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14/04/08

Interview mit der Sopranistin Melanie Diener

Von Teresa Pieschacón Raphael


Die international gefeierte Sopranistin Melanie Diener singt in dem von Marco Arturo an der Hamburger Staatsoper inszenierten "Rosenkavalier" die Rolle der Feldmarschallin. Sendung auf ARTE am 14. April 2008 um 22.45 Uhr.

-Frau Diener: Ihre Karriere lief bisher in einem unglaublichen Tempo, doch der Beginn war alles andere als einfach.
Ich bin in Nähe von Hamburg geboren, kam aber wegen des Berufes meines Vaters, der Schriftsetzermeister war, mit drei Jahren nach Waiblingen bei Stuttgart. Meine Mutter hat viel Musik gehört, sie hat Geige gespielt, mein Großvater war Schlagzeuger in einer Band. Auch ich fing als Kind mit Klavier und Geige an, auf der Geige habe ich viel geübt, aber dann kam immer die Katze und machte so seltsame Geräusche.
- Und wer war besser?
(Lachen) Vom Schwingungsgrad her wohl die Katze.
- Wie haben Sie entdeckt, dass Sie eine Stimme haben?
Ich habe immer gern gesungen, im Kirchenchor und dann in einem Vokalensemble in Waiblingen, doch die haben mich jedes Mal hinauskomplimentiert, weil sie sagten, die Stimme würde nicht in den Chor passen. Ob ich zu laut war oder nicht ins Klangbild passte, ich weiß es nicht. Ich bin zwei Mal herausgeflogen. Dann ließ ich es und widmete mich dem Klavier, habe aber dann eine Allergie an den Händen bekommen und musste pausieren. Meine Eltern wollten dann, dass ich Schulmusik studiere, ich habe damit angefangen und bin Klavierlehrerin geworden. Im Hinterkopf war aber immer der Gedanke: ich will Sängerin werden.
- Doch die Hochschule in Stuttgart wollte Sie nicht aufnehmen!
Dabei hatte ich Sylvia Geszty die Aufnahmeprüfung gemacht, hatte sogar die beste Punktzahl, doch sie haben mich nicht aufgenommen, weil sie sagten, ich sei kein Sängertyp.
-Was soll denn das heißen?
Das konnten sie mir nicht sagen. Vielleicht bin ich nicht exhibitionistisch genug veranlagt, keine Ahnung. Ich habe nie diese Ausschnitte getragen. Ich bin zudem sehr groß, 1,82 m. Als ich Susan Graham begegnete, bei einer Opernproduktion der Cosi fan tutte, da sagte sie mir: „Yuppy! Die erste Fiordiligi, hinter der ich mich verstecken kann!“ Wir verstehen uns sehr gut, weil wir einfach vom Typ her uns sehr ähnlich sind und auch von der Art. So konnten wir gut als Schwestern durchgehen.
-Offenbar hört bereits an der Hochschule das Ohr mit dem Auge...
Ja, das wird leider immer mehr, es wird nach Typus besetzt. Die Menschen sind ja schon in ihren Sehgewohnheiten sehr geeicht.
-Wie ist Ihnen dann doch gelungen, Sängerin zu werden?
Vielleicht haben mir all diese Absagen einen unglaublichen Schub gegeben, denn eine Trotzreaktion setzte ein. Manchmal denke ich, wenn ich in Stuttgart studiert hätte, wäre ich gar nicht so weit gekommen.. Ich habe nämlich einen sehr guten Lehrer in Mannheim gefunden und bei ihm auch im Aufbaustudium Gesang studiert. Er ist bis heute mir ein sehr guter Berater geblieben.
-Der Wille es zu werden, also Musikerin, muss also absolut da sein
Das kann ich absolut bestätigen. Die Leidenschaft muss in einem drin sein, sonst klappt es nicht. Ich habe ja als Klavierlehrerin gearbeitet. Oft kamen die Eltern und wollten, dass ihr Kinder spielt, weil sie es selbst einst machen wollten, aber irgendwie nicht dazu kamen. Spielerisch kann man kurzfristig da etwas machen, langfristig aber nicht. Nach einer gewissen Zeit verlieren die Kinder die Lust und dann bringt es nichts mehr.
-Wie ging es mit Ihnen weiter?
Ich habe viel Glück gehabt, war wohl zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Es war unglaublich. Ich bewarb mich und bekam ein Stipendium des DAAD für ein Jahr in Bloomington. Dort entdeckte ich, dass ich schwanger war, mein Lehrer in Mannheim war schockiert, er dachte, nun sei alles vorbei. Heute sage ich mir, wenn ich die Familie, den Hintergrund nicht hätte, könnte ich das alles nicht machen. Die Dame, die dann später meine Agentin wurde, lernte mich im damaligen Zustand kennen, hochschwanger. Sie sagte mir nur: ‚Wenn Sie denken, dass Sie mit allem fertig sind, dann melden Sie sich bei mir.’ Dann kam mein Sohn Jonas zur Welt, drei Monate später nahm ich in Oslo an einem Wettbewerb teil und meldete mich wieder bei der Agentin. Und dann ging es wirklich los. Ich nahm mit Herreweghe auf, sang zum ersten Mal die Fiordiligi an Covent Garden, wenig später dann die Donna Elvira an der Met. Die Karriere ist ungewöhnlich. Normalerweise geht man an ein Haus und arbeitet sich hoch. Das alles habe ich übersprungen. Zum Glück.
- Welche Eigenschaften – glauben Sie - machen Ihren Erfolg aus?
Mut, Zähigkeit und Persönlichkeit. Eine gute Stimme setze ich voraus, an der Technik muss man immer arbeiten. Das mit der Persönlichkeit ist, das räume ich ein, nicht immer einfach in unserer Zeit. Ich habe manches abgesagt, und meine Agentin damit verstört. Zum Beispiel damals in Wien, ich sollte dem Intendanten Ian Holender vorsingen, wusste aber nicht, dass er Riccardo Muti mitgebracht hatte. Ich kannte Muti nur aus dem Fernsehen und dachte nur: ‚Hoffentlich kommst Du da heil durch’. Ihm aber hat meine Stimme gefallen und er bot mir die Donna Anna an. Ich antwortete: ‚Es freut mich, dass Ihnen meine Stimme gefallen hat, aber ich singe keine Donna Anna. Ich kann das nicht’ .’Ja’, sagte er, ‚aber mit mir können Sie das!’ Ich aber blieb dabei, ich sei keine Donna Anna, sondern eine Donna Elvira.
-Mutig!
Ich kannte die Partie, und hatte sie auch probiert. Doch ich habe auch gemerkt, die Partie sitzt nicht. Ich konnte sie zwar auf einer Probe singen, aber irgendwie merkte ich diese Tendenz zum Versteifen.

