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27/06/07

Interview mit dem Geiger Reinhard Goebel

Von Teresa Pieschacón Raphael


Gründer des Ensemble Musica Antiqua Köln, das er bis zu Auflösung im Jahre 2006 leitete. Die Einspielung von J. S. Bachs "Kunst der Fuge" zeigt ARTE am 17. Juni 2007 um 19 Uhr.


- Bachs Kantate „Ich habe genug“ stand auf dem Programm Ihres Abschiedskonzertes im letzten Jahr mit Ihrem Ensemble Musica Antiqua Köln nach 35 unglaublich erfolgreichen Jahren. Hatten Sie genug?
Aber nein! Ich habe nie genug! Ich arbeite nach wie vor wahnsinnig viel.
Warum haben Sie das Ensemble aufgelöst?
Ich bin nicht alleine darauf gekommen, das Ensemble aufzulösen. Wir hatten einen schweren Unfall im Ensemble. Mein geigerischer Kollege hat ein Bein verloren, danach war für mich alles klar. Im Grunde genommen wollte ich mich mit 55 zurückziehen. Die werde ich in zwei Monaten. Seit ich 18 bin, stehe ich in Arbeit. Ab 55 wollte ich also nur noch punktuell etwas machen, aber dann ist mir sozusagen das Motorrad in den Weg gekommen. Der Kollege hat auf der Autobahn ein Bein verloren und lag drei Monate in Koma, das war auch der Moment für den Entschluss: 2006 wickeln wir noch alle Verpflichtungen ab und das war es dann. Man muss sich von der Idee lösen, dass Ensembles gemeinsam alt werden.
- War Ihr verunglückter Kollege auch von Anfang an dabei?
Nein, nein! Von Anfang an war nur der Reinhard Goebel da und der Karlheinz Steeb. Wir hatten natürlich auch reifere und gestandenere Kollegen, aber im Grunde arbeiteten wir mit fünfundzwanzigjährigen Miezen. Und das geht nicht gut. Das ist lächerlich. Die gemeinsamen Erlebnisse liegen so weit auseinander. Insofern war eine Veränderung angesagt. Wie soll ein Ensemble mehr als 35 Jahre gespanntes Musizieren aushalten? Das ist doch unmöglich! Es gab total beglückende Momente, aber es war doch auch ein Kraftakt, wie in einer Ehe. Im Augenblick sitze ich gerade an einen Text für eine Gedächtnis- CD (lacht) von der deutschen beleidigten Grammophon. Und deshalb mache ich mir gerade viele Gedanken über Ensembles.
-Welche Rolle hat denn Ihre kranke linke Hand bei Ihrem Entschluss gespielt?
Man lebt nur im Jetzt und nicht im was wäre anders gewesen wenn.... Ich habe dies als Schicksal angenommen, als persönliche Herausforderung. Ich habe versucht es soweit wie möglich in irgendeiner Form zu kompensieren. Ich habe zehn Jahre mit der anderen Seite gespielt, die Krankheit ist aber auch nicht besser geworden. Ich musste irgendwann aufhören. Doch mein Leben ist auch heute so reich und so schön. Ich bekomme soviel Anerkennung. Natürlich kommt dreimal am Tag ein Brief, indem die Leute mich bedauern.
- Fokale Dystonie nannte der Arzt Ihre Krankheit, Sie aber sprachen von der ‚Aufsteigerkrankheit’. Haben Sie sich je als Aufsteiger empfunden?
Klar bin ich ein Aufsteiger. Mein Vater war Beamter im höheren Dienst, Bahnhofvorsteher in dem Ort, in dem ich mit drei Brüdern aufgewachsen bin, hier in Siegen. Mein Opa war Prokurist. Und wenn man aus einer ländlichen Umgebung kommt und sich selbst in Grönland die Leute um uns reißen, dann ist man natürlich ein Aufsteiger. Ich habe erst mit 12 Jahren angefangen Geige zu spielen.
- Relativ spät
Meine Eltern haben mich erst einmal in den Garten und den Sandkasten gesteckt, damit ich spiele. Die wollten kein Wunderkind aus mir machen.
- Im Sandkasten lernt man auch einiges fürs Leben
Ja, wegschubsen, sich durchzusetzen. Ich war sehr praktisch orientiert. Es war gut, dass man mir bei der Geburt keine Geige in die Hand gedrückt hat. Bei mir war es absolut mein eigener Wunsch mit zwölf das Geigenspiel zu erlernen und in keinerlei Weise irgendeine Fremdbestimmung.
- Spricht für einen ausgeprägt sehr starken Willen
Mein Lehrer Franzjosef Maier stand irgendwann vor mir, nickte so ein bisschen blödsinnig und sagte: ‚Also ich weiß es nicht, Herr Goebel, Sie machen alles nur mit dem Willen.’ ‚Herr Professor’, antwortete ich, ‚Womit denn sonst?’ Er wollte mir sagen, er hielte mich für unbegabt aber für einen Meister der Disziplin, des Arbeitens und Erlernens. Jahre später habe ich erst gemerkt, was er mir damit sagen wollte. Doch für mich gilt: die Kreativität willentlich einzusetzen und argumentativ zu arbeiten ist für mich besonders im Rahmen der Alten Musik wesentlich wichtiger als nur ein demagogischer Künstler zu sein.- Den Virtuosentyp...
Ja, aber die Musik des 17 und 18. Jahrhunderts ist eine Musik, die konstruiert ist, die gedanklich rückführbar ist. Da gehört gewiss der geniale Anflug auch dazu, doch die Vorarbeit ist intellektueller Art und muss bewältigt werden. Da kann ich mich nicht auf die Chaiselongue setzen und warten bis die Muse mich küsst, da muss ich Bücher in die Hand nehmen. Frau Mutter beispielweise ist eine egoistisch selbstzentrierte Ziege, die noch nie ein Buch in der Hand gehabt hat, ein geigendes Huhn, wie Celibidache gesagt hat.

