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01/10/13

Interview mit der Sopranistin Vivica Genaux

Von Teresa Pieschacón Raphael


- Als Kind sollen Sie die Oper regelrecht gehasst haben?
Oh ja (lachen). Jeden Samstag hörte meine Mutter im Radio die Übertragungen der Matinee-Vorstellungen der Met. Meine Mutter liebt die Oper sehr. Es war schrecklich.

- Sie stellten dabei sogar den Staubsauger an, um die Musik zu übertönen?
Ich mochte die Stimmen nicht, ich mochte die Geschichten nicht, die Figuren, alles kam mir so hysterisch vor und so übertrieben.

- Na ja, viele Opernplots gleichen regelrecht einer soap-opera...
Ja. (Lachen). Heute habe ich kein Problem mehr damit. Das ist eben wie bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Vieles ist ja wahr daran, wird aber dann in dem Werk zugespitzt und wirkt deshalb übertrieben. Das ist eben Oper. Von der Oper erwartet man Gesang, man will aber auch eine Moral. Und ein gutes Ende. Ich habe mich viel mit Mythologie beschäftigt, bin als Kind mit Grimms Märchen, Max und Moritz aufgewachsen.

- Sie wuchsen in Fairbanks, Alaska, als jüngstes Kind einer schweizerdeutscher Mutter und eines amerikanischen Vater mit belgischem Namen auf. Bitte korrigieren Sie, wenn etwas nicht stimmt.
(Lachen) Meine Mutter kommt aus Dresden und wurde in Mexico City geboren. Ihr Vater kam aus Basel. Mein Großvater ging nach Mexiko vor dem Zweiten Weltkrieg. Mein Vater, ein Amerikaner aus Iowa, traf meine Mutter in der Schweiz, sie studierte dort. ... Und sie zogen nach Alaska, weil sie dort als Lehrerin und mein Vater als Biochemiker eine Arbeit gefunden hatten. Und ich bin mit meinen Schwestern dort geboren. Sie sind viel älter als ich, ich bin das Nesthäkchen.

- Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie gerne im Mittelpunkt stehen?
Da war ich vielleicht zehn Jahre alt in einer Schulaufführung, in einem pädagogischen Musical. Ich spielte ein Indianermädchen. Ich wusste es gefällt mir. Vorher spielte ich Geige, Klavier, aber auf dem Gebiet war ich sehr angespannt, die Finger verkrampft.

- Sie erhielten Gesangsstunden, so ganz überzeugt aber war Ihre Lehrerin nicht von Ihrem Talent...
Eine Musiklehrerin sagte mir auch, wenn Du nicht aufhörst zu quatschen, dann wirst Du niemals singen können. (Lachen). Man warnte mich vor der großen Konkurrenz, und empfahl mir etwas Solides zu studieren.

- Sie entschieden sich für Biologie und planten, in Genetik sich zu spezialisieren. Ist Musikalität genetisch angelegt ist oder eine Sache der Erziehung?
Mmh. (nachdenklich) Schwierige Frage. Bei mir halfen die Gene, denn meine Schwester ist auch sehr begabt, konnte als Kind auf Anhieb alle Instrumente spielen. Zugleich bin ich mit viel Musik aufgewachsen. Man sollte einem Kind immer diese Möglichkeit geben, unabhängig davon, ob es begabt ist oder nicht. Dadurch entwickeln sich verschiedene Bereiche im Gehirn besser. So ist es auch mit unterschiedlichen Sprachen. Meine Mutter ist ja Sprachlehrerin für Deutsch, Spanisch und Französisch. Zudem spricht sie Englisch.

- Also ist es wohl ein Zusammenspiel von Genen und Erziehung?
Ja, das ist es wohl. Zudem bin ich mit verschiedenen Sprachen und Musiksprachen, mit Jodeln und mexikanischen Mariachis, deutschen Liedern, Symphonik, Oper, was immer Sie wollen aufgewachsen. Ich liebte das. Meine beste Freundin war Japanerin, wir haben uns besucht. Mit meiner Familie haben wir dann ein halbes Jahr in Osaka gelebt. Das Problem sehe ich in den USA. Das die keine andere Sprache können. Es gibt keine ausländischen Nachrichten.

