Interview mit Roland Schaeffer, seit 1975 Mitglied der „Krautrock“-Gruppe „Guru Guru“, die in diesem Jahr 40-jähriges Band-Jubiläum feiert.
Roland Schaeffer, ARTE zeigt einen Themenabend zur deutschen „Krautrock“-Szene der siebziger Jahre. Auch die vom Schlagzeuger Mani Neumeier 1968 gegründete Gruppe Guru Guru, der Du seit Mitte der siebziger Jahre angehörst, wird zu den Krautrockern gezählt. Geht dieses Etikett in Ordnung oder stört es eher?
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| © ARTE / Thomas Neuhauser |
| Roland Schaeffer von Guru Guru |
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Mittlerweile versteht man unter „Krautrock“ eine eigenständige deutsche Rockmusik, die in den siebziger Jahren, teilweise auch schon Ende der sechziger Jahre entstand. Der Begriff wurde wahrscheinlich von der englischen Musikpresse erfunden, aber erst später, in den Achtzigern, inzwischen ist das zu einer Art Markenzeichen geworden. Wir haben uns eigentlich nie als Krautrocker verstanden, der Begriff stört aber auch nicht als historische Einordnung. Das war ein großer Schmelztiegel von ganz verschiedenen Musikstilen, da gab es die elektronische Richtung à la Kraftwerk, Tangerine Dream, Klaus Schulze, oder die mehr von der Minimal Music und von der Neuen Musik beeinflussten Can, und es gab eine Reihe von Bands und Musikern, die mit Drogen experimentierten, die mit Drogenerfahrungen und teilweise auch unter Drogeneinfluss Musik gemacht haben, die frühen Guru Guru gehörten da auch dazu. Wenn man heute die erste Guru-Platte „Ufo“ hört, auf der ich noch nicht dabei war – ich hatte damals noch eine andere Band namens „Brainstorm“ – dann ist das immer noch Musik wie von einem anderen Stern. Guru-Gründer Mani Neumeier kam ja vom Jazz und der frei improvisierten Musik, hatte auch mit Joachim Ernst Behrendt produziert und in der Avantgarde-Szene gespielt. Für Mani war die Musik von Jimi Hendrix’ Experience ein starker Einfluss, um aus dem eher akustischen Free Jazz in die Rockmusik mit großen Verstärkeranlagen zu wechseln.
Die sogenannten „Krautrock“-Gruppen wie Can, Faust, Amon Düül, Kraan, Tangerine Dream und Guru Guru hatten ja – vielleicht mit Ausnahme von Kraftwerk – in Deutschland eher einen Insider-Status, waren aber im europäischen Ausland und sogar bis nach Japan ziemlich bekannt und einflussreich. Gibt es dafür eine Erklärung?
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Tatsächlich hatte keine der genannten Bands damals einen Hit, dafür war z. B. eher Udo Lindenberg zuständig, der ja damals auch deutsche Rockmusik machte. Die „Krautrocker“ sangen auch fast alle in Englisch, waren international ausgerichtet, und wir hatten schon einen gewissen Erfolg, so dass die Bands Stadthallen mit bis zu 1000 Leuten füllen konnten. Manche Bands waren im Ausland sehr erfolgreich, vielleicht weil man dort mit einem unvoreingenommenen Blick von außen auf diese neue Entwicklung schaute. Denn diese deutschen Bands haben nicht mehr nur die angelsächsische Musik gecovert, sie haben eigenes Material gespielt und auch die gängigen Blues-Rock-Schemata verlassen, vielleicht war das auch ein Markenzeichen, das im Ausland gut ankam.
Der Begriff „Krautrock“ kam ja wohl erst in den achtziger Jahren auf und wurde dann sehr unterschiedlichen deutsche Rockgruppen angeheftet – von Guru Guru bis Tangerine Dream oder Cluster. Gab es da Gemeinsamkeiten, wie ließe sich diese deutsche Rockmusik beschreiben und was war an ihr deutsch?Das lässt sich nicht alles in eine Topf werfen, Kraftwerk z. B. hatten sicher auch einen ironischen Umgang mit bestimmten Klischees, der Maschinenästhetik und der Verwendung der deutschen Sprache, aber es gab auch Gruppen wie Novalis oder Hölderlin, mit gefühlsbetontem, romantischem Orgelsound, bei dem man vielleicht deutsche Innerlichkeit oder Spätromantik heraushören kann. Da könnte man bei näherer Betrachtung sicher noch viele Facetten finden.
