Schriftgröße: + -
Home > Maestro > Künstler A-K > Hahn, Hilary

05/08/08

Interview mit der Geigerin Hilary Hahn

Von Teresa Pieschacón Raphael


Weitere Artikel zum Thema

Frau Hahn: Von der Kritik werden Sie hochgelobt. Wem trauen Sie mehr: uns Journalisten oder Ihren Lehrern am Curtis Institute?
Hilary Hahn: (Lachen) Natürlich den Lehrern. Aber glauben Sie ja nicht, dass ich immer gute Kritiken bekomme; die sind nur nicht in Ihrer Pressemappe dabei (Lachen).
 
Sie nehmen Kritik also auch ernst?
Aber ja. Ich kann viel von Kritiken lernen, vor allem, wenn sie konstruktiv ist. Manchmal frage ich mich selbst, ob ich etwa eine musikalische Phrase so gut habe vermitteln können wie ich dachte. Kritik ist eine Art feedback und der ist sehr wichtig. Man darf sich schlechte Kritiken allerdings nicht zu Herzen nehmen.
 
Im Grunde sind Sie doch selbst der strengste Kritiker?
Ja, auf jeden Fall. Aber manchmal ist es auch eine Überraschung, was so in mancher Kritik steht. Es ist nicht schlimm, eine schlechte Kritik zu bekommen. Das ist ein Teil des Lebens und gehört zum Beruf dazu.
 
Ihr Vater kennt sich als Journalist in den Mechanismen der Medien aus. Gibt er Ihnen Tipps für die Laufbahn?
 Er war Journalist zunächst in einer Sporttechnik- und Medizinzeitschrift; dann hat er in einer Bibliothek gearbeitet. Wenn ich natürlich eine Frage habe, kann ich jederzeit zu ihm, aber auch zu meiner Mutter, die Steuerberaterin ist. Wenn ich etwas schreibe, dann hilft er mir, weil er ein sehr guter Redakteur ist. Ansonsten kümmert er sich nicht um mein Managment. Es ist nicht gut, wenn die Eltern das machen. Das ist eher gefährlich. Ich habe Agenten.
 
Und  also auch ein  Talent zum Schreiben?
Auf einer Website schreibe ich meine Reiseeindrücke nieder und ich schreibe auch gerne an meine Freunde, vor allen Dingen, wenn ich unterwegs bin. Ich versuche immer auch meinem Publikum zu zeigen, wie es ein bisschen hinter den Kulissen zugeht. Aber Buchpläne habe ich nun wirklich nicht...
 
Noch nicht...
Nein! (Lachen). Ich bin noch so jung. Es wäre schön, ein Kinderbuch zu schreiben. Mein Vater hat mir als Kind immer diese schönen Märchen erzählt, die er dann ganz frei erfunden hat über Wälder und Kängurus und Eulen. Seit einigen Jahren macht er das natürlich nicht mehr, aber es war so schön. Ich mag Tiere und Kinder.
 
Was ist das für ein Gefühl bereits von Klein auf von Erwachsenen umgeben zu sei?.
Es ist einfach nicht gut, wenn man immer mit gleichaltrigen Kindern zusammen ist, dann kann das etwas unrealistisch sein. Wenn man arbeitet, lernt man viele ältere Menschen kennen und wird mit denen groß. In der klassischen Musik macht der Altersunterschied nicht viel aus. Die Unterschiede zwischen Mentalitäten und dem Hintergrund eines Menschen sind mir nicht wichtig.
 
Hatten Sie nie das Bedürfnis unter Gleichaltrigen zu sein?
Ich habe viele Freunde, die in meinem Alter sind, die meisten sind Musiker. Aber nicht alle. Ich habe auch viele Freunde am Curtis Institut oder in den  Fremdsprachenkursen, die ich mache. Sie sprechen Deutsch.
 
Ihre Vorfahren stammen aus Bad Dürkheim?
Ja. Irgendwann habe ich meine Cousinen dritten Grades kennen gelernt. Es war ein bisschen komisch, weil wir sehr unterschiedlich aussehen. Alle waren so groß und schwer. Aber es hat viel Spaß gemacht.
 
