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ARTE Journal - 27. September 2010 - 28/09/10

Fünftes Interview mit Mylène Sauloy

Das ist das letzte Telefongespräch mit Mylène Sauloy. In ein paar Tagen wird sich die Karawane Babel Caucase auf den Weg Richtung Frankreich machen, wo sie etwa am 7. Oktober eintreffen wird. Als wir Mylène am Apparat hatten, steckte das Team gerade mitten in den Vorbereitungen für ein großes Fest mit den tschetschenischen Flüchtlingen des Pankissi-Tals. Ein Abschiedsabend unterm Mond in den herrlichen Bergen des Kaukasus. Das Interview führte Claire Stephan für ARTE Journal.




Claire Stephan für ARTE Journal: Hallo, Mylène! Ist das jetzt die letzte Etappe der Karawane Babel Caucause 2010?
Mylène Sauloy: Ja, aber vielleicht ist es doch nicht die allerletzte. Wir haben eine Etappe im Dorf Nukriani in einem Weinbaugebiet im Osten Georgiens außen vor gelassen, um mehr Zeit hier im Pankissi-Tal verbringen zu können. Es ist möglich, dass wir auf dem Rückweg dort einen Zwischenstopp einlegen. Aber ansonsten ist es die letzte Etappe der Karawane.

ARTE Journal: Als Sie im Pankissi-Tal angekommen sind, haben Sie - und das ist kein neues Phänomen - ein Erstarken des radikalen Islam in Form des Wahhabismus festgestellt, der mit der Sufi-Tradition des tschetschenischen Volkes nichts zu tun hat…

Mylène Sauloy: Ja. Und der Wahhabismus durchdringt immer mehr das Leben der Menschen. Anfangs waren die Wahhabiten bei der tschetschenischen Bevölkerung verhasst, wegen des Chaos, das sie während des Krieges in Tschetschenien angerichtet hatten, wegen des Drucks, den sie anderswo im Kaukasus ausübten, wegen ihrer Leugnung des traditionellen tschetschenischen Islam, des Sufismus, der ein friedlicher, ekstatischer Islam ist, bei dem getanzt und gesungen wird, der lebendig und in keiner Weise streng ist. Aber inzwischen spürt man, dass die radikalen Islamisten immer mehr das Leben der Bevölkerung bestimmen, und das macht Angst…Man sieht ganz kleine Mädchen den Hijab, also Kopftuch, tragen, und manche Kinder erklären einem ruhig, dass sie die Araber mögen und selbst Araber sein möchten. Und der Präfekt der Pankissi-Region erklärt, dass sie junge Studenten nach Saudi-Arabien schicken und dass Scheiche aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sie beim Bau von Moscheen unterstützen und dass das sehr gut sei. Natürlich ist das beunruhigend und macht Angst.

ARTE Journal: Hat es Sie daran gehindert, einige der geplanten Aktivitäten durchzuführen?

Mylène Sauloy: Es hemmt die Leute, die uns hier aufnehmen und unsere Partner vor Ort sind, Musiker und Künstler der Region, die selbst Gruppen gebildet haben, um die Traditionen weiterzugeben und die tschetschenische Kultur zu bewahren. Sie befinden sich in einer heiklen Lage und werden von den radikalen Islamisten unter Druck gesetzt. Aus all diesen Gründen bitten uns unsere Partner, manche Aktivitäten abzusagen. Uns selbst hat niemand direkt verboten, bestimmte Dinge zu tun, wir haben auch keine Drohungen erhalten. Doch wir spüren bei unseren Gastgebern eine latente Anspannung…

ARTE Journal: Die Tschetschenen standen im Mittelpunkt des Projektes Babel Caucase 2007. Diesmal befinden Sie sich wieder vor den Toren Tschetscheniens…. Haben Sie Neuigkeiten von der anderen Seite, von Ihren Freunden, die immer noch in Grosny in Tschetschenien sind?