Guru Guru hat in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen gefeiert, mit einer ausgedehnten Tournee und der neuen CD „PSY“. Wo habt Ihr gespielt und was für ein Publikum kommt heute zu Euren Konzerten?Wir haben fast alle mittelgroßen Clubs bespielt, im Herbst geht die Tournee noch mal mit dreißig Konzerten weiter. Es kommen natürlich die, die uns schon vor dreißig Jahren gehört haben und noch mal Tuchfühlung aufnehmen wollen, aber es kommen auch Leute der neuen oder wieder auflebenden Hippie-Bewegung, wie man das z.B. auf dem Festival Burg Herzberg erleben kann, das seit Jahren gut besucht ist und wie ein totaler Flashback in die sechziger und siebziger Jahre erscheint, und es kommen auch – teilweise mit ihren Eltern – sehr junge Leute, die dann meist ganz begeistert sind, dass es noch Bands gibt, die ohne großen technischen Aufwand ganz eigenständige Musik machen. Und sie staunen auch über unsere Spielfreude und Vitalität, schließlich sind wir alle Ende fünfzig, Mani Neumeier ist Mitte sechzig, da fragen die Leute manchmal, ob uns die Musik jung hält. Wir spielen auch nur wenige der alten Stücke, natürlich den Klassiker „Elektrolurch“ als Reminiszenz, sonst aber hauptsächlich neues Material, das teilweise auch spontan entsteht, dafür kennen wir uns inzwischen gut genug, das hört man z. B. auch auf der neuen CD „PSY“.
Du hast ja neben Guru Guru noch verschiedene Soloaktivitäten, mit einem starken Akzent auf der traditionellen indischen Musik. Was hat Dich dahin geführt?
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| © ARTE / Thomas Neuhauser |
| Roland Schaeffer |
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Es war eigentlich ein Zufall. Natürlich gab es damals die Baghwan-Bewegung und die Einflüsse indischer Gurus, das bekam man natürlich mit, aber ich fühlte mich davon nicht so sehr angezogen, ich sah mich eigentlich immer als Rock-Jazz-Musiker. Dann bekam ich einen Anruf von der Band „Dissidenten“ – die nannten sich so, weil sie eine Abspaltung von der Gruppe „Embryo“ waren – ob ich mit nach Indien zu verschiedenen vom Goethe-Institut organisierten und sogar gut bezahlten Konzerten fahren wollte. Damals kriselte es gerade bei Guru Guru, die ja als Musik-Kommune im Odenwald lebten, was nicht immer konfliktfrei ist, und in Deutschland war die Neue Deutsche Welle unterwegs, auf die wir gar keinen Bock hatten. Also sagte ich kurzfristig zu und auf dieser Tournee hat mich die indische Musik gepackt. Das war Musik, die man in Europa noch gar nicht gehört hatte, besonders die südindische Musik und das Nadaswaram, ein sehr lautes Blasinstrument. Ich habe mich dann da richtig hinein gearbeitet und auch in ein bekanntes Musikinstitut in Bangalore eingeschrieben. Ich habe mir einen Lehrer gesucht und war dann sieben Jahre lang jedes Jahr ein halbes Jahr in Indien zum Musikstudium. Das war für mich auch ein Teilausstieg aus der hiesigen Rockszene, die eine bedenkliche Entwicklung nahm: man brauchte immer mehr Betriebsmittel um die riesigen Verstärkeranlagen und Bühneneinrichtungen zu unterhalten, da blieb dann für die Musiker selbst oft wenig übrig. Das wollte ich nicht mitmachen und habe mich dann in den achtziger Jahren fast ganz auf die indische Musik konzentriert. Deshalb habe ich von den achtziger Jahren hier auch nicht viel mitbekommen, und wenn ich heute manchmal Musik aus den Achtzigern höre, denke ich bei den meisten Sachen, wie gut, dass ich nicht hier war
(lacht).
Einige der weltweit erfogreichsten Rockgruppen der jüngeren Gegenwart, wie z. B. Radiohead, Sonic Youth oder Coldplay, nennen heute „Krautrock“-Gruppen als wichtigen Einfluss. Kannst Du nachvollziehen, wo sich diese Einflüsse zeigen?Zunächst kenne ich von den genannten Gruppen gerade mal zwei, obwohl die alle bestimmt megabekannt sind. Aber ich gehe mal davon aus, dass diese Musiker von der authentischen Spielweise im „Krautrock“ fasziniert sind, von der Spontaneität und der Experimentierfreudigkeit, also der Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Aber man müsste die natürlich auch fragen, von welchem „Krautrock“ sie beeinflusst sind, von Kraftwerk oder Can oder Tangerine Dream usw. In weiten Bereichen der Rock- und Pop-Musik werden ja nur noch Erfolgsrezepte kopiert, es sind die gleichen Muster, die Sänger singen in der gleichen Art und die Melodien gleichen sich. Da hat sich eine Art Produzenten-Musik breit gemacht, und die Produzenten suchen immer nur den Hit. Die Krautrock-Musik hatte dagegen noch ein hohes Maß an Authentizität, vielleicht macht sie das gerade heute wieder interessant.
Das Interview führte Thomas Neuhauser (ARTE / August 2008). Links:
Website von Roland Schaeffer
Offizielle Website von GURU GURU & Mani Neumeier
Guru Guru auf Wikipedia