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01/10/13

Interview mit dem Kontratenor und Dirigenten René Jacobs

Von Teresa Pieschacón Raphael


- Wenn man wie Sie in Belgien, in einer Monarchie aufwächst, hat man da ein anderes Verhältnis zur Tradition?

Monarchie ist bei uns eher so etwas wie Folklore; obwohl ich auch die emotionale Ebene sehe. Als König Baudouin starb, gab es keine Streitereien mehr zwischen den Flamen und Vallonen. Alle sind zum Palast gegangen, um ihn zu ehren. Die haben ihn geliebt. Es war eine „erleuchtete“ Monarchie, aber ich glaube nicht, dass dies eine Rolle spielt in dem Verhältnis, das man zur Vergangenheit oder zu Traditionen hat. Es gibt ein Teil des Publikums, das die Alte Musik mit einer höfischen Kunst verbindet. Aber nicht die gesamte Musik wurde am Hof gespielt. Sicherlich, kein Komponist konnte gut überleben, ohne eine Anstellung am Hofe oder an der Kirche zu haben. Aber eigentlich kommt die Musik aus dem Innersten.

- Sie selber stammen aus Gent.

Ja, ich bin dort 1946 geboren. Ich komme aus einer Familie mit vier Kindern und meine Eltern waren keine Musiker, aber seitens meiner Mutter gab es musikalische Einflüsse. Musik hat für mich im Knabenchor der Kathedrale in Gent angefangen; da habe ich gregorianische Musik und mehrstimmige Messen gesungen und jedes Jahr Bachs Matthäuspassion. Ich hatte eine guten Knabenmezzosopran.

- Wie war Leben dort für einen kleinen Jungen?

Das war kein Internat, ich wohnte in Gent. Aber das war schon eine sehr gute Schule, wo wir trainiert wurden, um jeden Sonntag das gregorianische Proprium zu singen und an allen kirchlichen Feiertagen mehrstimmige Messen. Ich habe Palestrina, Victoria, Lasso gesungen. Und wie gesagt die Matthäuspasssion. Das war ein Meilenstein in meinem Leben, da habe ich mir zum ersten Mal gedacht, dass ich auch als Erwachsener weiter singen wollte. Ich habe nie davon geträumt, Dirigent zu werden. Das hat sich einfach später ergeben.

- Viele Komponisten und Musiker haben ihre musikalische Laubahn in einem Knabenchor angefangen.

Ja. Das war eine großartige Tradition, die jetzt - außer vielleicht in England - verloren gegangen ist. Es gibt sehr viele gute englische Sänger und die kommen aus dieser Tradition. Die Länder, in denen das verschwunden ist, haben es musikalisch viel schwerer. Italien zum Beispiel. Vergleichen Sie den Sixtinischen Chor mit dem Westminster-Chor. Da liegen Welten dazwischen!

- Woran liegt das?

Das 19. Jahrhundert, das eine Vergrobung des Musiklebens mit sich brachte, ist daran schuld. Die großen Konzertsäle, die großen symphonischen Orchester und vor allen Dingen Wagner hat viel kaputt gemacht. An allem hat Wagner schuld. Dieser unglaubliche Schatten, den er gelassen hat, hat unser Musikleben bestimmt. Unser heutiges Musikleben ist von Wagner geprägt. Die meisten sind Post-Wagnerianer. Das ist ein ganzer schrecklicher Geist. Aber auch in Italien... ein Puccini...

- Sie sprechen von fanatisch verehrten Komponisten, die wie Heiligtümer gesehen werden.

Ja ich weiß. Aber es macht mir nichts aus. Es gab einmal so eine fantastische Ensemblekultur in Italien. Das Ensemblesingen im 16. Jahrhundert, die Madrigalkomponisten, das war das Summum der Sänger-Ensemblekunst. Und alles ist verschwunden. Ich finde diese Entwicklung sehr traurig und sehr eindimensional. Italien war das Land der Kultur - solange es nicht vereinigt war und solange es Stadtstaaten wie Florenz, Venedig, Bologna usw. gab. Als Italien im 19. Jahrhundert alles unifiziert wurde, ging es auch mit der Kultur bergab. In Spanien etwa, das keine musikalisch so große Geschichte hat wie Italien, gibt es mehr Interesse als in Italien. Die sind offener für neue Sachen, haben mehr Sponsoren für ihre eigene Kultur. Die Italiener sind nicht sehr stolz auf ihre Kultur.

