nicht nur auf der Leinwand, sondern bisweilen auch im Theater, als Muse des Regisseurs Bob Wilson, der sie 2006 in Heiner Müllers „Quartett“ eine glamouröse und eiskalte Marquise Merteuil spielen ließ, während sie 1993 in Virginia Woolfs „Orlando“ eine androgyne Figur à la Garbo verkörperte. Unvergesslich bleibt auch ihre Rolle in „4.48 Psychose“ von Sarah Kane im Jahr 2002.

Die Schauspielerin war bereits 1984 Jurymitglied in Cannes und hat dieses Jahr den Juryvorsitz inne. Wenn man sieht, welch unerbittliche Kontrolle sie über Fotos oder das allerkleinste Interview ausübt (sie liest alle Artikel vor der Veröffentlichung, selbst bei der renommierten Tageszeitung „Le Monde“!), kann man sich vorstellen, wie die Debatten nach der Vorführung der Wettbewerbsfilme aussehen werden. Die brillante und äußerst anspruchsvolle Huppert wird sich vielleicht erfolgreich für kompromisslose Filme oder Regisseure einsetzen.

In der Tat fühlt sich die intellektuelle Schauspielerin von Extremen angezogen; sie mag komplexe, verruchte, radikale Figuren und liebt die Herausforderung. Sie provoziert auch gern und scheint ihre Grenzen Jahr für Jahr etwas weiter zurückzudrängen …

Ihre „härtesten“ Rollen:

- In „Die Klavierspielerin“ von Haneke spielte sie Erika Kohut, eine frustrierte und voyeuristische Pianistin, die zur Selbstverstümmelung neigt und eine perverse Beziehung zu einem ihrer Schüler (Benoît Magimel) unterhält,
- in „I ♥ Huckabees“ von David O. Russell suhlt sie sich in einer Sex-Szene im Schlamm,
- in „Meine Mutter“, einem Film von Christophe Honoré nach einem Roman von Georges Bataille, spielt sie eine Frau, die ihren Sohn (Louis Garrel) in ihr ausschweifendes Leben hineinzieht,
- in „Gabrielle – Liebe meines Lebens“ von Patrice Chéreau tritt sie ihrem Ehemann hüllenlos gegenüber (Pascal Greggory)
- und in „Eine Frauensache“ von Chabrol (1988) spielt sie eine „Engelmacherin“, die vor ihrer Hinrichtung hervorstößt: „Ave Maria, verdammt sei dein Leib, der nur Scheiße enthält.“
Man versteht, warum Patrice Chéreau die Schauspielerin als „unerschrocken“ bezeichnet!

Isabelle Hupperts Filmografie enthält nicht viele Komödien, doch daraus sollte man keine voreiligen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Künstlerin ziehen. Denn Isabelle Huppert hat wohl durchaus Humor. Zum Abschluss ein Ausspruch jenes Filmemachers, der die Schauspielerin sicherlich am besten kennt, Claude Chabrol (in der Filmzeitschrift „Première“):
Première: „Wie ist ihr Verhältnis zu Isabelle Huppert, die „Chabrolsche“ Schauspielerin schlechthin?“
Claude Chabrol: „Wir lachen viel. Wenn ich sie bitte, vor Vergnügen die Wand hochzugehen, dann tut sie das. [Er schüttelt sich vor Lachen.] Ich nehme keine Schauspieler, die man erst daran erinnern muss, dass ihr Großvater Schreiner war, damit sie eine Tür aufmachen können. [Erneutes Lachen]. Es gibt nämlich auch welche, die sagen: „Und was soll mich dazu motivieren?“ – [Er spricht mit tiefer Stimme.] Dein Scheck.


(*)siehe Artikel


Delphine Valloire







LINKS:


Isabelle Huppert singt „Message personnel“ in „Acht Frauen“ von François Ozon:






„Rette sich, wer kann (das Leben)“ von Jean-Luc Godard:




MEHR VIDEOS



UND ALS BONUS...


>> Der Wikipedia-Artikel über Isabelle Huppert

>> Ein Interview mit Isabelle Huppert aus dem Jahr 1979 (auf Französisch)

>> Ein schönes Porträt von Céline Laflute (auf Französisch)



Erstellt: 07-05-09
Letzte Änderung: 07-05-09