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Freitag, 28. Oktober 2005 um 20.40 Uhr - 27/10/05

Die Nacht der großen Flut

Die große Flutkatastrophe am 17. Februar 1962 traf Hamburg völlig unvorbereitet. Sie hinterließ 315 Tote und 10.000 obdachlose Menschen. Fast ein Fünftel des Hamburger Stadtgebietes stand unter Wasser. Die Wellen schwappten bis auf den Rathausmarkt. Der spätere Kanzler Helmut Schmidt steht als Innensenator vor einer riesigen Herausforderung.

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In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 brechen in Hamburg völlig unerwartet die Deiche und überschwemmen einen Großteil der Stadt. Die Menschen werden im Schlaf von den eiskalten Wassermassen überrascht. So auch Familie Brandt: Gerade noch zu Besuch bei ihren Eltern, gehen sie spätabends bei strömendem Regen nach Hause. Mitten in der Nacht werden sie vom ins Haus eindringenden Wasser geweckt.
Gerda Brandt, Hausfrau und Mutter, gelingt es sich mit ihrem 14-jährigen Sohn Fred und ihrer nur wenige Monate alten Tochter Bärbel auf das Dach eines Hauses zu retten. Während sie dort gemeinsam mit anderen Nachbarn auf Hilfe warten, müssen sie hilflos mit ansehen, wie ihre Tante schreiend in den Fluten ertrinkt. Christina Langer feiert am Abend des 16. Februars ihren sechsten Geburtstag. In derselben Nacht wird auch das Haus ihrer Eltern von den Fluten überschwemmt - das Ende einer unbeschwerten Kindheit.
Werftarbeiter Horst Sahm verlässt wie so oft am Abend des 16. Februars seine Frau Anita und seine beiden Kinder Kai und Monika, um zur Nachtschicht zu gehen. Er ahnt nicht, dass er seine Familie nicht mehr lebend wieder sehen wird. Auch Helden gibt es in dieser Katastrophennacht: Gerd Piechowak rettet mit Mut und Eigeninitiative mehrere Menschen, die auf Dächern ausharren. In der Not hoffen die Hamburger auf ihren jungen Polizei- und Innensenator Helmut Schmidt, dem späteren Bundeskanzler, der sich in diesen Tagen beweisen muss. Er befiehlt, die Bundeswehr bei der zivilen Rettungsaktion einzusetzen - ein in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis dato einmaliger Vorgang!

Die bewegende Dokufiktion "Die Nacht der großen Flut" rekonstruiert die dramatischen Stunden und Tage der Hamburger Sturmflut 1962, in denen die egoistischen Wirtschaftswunder-Interessen der Einzelnen sich dem menschlichen Solidarprinzip unterordneten, wirklichkeitsgetreu bis in die Details des Geschehens. Helmut Schmidt erinnert sich in einem Interview vor der Kamera daran, wie er die Rettung leitete. In vielen Dokumenten, Tönen und Spiel-Szenen lässt Regisseur Raymond Ley diese Stunden wiederaufleben - und widmet sich dabei authentischen Schicksalen von Menschen. Die von ihm befragten Zeitzeugen erzählen das erste Mal im Fernsehen von ihrem Überlebenskampf. Ihre Geschichten wurden für die Kamera nachgespielt.


Ulrich Tukur verkörpert den Innensenator Helmut Schmidt. Mit Christiane Paul und Florian Lukas wurden weitere Stars gewonnen - sie spielen junge Erwachsene, die in Wilhelmsburg und Georgswerder mit ihren Familien vor der Flut flüchteten. Gedreht wurde mit 50 Darstellern und 600 Komparsen unter anderem im Studio Bendestorf, in einer eigens ausgestatteten Halle in Fuhlsbüttel, aber auch auf Planten un Blomen, der Hamburger Handwerkskammer und in Schlutup bei Lübeck. Extreme technische Herausforderungen an die Produktion stellten die zu zeigenden Wassermassen dar. Diese Effekte wurden durch Flutung der Kulissen, aber auch durch Computeranimationen provoziert. Um Deichbrüche wirklichkeitsnah abzubilden, wurden Modelle gebaut, die unter extremen Wasserdruck gesetzt wurden.


"Die Nacht der großen Flut" ist bei aller Nähe zur Wirklichkeit jedoch kein Katastrophenfilm. Bei aller Dramatik ist nicht Action das Anliegen des Films. Die Doku-Fiktion konzentriert sich vielmehr darauf, von Menschen und ihren ergreifenden Schicksalen zu erzählen, die bislang - völlig zu Unrecht - keine Beachtung gefunden haben. Der Kampf der vier Familien, die Regisseur Ley nach mehr als 100 Gesprächen ausgewählt hat, steht exemplarisch für Tausende von "kleinen Leuten" in den Elbniederungen, die sich damals retten mussten.
Menschen, von denen viele Flucht und Vertreibung bereits im Krieg erfahren hatten, und die nach dieser einen Februarnacht wieder vor dem materiellen Nichts standen. Die traumatische Erinnerung prägte sich auch vielen Kindern für immer ein - denn die Bewohner der elbnahen Siedlungen, die von der Flut zerstört wurden, waren arm, aber kinderreich, und so waren unter den Todesopfern der Flut 36 Mädchen und Jungen zu beklagen.

Weil die menschliche Dimension eine andere ist als bei anderen Fernsehprojekten, war der Kontakt zwischen den Zeitzeugen und der Produktion eng: Es gab immer wieder Gespräche, und so trafen sich auch die Schauspieler Florian Lukas und Christiane Paul mit ihren realen Vorbildern Gerda Brandt und Horst Sahm noch vor Drehbeginn.

  • ARTE strahlt diesen Film auch in einer untertitelten Fassung für Hörgeschädigte aus.

Auf dem Hamburger Filmfest 2005 wurde "Die Nacht der großen Flut" mit dem TV-Produzentenpreis ausgezeichnet. Die mit 30.000 Euro dotierte Ehrung geht an die Hamburger Produktionsfirma CineCentrum und den Produzenten Ulrich Lenze.

Die Nacht der großen Flut
Deutschland 2005, ARTE/NDR, Erstausstrahlung, 16:9 / 89 Min.

Regie: Raymond Ley, Drehbuch: Raymond Ley, Kamera: Martin Gressmann, Musik: Hans Peter Stroer, Kostueme: Bruni Hannemann, Redaktion: Ulrike Dotzer, Hans-Jürgen Börner, Andreas Schreitmüller, Schnitt: Tina Freitag; Ausstattung: Erik Rüffler; Ton: Andreas Pitann, Matthias Pamperin, Produktion: CineCentrum, Produzent: Ulrich Lenze

Mit: Ulrich Tukur (Helmut Schmidt), Christiane Paul (Gerda Brandt), Arndt Schwering-Sohnrey (Heinrich Brandt), Willi Gerk (Fred Brandt), Jan Peter Heyne (Bernhard Brandt), Hannah Schröder (Antita Sahm), Florian Lukas (Horst Sahm), Charleen Lichtenwald (Monika Sahm), Franz Kroß (Kai Sahm), Sabine Urig (Martha Langer), Tom Jahn (Konrad Langer), Larissa Hartmann (Christina Langer)

Erstellt: 30-09-05
Letzte Änderung: 27-10-05