- In einem Interview beklagten Sie die mafiösen Strukturen des italienischen Kunstbetriebs. Ohne davon ablenken zu wollen - aber von Belgien hörte man ja eine Zeit lang auch nichts Gutes...

Ja, Sie haben ja Recht. Aber wissen Sie nicht (lacht)? Belgien gibt es nicht! Belgien ist eine Erfindung. Belgien ist ein Opernland, denn es ist entstanden nach einer Aufführung von ‚La Muette de Portici‘ von Daniel Francois Esprit Auber. Die Aufführung löste 1830 die Revolution in Belgien aus und sorgte damit für die Loslösung des Landes von den Niederlanden. Das haben wir in der Schule gelernt und haben die patriotischen Lieder aus der Oper gesungen. Ich fühle mich als Belgier, denke aber absolut flämisch, obwohl ich nie extrem war.

- Mal heißt es, Sie seien ein Countertenor, mal ein Altus. Können Sie uns den genauen Unterschied erklären?

Es gibt eigentlich keinen Unterschied nur Verwirrung. Countertenor gibt es als deutschen Begriff gar nicht. Die Mehrstimmigkeit entstand im Mittelalter so: die Hauptstimme, der Tenor, wurde zunächst von einer, dann von zwei Stimmen umspielt. Die eine sang höher, man nannte sie Contratenor altus, die andere tiefer also Contratenor bassus. Dann kam noch eine Vierte, die höher war, dazu, die hieß Cantus. So entstanden die Begriffe Alt und Bass. Insofern hat es keinen Sinn das Wort Contratenor zu verwenden. Rein theoretisch können erwachsene Männer Alt singen; dann singen sie im Falsett-Register und da gibt es zwei verschiedene Techniken. Diejenigen, die alles im Falsettregister singen und diejenigen, die das Falsettregister mit der Bruststimme verbinden. Ich habe immer die zweite Technik verwendet.

- Doch bevor Sie Sänger wurden haben Sie ein Marionettentheater dirigiert

Das ist etwas, was mich sehr geprägt hat: das Marionettentheater, das mein Vater mit eigenen Händen gemacht hat und mir als Kind schenkte. Dazu gehörten Handpuppen, die er in einem Spielzeuggeschäft gekauft hatte. Er hat kleine Stücke geschrieben, hat Szenarios entwickelt, sodass ich als Kind mit zwei Puppen spielen konnte. Sehr schnell fand ich zwei Puppen zu langweilig; ich brauchte eine dritte, damit es wenigstens eine Intrige gab. Dann habe ich zwei weitere Puppen gekauft und meine Schwester hat mit mir gespielt. Ich habe dann die Stücke bearbeitet, etwas komplizierter gemacht. Und als meine zweite Schwester hinzukam, war endlich was los. Sie sehen, Barockopern sind nichts Neues für mich !(lacht)

- Im wahren Leben lassen Sie da auch die Puppen tanzen?

Nein. (lacht) Im Leben muss man komplizierte Intrigen vermeiden.

- Dann haben Sie sich ja bereits von klein auf im Dirigieren erprobt.

Weniger als Dirigent, eher als Dramaturg.

- Könnte hier der Grund liegen, weshalb Sie sich immer mehr aus dem Sängerleben zurückzogen und das Dirigieren immer wichtiger wurde?

Mit der Zeit fand ich, ich sei zwar ein guter Sänger aber kein guter Schauspieler. Deshalb habe ich immer weniger auf der Bühne gemacht. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht zu früh geboren. Es gab zu meiner Zeit wenig Countertenöre. Heutzutage hätte ich mit dieser Stimme viel mehr Möglichkeiten mich auch schauspielerisch zu entfalten. Es gibt sehr viel mehr Barockoper und Regisseure, die es gewohnt sind, mit schauspielerisch unerfahrenenen Countertenören zu arbeiten. Ich habe ziemlich viel Oper konzertant und auf Platte gemacht. Es war immer eine Spur von Drama in mir, aber ich konnte das nicht umsetzen.

- Vielleicht hatten Sie nie den Drang nach absoluter narzistischer Selbstdarstellung?

Ja, das könnte es sein. Irgendwo bin ich ein schüchterner Mensch.

- Als Sänger dürften Sie wissen, welche Fehler man als Dirigent mit Sängern nicht machen darf.