-Wie hat Riccardo Muti reagiert?
Das weiß ich nicht, aber es gab ein Jahr später noch einmal ein Vorsingen in Wien und er war dabei. Ich bekam noch eine Chance. Nach der zweiten Arie sagte er zu mir ‚Sie haben schon mal für mich gesungen? Sie hatten ein schwarzes Kleid an?’ Ich war so überrascht. Die Partie habe ich dann bekommen.
- Es geht also, man kann auch ablehnen
Ja. Auch bei meinem ersten Angebot an der Met 1999. Ich sollte die Marcelline im „Fidelio“ singen hatte aber gerade in Bayreuth mein Debüt als Elsa hinter mir. Das passte einfach nicht, obwohl ich die Partie hoch interessant fand und es eine Neuproduktion war mit Rene Pape und Deborah Voigt. Ich aber sagte mir, ich warte so lange, bis wirklich eine Partie kommt, mit der ich debütieren möchte. Manche, die das gehört haben, fanden, ich sei wahnsinnig. Anderen aber hat meine Haltung imponiert: denn ich bekam 2001 an der Met das Angebot, mit Fiordiligi zu debütieren.
-Man muss wohl auch einen gewissen Instinkt für Rollen entwickeln.
Ja. Wenn ein Dirigent die Stimme mag, dann ist das zunächst ein riesiges Kompliment. Er wird einem wahnsinnig viel anbieten. Aber wenn man das dann nicht gut singen kann, dann nützt es einem gar nicht. Denn dann kommen keine Nach-Angebote. Da muss man sehr vorsichtig sein. Das ist nicht einfach, weil man ja am Anfang denkt, man möchte alles annehmen.
- Wer berät Sie?
Ich habe meinen Lehrer Rudolf Piernay und meine Agentur. In vielen Repertoirefragen hat mir auch immer wieder Sena Jurinac geholfen. Sie hatte mich beim ersten Meisterkurs gehört und mir versucht zu helfen.
- Was mögen Sie am Opernleben am meisten? Sie wirken nicht wie jemand, der nach Bewunderung lechzt.
Ich bin glücklich, dass ich gute Musik machen darf. Ich bin froh, wenn etwas gelungen ist und wenn ich Menschen habe berühren können.
-Auf ARTE singen Sie nun die Feldmarschallin in Richard Straussens „Rosenkavalier“
Ich habe die Partie 2004 zum ersten Mal gesungen und auch mit Simone Young hatte ich schon zusammengearbeitet. Das Schwerste an dieser Partie ist die Abstimmung zwischen Text und Musik. Die Feldmarschallin braucht als Figur eine ziemliche Durchschlagskraft und hat doch auch eine gewisse Leichtigkeit. Zugleich ist alles ein Maskenspiel, die Feldmarschallin muss die Contenance bewahren. Ich bin als Person eher erdenschwer, das Verhältnis hierfür zu finden, ist nicht einfach. Dass ich eine Familie im Hintergrund habe, macht es mir durchaus einfacher. Ich kann aus der Erfahrung schöpfen und habe gelernt loszulassen. Mein Sohn ist bald 13, und ich muss ihn jetzt ziehen lassen.
© Teresa Pieschacón Raphael

Website: Melanie Diener

Erstellt: 14-04-08
Letzte Änderung: 14-04-08