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27/08/07

Interview mit der Pianistin Hélène Grimaud

von ©Teresa Pieschacón Raphael


"Man muss allein sein, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln."

  • Sonntag, 30. September 2007, um 19 Uhr auf ARTE: Hélène Grimaud spielt Beethoven (Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur)

- ‘Credo‘ hieß einer Ihrer Aufnahmen mit Werken von Arvo Pärt, Beethoven und John Corigliano. An was glauben Sie persönlich?

Ich bin nur religiös in der Hinsicht, dass ich glaube, dass es ein übergeordnetes Wesen gibt, das uns in einen Zusammenhang stellt, wenn Sie so wollen eine Heiligkeit, der wir untergeordnet sind.  Ich habe Probleme mit Religionen, die zu Intoleranz führen. Es muss alles im Austausch stehen, im universalen Kontext. Ich selbst habe keine Konfession. Meine Eltern sind im jüdischen und katholischen Glauben erzogen, sie selbst aber waren, was meine Erziehung anbelangt,  recht weltlich.

© ZDF / © J. Henry Fair
- Sie entstammen sowieso einer multikulturellen Familie...

Mein Großvater väterlicherseits kam aus Deutschland, mein Großvater mütterlicherseits stammt aus Italien;  mein Vater wurde von einer französischen Familie adoptiert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, so kam der Name Grimaud in die Familie. Er hat seine Familie nie kennen gelernt. Meine Mutter kommt aus Nordafrika, dann ging die Familie nach Korsika, später nach Frankreich. Als junges Mädchen war dies ein Problem, weil ich mich nie als wirkliche Französin gefühlt habe. Ich konnte  mich nie heimisch fühlen. Meine Heimat heute ist die Musik. Und, immer wenn ich nach Deutschland komme, fühle ich: Es ist etwas hier, was mir entspricht. Ich kann es schwer beschreiben.

- Vielleicht die Natur, der deutsche Wald?

Vielleicht. Ich bin mit der deutschen Romantik großgeworden, mit  deutschen Märchen und den deutschen Philosophen. Wenn ich hierher komme, dann habe ich das Gefühl, hier wieder geboren zu werden.  Alles hier  ist die Inkarnation dessen, was ich aus Büchern kenne. Der visionäre Dichter Novalis liegt mir besonders am Herzen. Der Universalismus der deutschen Romantik ist für mich auch die Grundlage für meine neue CD. Mit der Kopplung von Pärts „Credo“ und Beethovens „Chorfantasie“ assoziiere ich die Vorstellung von der Romantik von der Einheit, von der Verbundenheit aller Dinge durch ihre Heiligkeit. Und ich bin dankbar, dass die Deutsche Grammophon mir vertraut hat bei der Zusammenstellung dieses doch  exzentrischen Programms.

- Ihre Eltern waren Lehrer, Ihr Vater, der Mathematik sehr liebt, sogar im Fach Latein; er war auch der Strengere zuhause; welchen Anteil hat Ihre Mutter, die Lehrerin in italienischer Literatur war,  für Ihr Künstlertum? 

Sie vermittelte mir ein hohes Maß an Intuition. Sie ist beseelt, künstlerisch, ein warmherziger anderen Menschen sehr zugeneigter Mensch. Ich habe natürlich mehr Ähnlichkeiten mit ihr. Mit der Zeit aber habe ich auch das Wesen meines Vaters schätzen gelernt. Wenn man älter wird, dann sieht man plötzlich Parallellen, die man so nicht geahnt hätte. Ich habe natürlich auch sehr viel von meinem Vater.

- Als Kind litten Sie an dem Gegenteil des heute modern gewordenen ADD-Syndrom (Attention deficit disorder), der Unfähigkeit sich zu konzentrieren.

 Ja. ich war geradezu fixiert auf die Dinge und ließ nicht locker. Ich wollte auch nicht mit anderen spielen. Meine Mutter war besorgt, sie fürchtete, dass dies nicht gesund sei für mich und meine Entwicklung. Dass ich niemals glücklich werden könnte. Ich wollte nie einschlafen, meine arme Eltern! Na ja. Eltern sein, ist wohl eine sehr schwierige Angelegenheit.

- Sie bekamen keine Medikamente...

... Sondern Musik. Musik hat mein Leben gerettet! Als Musikerin muss man obsessiv sein. Es ist schlimm. dass man jeden, der ‚anders‘ ist,  mit Medikamenten zu kontrollieren versucht. Man kann damit wahre Genies zerstören; es ist nicht gut, die Kreativität von Kindern zu zerstören. Sie verlieren ihr Selbstbewusstsein dadurch.

- Sind Sie immer noch so obsessiv?

Ja, ich gebe es zu. Ich bin es aber nicht in destruktiver Weise, aber ich bin es. Sie können das nicht trennen vom Perfektionismus. In der Musik müssen Sie ein Perfektionist sein. Und das heißt, Konzentration. Obsessiv zu sein ist hier eine Qualität.

- Was sagen Ihre Freunde dazu?