Mylène Sauloy: Wir haben mehr Neuigkeiten von Leuten, die versucht haben, nach Tschetschenien zurückzukehren und wieder zurückgekommen sind, oder von Leuten, die ihre erwachsenen Kinder dorthin geschickt haben, damit diese auskundschaften, ob sie wieder nach Tschetschenien zurückkehren können. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, Tina, die Journalistin ist und im Pankissi-Tal als Flüchtling lebt. In Grosny hat sie jahrelang fürs Fernsehen gearbeitet. Sie ist eine erbitterte Gegnerin der russischen Regierung im Allgemeinen und von Putin im Besonderen, aber auch von Kadyrow, dem tschetschenischen Präsidenten und seinen Milizen. Sie hat ihre erwachsenen Kinder nach Tschetschenien geschickt, und sie wurden verhaftet. Man fragte sie, wo ihre Mutter ist. Man sagte ihnen, dass sie nicht frei gelassen würden, solange ihre Mutter nicht nach Tschetschenien zurückkehren würde. Zum Schluss wurden sie „freigekauft", ein Lösegeld wurde gezahlt, und sie sind zurückgekommen. Ihre Mutter kann nicht nach Tschetschenien zurück, das ist unmöglich. Man spürt, die letzten Flüchtlinge hier sind Menschen, die weiter ihre tschetschenische Kultur leben wollen und deshalb im Pankissi-Tal bleiben anstatt nach Europa zu gehen. Aber nach Tschetschenien können sie nicht zurück, denn sie sind offene Kritiker der russischen Regierung und der von Moskau eingesetzten Regierung unter Kadyrow.

ARTE Journal: Es ist noch ein bisschen zu früh, um aus der Karawane 2010 Bilanz zu ziehen. Aber ich kann mir vorstellen, dass Sie auf all Ihren Stationen bei der Bevölkerung eine große Begierde nach Austausch und Kultur wahrgenommen haben. Sie haben sicher auch ein starkes Gefühl der Isolation gespürt?
Mylène Sauloy: Wir sehen vieles, bei dem uns warm ums Herz wird, besonders diese kindliche Achtung der Menschen vor der französischen Kultur, die sie als Raum der Freiheit und Schönheit erleben. Im Kaukasus herrscht noch immer die Vorstellung von einer großen französischen Kultur, die als Vorbild gesehen wird und die man dem Englischen entgegenstellt, der Sprache der Wirtschaft mit einer rationaleren Logik. Französisch gilt weiterhin als Sprache der Kultur und für viele auch als Sprache der Liebe! In der Vorstellung der Kaukasier ist das Französisch auch weiterhin die Sprache der Freiheit, die Sprache von Dumas, der hier äußerst bekannt ist. Es ist angenehm, nicht wie jemand wahrgenommen zu werden, der gekommen ist, die hiesige Kultur mit Füßen zu treten, sondern wie jemand mit einer anderen Kultur, die bewundert wird. Wir sind durch viele Gebiete gekommen, in denen viele Minderheiten leben, denen es schwer fällt, ihre eigene Kultur, ihre Traditionen zu bewahren. Die Araber nannten den Kaukasus den „Berg der Sprachen, und das nicht ohne Grund, denn hier werden unzählige Sprachen gesprochen. Hier leben sehr viele Kulturen, die Angst haben, überrollt zu werden. Das sieht man vor allem bei den Tschetschenen und Osseten. Und ich sage in aller Bescheidenheit und ohne große Illusion in Bezug auf die Tragweite unseres Tuns: Viele Menschen waren glücklich, dass wir gekommen oder zurückgekommen sind, dass wir sie unterstützen und sie nicht vergessen, obwohl der Krieg und die aufsehenerregenderen, die dramatischeren Ereignisse vorbei sind.

ARTE Journal: Eine letzte Frage: Was ist für die Abschiedsfeier der letzten großen Etappe der Karawane geplant?

Mylène Sauloy: Auf dem Programm heute Abend steht ein Pferderennen, denn das ist im Pankissi-Tal Tradition. Wir haben sogar einen Preis ausgesetzt! Danach gibt es einen Ringwettkampf, auch das hat in dieser Region eine große Tradition. Die Tschetschenen sind große Ringkämpfer, sie haben sogar Teams in der ganzen Welt. Dann zeigen wir den kleinen Film, den wir mit den Kindern gedreht haben, darin geht es um Löwen und viele andere Tiere, ein bisschen in Abwandlung der Mythologie. Zum Schluss organisieren wir ein großes Fest mit den Leuten, die uns aufgenommen haben. Und das Ganze vor Einbruch der Nacht, um nicht mit den Wahhabiten in Konflikt zu geraten.

(Interview vom 27. September 2010)

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Erstellt: 23-09-10
Letzte Änderung: 28-09-10