Oh, das ist eine gute Frage. Als ehemaliger Sänger darf ich natürlich nicht von Sängern das verlangen, was ich selber nicht kann. Ich habe sehr sehr große Bewunderung für Opernsänger - man stelle sich allein die physische Belastung vor. Man mag gut singen können, aber das reicht nicht. Was dann an Schauspiel, an Bewegungen hinzukommt ist ungeheuerlich. Man muss viel Geduld haben. Andererseits höre ich als Sänger bestimmte Sachen sehr schnell. Es gibt einen Sängertyp, den ich schwer vertragen kann: den eitlen. Narzismus kommt oft vor. Zugleich sind viele auch sehr in sich gekehrt. Es ist ein einsamer Beruf. Der Sänger ist immer so anfällig, weil das Instrument der eigene Körper ist. Ein Sänger hat immer Angst vor Erkältungen, dass nichts mehr funktioniert. Und man wird egozentrisch. Ich bin geschieden, habe vier Kinder - alle in den Zwanzigern. Meine jetzige Frau macht den ganzen Beruf mit. Das ist eine sehr große Unterstützung. Ohne sie wäre es viel schwieriger.

- Kommen wir zum Marionettentheater zurück: Als Interpret haben Sie wenig Kontrolle über die Dinge, als Dirigent schon.

Ja. Das stimmt. Man hat keine Möglichkeit sich zu entfalten, wenn man nur Sänger ist und in eine Produktion kommt, dessen Inszenierung man überhaupt nicht liebt. Es sei denn man ist berühmt und stark. Oft musste ich aus meinem Herzen ein Stein machen. Ich sehe das übrigens auch in meinen Produktionen, ich erlebe Sänger, die nicht glücklich sind. Schlimmer noch ist die Allmacht der Regisseure; ein Phänomen unserer Zeit. Das liegt in einer logischen Linie in der meiner Meinung nach krankhaften Entwicklung der Oper. Als die Oper zu Beginn des 17. Jahrhunderts geboren wurde, stimmte alles. Da war sie Dramma per musica. Arien gab es kaum, nur ariose Ausbrüche, der Dialog war halbgesprochen halbgesungen. Aber schnell kam die falsche Entwicklung. Arien wurden immer wichtiger, Rezitative weniger wichtig. Der Sänger wurde zu mächtig. Dann kam die Phase, wo der Komponist zu wichtig wurde und alles verdrängte: Wagner ist für mich das Beispiel. Und dann kam die Zeit der Regisseure. Es soll nie einer die Allmacht haben. Nur dann kann Oper gut werden, wenn es wirklich Team-work ist und keiner den anderen verdrängt.

- Wann werden wir Opern einmal erleben ohne SS-Uniformen, KZ- Häftlingen oder meinetwegen Bezüge zu irgendwelchen aktuellen Kriegen?

Ja, das stimmt. Die meisten Regisseure versuchen ihre eigene Phantasmen umzusetzen und nicht das Stück. Man nennt das „Regietheater“, ein schreckliches Wort und eine typisch deutsche Erfindung. Die Deutschen haben es immer geliebt, alles mit erhobenen Zeigefinger zu machen. Das ist nicht neu. Bereits die deutsche Barocknatur war belehrend. Man erkennt es schon an den Titeln...

- ... „Der hochmüthige, gestürzte und wieder erhabene Croesus“ heißt die Oper von Reinhard Keiser, die Sie auch eingespielt haben...

Ja. In Italien würde sie nur ‚Croesus‘ heißen. Ich finde Theater solllte nicht belehrend sein. Theater sollte vielleicht zum Nachdenken inspirieren; aber wenn man keine Lust hat nachzudenken, heißt das auch nicht, dass man ein minderwertiger Mensch ist. Das ist für Deutsche sehr schwer zu verstehen; sie glauben nicht, dass Theater das Recht hat, einfach unterhaltend zu sein.

- Das deutsche Subventionsprinzip leistet dieser Überheblichkeit Vorschub, da die Regisseure sich ja kaum um Einnahmen kümmern müssen.

Diese Arroganz geht mir auf die Nerven. Sie entsteht in einer satten selbstgefälligen Gesellschaft. Das Belehrende allerdings lag immer schon in der deutschen Natur. Vielleicht ist man zu protestantisch. Ich weiß es nicht.

Erstellt: Tue May 03 13:27:46 CEST 2005
Letzte Änderung: Tue Oct 01 13:47:15 CEST 2013