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05/08/08

Interview mit der Sopranistin Natalie Dessay

Frau Dessay, Ihre Koloraturen und hohen Töne sind wirklich atemberaubend. Genießen Sie es, ein Koloratursopran zu sein?

Die Koloraturen und die Höhen sind nicht das Schwierigste für mich, viel schwieriger für mich ist es, die tiefen Töne zu kriegen. Oder während ich die Koloraturen singe, ist es manchmal nicht einfach, sich gleichzeitig auch auf die Darstellung zu konzentrieren. Aber ich gebe zu, es ist schon ein aufregendes Gefühl, Koloratursopran zu sein. Inzwischen allerdings fange ich an, mich nach einem anderen Fach zu sehnen. Am liebsten wäre ich jetzt ein lyrischer Sopran, um auch dramatischere Partien singen zu können. Bei uns im Koloraturfach gibt es nur Rollen, die entweder sehr kurz, sehr schwierig oder sehr blöd sind. Das ist auf die Dauer gesehen ein bißchen unbefriedigend.

Aber die Zerbinetta beispielsweise ist doch zumindest weder kurz noch blöd...

Ja, das ist zugegebenermaßen eine wunderschöne Partie, momentan meine Lieblingsrolle überhaupt, bis jetzt. Doch Moment: Die Ophélie in »Hamlet« liebe ich auch sehr, die ist sehr anspruchsvoll. Und dann gibt es natürlich auch das eine oder andere Schöne von Mozart, wenn auch nicht viel. Die Königin zählt aber nicht dazu, das ist eigentlich keine Rolle.

Sie besteht ja auch nur aus zwei Arien, die jeder kennt und sofort merkt, wenn ein Ton nicht so gelungen ist wie auf einer CD.

Einmal das, und außerdem kann man nicht richtig spielen. In den meisten Inszenierungen der »Zauberflöte« steht man nur und singt. Man könnte, denke ich, schon etwas daraus machen, aber die meisten Regisseure haben wenig Ideen.

In einer Videoaufzeichnung der Opéra de Lyon sind Sie als Olympia in einer sehr extremen Inszenierung von »Hoffmanns Erzählungen« des Regisseurs Luis Erlo zu sehen. Mögen Sie solche ausgefallenen Produktionen?

Oh ja, ich mag so etwas sehr, ich habe damals sehr viel dabei gelernt. Ich glaube, die Zukunft der Oper liegt in diesen Inszenierungen; wir können heute nicht Oper geben wie vor dreißig Jahren. Wenn wir ein neues Publikum interessieren wollen, müssen wir wirklich Theater spielen, d. h. echte Menschen auf die Bühne stellen, nicht nur stehen und singen. Das heutige Publikum ist sehr fernseh- und filmgeprägt. Deswegen ist die Regie so wichtig.

Haben Sie einen Lieblingsregisseur?

Eigentlich nicht, denn es gibt viele Regisseure, mit denen ich noch nicht zusammengearbeitet habe und die mich sehr interessieren. Zum Beispiel möchte ich sehr gerne mit Patrice Chéreau einmal arbeiten, das ist ein Traum von mir. Außerdem träume ich davon, einmal unter Carlos Kleiber zu singen.

Weiß er das schon?

Nein, deswegen sage ich es ja, wie übrigens in jedem Interview, das ich gebe. Sie müssen das unbedingt schreiben...

Versprochen!

... und vielleicht wird er das eines Tages lesen und bei mir anrufen.

Am Anfang dieses Gesprächs haben Sie erwähnt, daß Sie sich wünschen, ein lyrischer Sopran zu sein. Planen Sie denn konkret, sich allmählich in ein anderes Fach vorzutasten?

Im November 1998 werde ich in Lausanne und dann auch in Bordeaux die Amina in »La Sonnambula« singen, das ist meine erste Belcantorolle. In sechs oder sieben Jahren möchte ich die »Lucia« singen, heute ist das leider noch zu früh. Das ist eine Frage der Farbe, denn ich kann natürlich die Noten wiedergeben, das ist nicht das Problem. Ich weiß, einige Kolleginnen mit einer ähnlichen Stimme hindert das nicht daran, aber für mich muß man für die »Lucia« einfach eine italienische Farbe haben, einen runderen Ton. Bei der »Sonnambula« ist das etwas anderes, die ist von vornherein zarter angelegt und kann auch leichtgewichtiger gesungen werden.

Eine Rolle, in der Sie meines Erachtens ganz wunderbar wären, ist die »Manon« von Massenet.

Ja, ich hoffe wirklich, daß ich das einmal singen kann, für die Rolle fühle ich mich wirklich ideal, ich empfinde wie eine echte Manon. Aber heute wäre es dafür noch ein bißchen zu früh, dazu ist die Partie doch zu dramatisch. Ich hoffe, ich werde einmal die Susanna singen, aber die liegt natürlich sehr tief. Auch die Pamina würde mich sehr reizen, aber wer singt dann die Königin? Eine noch höhere Stimme als meine, denke ich, gibt es nicht.