Fleiß und Virtuosität
- Und in Ihrem Fall: hatte der ehrwürdige Professor Maier nun recht? Sind Sie musikalisch talentiert oder nicht?
Ich weiß nicht, ob ich überhaupt ein musikalisches Talent habe. Ich bin einfach nur fleißig.
- Das sagte sogar Johann Sebastian Bach...
Ja, das sagte er. Musik zu verstehen und zu gestalten, das war für mich immer das Wichtigste. Ich fühlte mich immer der Historie verpflichtet. Mein Musikverständnis ist ganz ganz weit weg von der künstlerischen Selbstfeier des 19. Jahrhunderts, ich bin immer wieder erschüttert, wie sich die Künstler da geriert haben und die Damen reihenweise in die Ohnmacht versetzten. Wie Leni Riefenstahl vor Adolf Hitler, der dann darüber gestiegen ist. Da gehören ja zwei dazu. Davon bin ich weit weit weg. Meine Arbeit ist ziemlich sachlich, ich lese viel, fasse zusammen, versuche die dramaturgischen Dinge aufzuspüren.
- Trotzdem waren auch Sie selbst ein sehr virtuoser Geiger
Der Geiger bin ich gewesen, das ist aber völlig aus. Aber weil ich so in der sachlichen Auseinandersetzung mit Musik verankert bin, brauche ich das nicht.
- Ihren großen Durchbruch hatten Sie 1979 in London. Wie hat sich seitdem das Verständnis für Alte Musik entwickelt?
Die Akzeptanz dieser Musik im Konzertleben ist wesentlich größer geworden. Das Repertoire ist in einem unglaublichen Ausmaß auch durch die Tonträgerindustrie gewachsen , damit einhergehend auch ein Alltäglicherwerden dieser Musik. Früher wurde klassische Musik eher vereinzelt gesendet, heute gibt es Musik überall. Heute mache ich Radio öfters aus als an, das ist mir zuviel.
-Einen „Barockpolemiker“ nannte Sie die FAZ in einem Portrait. Hat jemand wie Sie heute in unseren politisch korrekten biederen Zeiten überhaupt noch eine Chance?
Sie meinen doch eher ich sei provokant? Ja: provozieren tue ich durchaus. Man sieht es doch an „Deutschland sucht den Superstar“. Wir bewegen uns in riesigen Schritten von der Aufklärung weg...
-Das haben Sie aber jetzt besonders schön ausgedrückt...
Was diese jungen Leute tun kann mir ja egal sein, aber ich bin für mein eigenes Lebens zuständig. Das mag ja schon als provokant empfunden werden, dass ich mich nicht dem mainstream anschließe, auch nicht dem mainstream der Alten Musik. Ich habe keine Lust wie andere beim Firmenjubiläum einer Fischkonservenfabrik zu spielen, deshalb mache ich jetzt mein Ensemble zu. Dieses Ensemble hat seine Aufgabe erfüllt und jetzt möchte der Goebel mal etwas anderes machen. Andere warten Jahrzehnte auf ein Staatsbegräbnis Erster Klasse, ich nicht.
-Hat Ihnen eine Ihrer Provokationen auch mal leid getan?
Hmm... wüsste ich jetzt nicht. Ich bin ja keine mehrfach gespaltene Persönlichkeit, augenblicklich würde mir nichts einfallen. Mag sein, dass ich manchmal etwas überzogen reagiert habe, aber zu dem Sachverhalt habe ich immer gestanden. Ich hätte auch kein Problem damit, mich zu entschuldigen.
- Jetzt treten Sie als Dirigent mit vielen Ensembles auf, denen Sie menschlich nicht so nah sein können, wie einst der Musica Antiqua Köln . Müssen Sie sich da mehr disziplinieren?
Es kommt mir sehr viel Respekt entgegen, die Musiker begrüßen mich alle, aber ich bin auch nicht so einer, der sagt: „Versuchen Sie es mal so, es klappt ja sowieso nicht“ Das ist eine fabelhafte Herausforderung für mich, das schönste Ergebnis ist natürlich, wieder eingeladen zu werden.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Immer noch im 18. Jahrhundert. Ich habe gerade meine Grand Tour begonnen, meine erste Mozart Symphonie bei Oehms Classics veröffentlicht, das ist jetzt mein Forschungsobjekt.
-ARTE sendet nun mit Ihrem Ensemble Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Konzert?
Der Tonmeister sagte mir, es sei eine wunderbare Aufnahme, aber ich war damals geistig schon etwas weg von allem. Der Entschluss, das Ensemble aufzulösen, war gefallen. Ich erinnere mich an einen faszinierend modernen Raum, wir saßen an der spiegelnden Wasserfront hinter Glas, wo es dann doch sehr sehr heiß wurde. Über der ganzen Produktion lag doch ein bisschen Trauer. Und doch war es sehr schön. Es ist die einzige Fernsehproduktion, die es von uns gibt, in 35 Jahren! So kurz vor Schluss... Das Fernsehen hat mich nie interessiert und man hat sich nie für mich interessiert. Für viele meiner jüngeren Kollegen aber ist das offenbar ein ganz wichtiges Medium. Aber so ist es eben heute.

Interview: Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 13-06-07
Letzte Änderung: 27-06-07