Acht Jahre lange hatten Sie eine Ballettausbildung. Hat sich dies auf Ihr Geigenspiel ausgewirkt?
Ich wollte nie Primaballerina werden. Man kann sich sehr wehtun, wenn man tanzt und man kann sich auch beim Geigenspiel sehr verkrampfen. Denn es ist ja keine natürliche, sondern eine asymmetrische Haltung, die man einnehmen muss. Und man spannt viele Muskeln an, die vielleicht nicht so strapaziert werden sollten. Es hilft zur Findung der Körperbalance, des Gleichgewichts, zur Kräftigung der Muskulatur, damit man keine Rückenprobleme bekommt. (richtet sich auf und zeigt es)
 
Und auch das typische Geiger-Doppelkinn droht Ihnen nicht mehr...
(Lautes Lachen) .
 
Sie haben sich bereits mit sechzehn Jahren  an die Sonaten von Bach herangetraut. Ihr weitaus älterer Kollege Frank Peter Zimmermann meinte, er wolle mit einer Aufnahme noch warten. Ist man als Teenager  sehr viel unbefangener bzw. naiver?
Ich weiß es nicht. Ich fühle mich gar nicht anders jetzt als vor acht Jahren. Man macht vielleicht Fehler. Man kann nicht perfekt sein. Wenn ich jetzt warten würde, bis ich achtzig bin, dann würde ich es anders spielen. Man kann nie sagen: Jetzt habe ich meine endgültige Interpretation abgeliefert. Es geht nicht um besser oder schlechter oder zu früh. Für mich ist eine Darbietung zu diesem Zeitpunkt nur einfach anders.  Als junger Mensch fühlt man die Emotionen in einem sehr viel stärkeren Maße als später, man erlebt sie ja zum ersten Mal.
 
Sie sagen, dass der Charakter eines Menschen schon recht früh festgelegt ist. 
Man entwickelt sich schon mit den Jahren, aber nicht entscheidend. Im Kern bleibt man doch wirklich der Gleiche. Aber ich bin keine Psychologin, um das genauer sagen zu können.
 
Glauben Sie, dass Lebenserfahrung wichtig ist für die Interpretation eines Werkes?
Nein. Ich glaube die Emotionen sind von Anfang da; bereits ein Baby kann sich schon artikulieren. Es ist eine Sache des Ausdrucks. Ich habe Glück gehabt, großartige Lehrer zu haben. Sie haben mir geholfen, die Dinge, die ich fühle, zum Ausdruck zu bringen. 
 
Alter wir total überschätzt, sagten Sie selbstbewusst in einem Interview. Geschieht das nicht eher für Jugend?
Das erste habe ich so nicht gesagt und schon gar nicht gemeint. Man sagt immer, es sei das wichtigste, aber viel wichtiger ist das, was man ausdrückt. Es nervt mich ein bisschen, wenn man von vorneherein ausschließt, dass man aufgrund seiner Jugend  dieses oder jenes nicht spielen kann oder soll - ohne dass der Betreffende einen vorher angehört hätte. Erst muss man sich den Künstler anhören. Man sollte sich nicht auf den Umstand Alter konzentrieren. 
 
Was muss man als junge Künstlerin tun, um erfolgreich zu werden und auch zu bleiben - abgesehen von Begabung und Disziplin.
Ich würde sagen: man muss das tun, woran man glaubt. Wenn jemand als Musiker Dinge tut, zu denen er keine Lust hat oder die ihm nicht liegen, kann es auch geistig gefährlich für ihn selbst sein. Man entfremdet sich selbst, die Persönlichkeit  spaltet sich. Es ist wichtig, aus den Erfahrungen zu lernen.
 
Was würden Sie auf keinen Fall für die Karriere machen?
Hhmm... Also, wenn ich ein Photo von mir machen lassen müsste, um weltweit berühmt zu werden und ich nicht finde, dass es zu mir gehört. Ich habe nichts dagegen, wenn sich Musikerinnen im Badeanzug im Meer geigespielend ablichten lassen. Aber das ist nichts für mich, das passt nicht mit meiner Persönlichkeit zusammen. Es würde mich zu sehr von mir selbst entfernen und das will ich nicht. Man kann aber so kein guter Musiker werden, wenn man sich von solchen Dingen zu sehr ablenken lässt. Hoffentlich kann ich noch vierzig oder fünfzig Jahre Geige spielen. Wenn ich jetzt etwas mache, was mich von mir selbst entfernt, kann ich nicht mehr zurück.

Erstellt: 12-11-04
Letzte Änderung: 05-08-08