Offenbar lassen Sie sich, was für einen jungen Sänger heutzutage eher untypisch ist, viel Zeit mit einem Fachwechsel.

Es stimmt, ich bin sehr vorsichtig, aber in drei Jahren werde ich trotzdem »Lulu« singen.

Sie haben auch keine Berührungsangst mit der moderneren Musik?

Nein!!! im Gegenteil, ich liebe das, meine Lieblingsmusik ist die des 20. Jahrhunderts. Auf einer CD, die ich mit französischen Arien aufgenommen habe, befinden sich auch viele Stücke aus dem 20. Jahrhundert, etwa von Sauguet und Poulenc, die ich unbedingt zusätzlich zu den Arien aus dem 19. Jahrhundert aufnehmen wollte.

Wie empfinden Sie generell die Arbeit im Aufnahmestudio?

Es ist eine total andere Arbeit. Das kann sehr interessant sein, denn man kann einerseits viele Dinge aufnehmen, die auf der Bühne nicht möglich sind. Andererseits nimmt man sich aus Kostengründen nicht genug Zeit. Für ein Recital zum Beispiel wird eine Woche angesetzt, und das ist zu kurz, um wirklich arbeiten zu können. Und das finde ich eigentlich sehr schade.

Wenn man die Liste Ihrer Engagements betrachtet, führen Sie zweifellos das Leben eines Reisestars. Leiden Sie manchmal darunter?

Das ist vor allem sehr schwierig, wenn man wie ich eine Familie hat. Ich habe einen Sohn, er ist jetzt anderthalb Jahre alt. Meistens, wenn ich nicht nur für ein paar Tage bleibe, wie jetzt hier in Berlin, nehme ich ihn mit - zusammen mit einem Kindermädchen. Auch mein Ehemann begleitet mich oft, aber das ist meistens sehr kompliziert, denn er ist auch Sänger und hat viel Arbeit. Aber wir haben uns vorgenommen, noch mehrere Kinder zu bekommen und weniger zu arbeiten.

Ist Ihr Ehemann auch Ihr bester Kritiker?

Ja, und das ist auch wichtig. Man ist in diesem Beruf von vielen Schmeichlern umgeben, aber noch schlimmer sind die unwissenden Leute. Ich habe meinen Mann und meinen Lehrer, der in Frankreich wohnt, aber wenn ich ihn wirklich brauche, sofort herkommt. Das ist sehr beruhigend für mich. Und schließlich sind meine Eltern für mich da, die zwar nicht vom Fach sind, aber sofort merken, wenn etwas schief läuft.

Lesen Sie denn auch Kritiken?

Leider ja, ich lese sie sogar selbst und finde sie, jedenfalls bei uns in Frankreich, oft sehr dumm. Es ist sehr selten, daß eine Kritik wirklich konstruktiv ist. Meistens heißt es nur: „Ja, das war sehr schön" oder „Sie hat gut gesungen", das ist in meinen Augen kein Journalismus.

Wollten Sie schon immer Sängerin werden?

Nein, ich wollte auf der Bühne stehen, das ist alles. Zuerst wollte ich Tänzerin werden wie alle Mädchen, das war aber nicht möglich, da ich überhaupt nicht begabt war. Ich war zunächst sehr verzweifelt. Dann habe ich mich entschieden, Schauspielerin zu werden. Doch gibt es bei uns in Frankreich nicht soviel Arbeit in diesem Beruf; es ist sehr schwer, ein Engagement zu finden. Einmal bekam ich eine Rolle, in der ich auch singen mußte, und habe deshalb Gesangsunterricht genommen. Alle Leute haben mir dann gesagt, ich hätte so eine schöne Stimme und müsse doch Sängerin werden. Nun, ich wollte nicht arbeitslos werden als Schauspielerin, deswegen habe ich sehr viel gearbeitet, und Gott sei Dank, die Stimme hat sich entwickelt. Meine Eltern waren zunächst nicht so begeistert, aber sie haben mir sehr geholfen. Ich habe zunächst mit 21 Jahren in Toulouse im Chor gesungen und habe in Bordeaux und Paris studiert. 1990 habe ich in Wien dann einen Mozartwettbewerb gewonnen. Das war ganz wichtig für mich, auch wenn ich schon eine Agentin und ein Engagement hatte. Aber es liest sich einfach gut in meiner Biographie...

Wo auf der Welt fühlen Sie sich am meisten zuhause?

In Paris! Dort wohne ich und würde auch gern häufiger dort singen. Aber als französischer Sänger arbeitet man überall außer in Frankreich, wenn man Deutscher ist, singt man überall außer in Deutschland. Das muß anscheinend so sein.

Dann wünsche ich Ihnen, daß alle Ihre Engagement- und Rollenwünsche in Erfüllung gehen und danke für dieses Gespräch.

Quelle: Das Opernglas 7-8/97
Wiedergabe mit freundlicher Unterstützung von

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-08-08