Für die Umgebung kann man schon sehr anstrengend sein. Auch für einen selbst. Alles hat seine guten und schlechten Seiten. Ich bin froh darüber, selbst wenn ich es manchmal kontrollieren muss. Die einzige Lösung ist, sich wieder anderen Menschen zu widmen; dann kann ich alles wieder aus einer anderen Perspektive sehen. Und bekomme  Sauerstoff.... (Lacht)

- Eine andere Facette Ihrer Sensibilität sind Ihre synästhetischen Fähigkeiten: Sie können, wie einst der Komponist Skrjabin, beim Hören, Farben wahrnehmen.

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es für dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen gibt. Für mich war es ganz natürlich. Ich empfand es als ein Produkt einer erhöhten Sensibilität.  Ich war elf Jahre alt und übte gerade das Fis-Präludium aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers von Bach und da sah ich es: leuchtend, warm, zwischen Rot und Orange. Ich habe mich gar nicht gefragt, was das bedeuten konnte. Ich dachte mir, das wird wohl jeder haben.  Auch Zahlen sind schon immer mit Farben für mich verbunden gewesen.

- Können Sie diese Eindrücke steuern?

Nein, Gott sei Dank nicht. Das Ganze  ist nicht systematisch. Es findet nicht immer statt, und es passiert sehr spontan, ich weiß nie, wann und ob es passieren wird. Es gibt viele Menschen, denen solche Dinge passieren. Viel mehr als man glaubt.

- Könnten diese Eindrücke auch zum Alptraum werden, vergleichbar etwa mit einem LSD-Trip?

Nein, das nicht.  Es ist mehr die Idee einer Farbe, als die Farbe selbst, die man wahrnimmt. Manchmal bestimmt die Tonart die Nuance.

- Haben Sie Ihre Farbwelten auch schon auf Papier gebracht?

(Lachen) Oh, das sollte ich versuchen. Ich bin nie auf die Idee gekommen. Aber das ist wirklich eine gute Idee!

- Zurück zu Ihrer ‚Credo‘-Aufnahme; welche Farbassoziationen hatten Sie dort?

Beethovens Chorfantasie ist wie eine Windung aus Schwarz, Rot, Gelb und Grün.  Die „Sturmsonate“ ist eindeutig schwarz und blau, Pärts „Credo“ wechselt zwischen Schwarz und Grün, der Corigliano überwiegend rot.

-Ein Pianist führt ein einsames Leben. Wie werden Sie damit fertig?

Es ist ein bisschen eine schizophrene Situation, man muss allein sein, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Reflektion kann nur in der Stille geschehen. Das ist sehr wichtig. Zugleich  kann man sich in der Musik erst richtig ausdrücken, wenn man sie mit anderen teilt, wenn man sie vermittelt. Und das passiert im Konzert, im Musizieren mit einem Orchester. Nur so kann man zu vollendeten Ausdruck finden. Beides ist wichtig, das ist das Schizophrene.

- Sie engagieren sich für Wölfe. Ist das Leben mit Tieren einfacher als mit einem Menschen?

Nein, nicht unbedingt. Man hat nur einen anderen Bezug. Es ist eine andere Welt, man muss lernen,  Respekt zu empfinden und sich unterordnen zu können, also weg von der Egozentrik.  Menschen begreifen oft nicht, das alles zusammengehört, dass wir nur ein ganz kleiner Teil des Universums sind. Die Menschen müssen lernen, in Harmonie mit der Natur leben und Respekt für jedes Lebewesen haben, egal, ob es ein Tier, eine Pflanze oder ein Mensch ist. Das ist mir sehr wichtig.

Interview: © Teresa Pieschacón Raphael

Zur Person:

Hélène Grimaud wird 1969 in Aix-en-Provence geboren und hat dort und in Paris studiert. 1985 schließt sie ihr Studium in Paris mit einem ersten Preis ab. Im gleichen Jahr gewinnt sie mit ihrer Darbietung von Rachmaninows zweiter Klaviersonate den Grand Prix du disque. 1987 spielt sie in Cannes, beim Klavierfestival der Roque d'Anthéron und spielt unter Leitung von Daniel Barenboim mit dem Orchestre de Paris. Das ist der Beginn ihrer internationalen Karriere. Ein Jahr später zieht sie nach Florida. Hélène Grimaud ist eine der faszinierendsten Pianistinnen unserer Zeit. Doch eine zweite Leidenschaft wohnt auch in ihr - ihre Faszination für Wölfe.

Seit 20 Jahren führt sie das Wolf Conservatiorum Center in South Salem, wo sie Wölfe zieht und ihre Lebensgewohnheiten in natürlicher Umgebung studiert. In ihren autobiografisch angelegten Büchern nehmen Wolfgeschichten ebenfalls einen wichtigen Platz ein. Für ihre CD "Reflections" mit Musik von und über Klara Schumann gewinnt sie 2005 den Echo Klassik Preis.

Erstellt: Mon Aug 27 17:43:52 CEST 2007
Letzte Änderung: Mon Aug 27 17:48:57 CEST 2007