- Durch das Studium lernten Sie, sehr abstrakt zu denken und rational vorzugehen. Hat Sie dies in Ihrer künstlerischen Laufbahn behindert?
Ach, Sie sprechen ein Grundproblem von mir an. Das ist eine Qual! Es ist ein so unterschiedlicher Zugang zu den Dingen, ob Sie nun emotional oder wissenschaftlich an die Dinge herangehen. Ich denke sehr methodisch, sehr technisch über die Dinge über: Wie erreiche ich Was. Ich glaube, das schlägt sich auch auf meine Interpretation nieder. Ich habe Sorge, dass sie vielleicht zu technisch klingt, zu wenig menschlich. Abstraktes Denken wäre vielleicht für einen Juristen oder einen Wissenschaftler wichtig, aber doch nicht für einen Künstler.

- Ist das nicht ein Künstlerklischee: emotionale Auslieferung gleich grosse Kunst? Ist nicht eher Präzision und die Beherrschung aller technischen und musikalischen Fertigkeiten die Voraussetzunng für eine vollendete Interpretation?
Natürlich ist ein systematisches Herangehen von Vorteil. Wenn man keine Technik hat, kann man auch nicht singen. Nur manchmal sollte man entspannen. Man muss manchmal auch stolz auf Erreichtes sein. Und das fällt mir sehr schwer, ich bin nie zufrieden. Selbst wenn ich hundertmal die Rosina singe, ich bin immer noch nicht zufrieden.

- Dafür ist wiederum die andere Gehirnhälfte verantwortlich, ein leider weibliches Problem.
(Lachen). Das ist leider wahr!

- Als ich Sie als Rosina auf der Bühne erlebte hatte ich nicht den geringsten Eindruck von Selbstzweifeln...
Sie wissen ja nicht, wie es in meinem Inneren aussieht!

-Wie schaffen Sie es, die vielen Ebenen auf der Bühne zu verbinden: Gesang, Bewegung, Gestik, Ausdruck und dabei möglichst auch noch gut auszusehen?
Konzentration, Erfahrung und gute Schuhe, das ist alles sehr wichtig. Das Kostüm muss einfach mit einem mitarbeiten. Das ist nicht immer der Fall. Ich habe oft hohe Schuhe. Ich kann alles und muss alles mit diesen Schuhen machen können, sogar Bergsteigen. Die Bühne ist ja auch oft abgeschrägt.

- Mit Ihrer Aufnahme „Arias for Farinelli“ hatten Sie einen grossen Erfolg. Für den Spielfilm über den Kastraten „Farinelli“ verwendete der Regisseur Corbiau seinerzeit eine elektronische Mixtur aus Countertenor und Sopran. Wie klingt es bei Ihnen?
Eigentlich braucht man so einen synthetischen Klang gar nicht. Letztendlich ist es doch meine Stimme, die man hört. Gegenüber einem Countertenor war ich im Vorteil, weil ich in der Tiefe mehr Gewicht und Kraft habe als er und so die heroischen Nuancen der Stücke besser herausbringen konnte. Die Technik habe ich aus der Barockoper und zudem hat mir René Jacobs, der selber Countertenor ist, sehr geholfen.
Fast zwei Monate habe ich mich freistellen lassen und jeden Tag drei Stunden dieses Repertoire mit meinem Lehrer einstudiert. Farinelli liebte es zu „thrillen“ und das muss man erst einmal üben. Doch wie Farinelli wirklich gesungen hat, das wissen wir nicht, denn es gibt ja kein Dokument, auf dem seine Stimme überliefert ist.

  • Vivica Genaux auf ARTE:
    Sonntag, 19. Juni 2005, um 19 Uhr:

    Musikdokumentation von Stefan Pannen und Claus Wischmann

Erstellt: 16-09-05
Letzte Änderung: 01-10-13