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"Die lustige Witwe" von Franz Léhar - 21/12/07

Interview mit dem Dirigenten Manfred Honeck

© 2007 Teresa Pieschacón Raphael


© ZDF / © Serge Alvarez
Szenenbild "Die lustige Witwe"
Live aus Dresden: ARTE zeigt "Die lustige Witwe" in der Inszenierung von Jérôme Savary unter der musikalischen Leitung von Manfred Honeck am Freitag, den 21. Dezember 2007 um 22.05 Uhr.

- Es heißt, Sie seien mit acht Geschwistern in der österreichischen Provinz aufgewachsen. Übt man sich da schon als Dirigent?
(Lachen) Nein, auf keinen Fall. Es kann ja nur einer der Dirigent sein. Doch die ganze Familie hat musiziert, es war selbstverständlich, dass jeder ein Instrument gespielt hat. Ich habe gesungen und Geige gespielt. Sehr viel später aber bin ich dann zur Bratsche gekommen. Bei den Wiener Philharmonikern war eine Bratschisten-Stelle frei und so habe ich kurz vor dem Probespiel damit angefangen und wurde genommen.
- Geht das einfach so?
Ich hatte großes Glück, der Umstieg ist mir relativ schnell gelungen. Die Größe des Instruments ist ja nicht die gleiche und damit ändert sich auch die Handstellung. Aber das ist eigentlich nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Tongebung, sprich die Bogenführung, die angepasst werden muss. Hier liegt das Geheimnis. Und daran muss man sehr arbeiten.
-Sie waren viele Jahre bei den Philharmonikern. Was haben Sie als Orchestermusiker gelernt, das Ihnen heute als Dirigent von Nutzen ist?
Oh ganz viel. Ich kann mich in jeden Musiker einfühlen, es waren ja zehn Jahre, die ich im Orchester bei den Philharmonikern und dem Wiener Staatsopernorchester gespielt habe. Man erfährt viel über die Geheimnisse des Zusammenspiels, über das Aufeinanderhören, man lernt die Mentalität eines Ensembles kennen, ihre Beurteilung anderer Klangkörper. Man bekommt sehr gut mit, wie der Kollege den Dirigenten wahrnimmt, wie der Dirigent es schafft, dass hundert Menschen auf Schlag spielen. Das hat mich fasziniert. Ich habe diese großen Musiker ob Karajan oder Carlos Kleiber mit Adlerauge betrachtet, war fasziniert, wie sie allein mit ihrer Gestik ein Orchester dazu brachten, zu einer persönlichen musikalischen Sprache zu kommen. Es ging ja nicht darum, nur ein Stück zu interpretieren, sondern die Wahrhaftigkeit der Musik zu übermitteln.
- Also wurde schnell offensichtlich, dass Sie bei all dieser Bewunderung für Dirigenten nicht ein Leben lang Bratschist bleiben wollten. Oder waren Sie die Bratschistenwitze leid?
(Lachen) Es gibt auch Dirigentenwitze.
-Wann haben Sie gespürt, dass nun der richtige Moment war, auf das Podium zu gehen?
Einen Anlass gab es nicht. Ich war zunächst so glücklich, dass ich die feste Stelle bei den Philharmonikern hatte, ich hatte damals schon drei Kinder. Es war ein kontinuierlicher Prozess. Ich habe immer so ein Feuer in mir gespürt. Am Anfang loderte es nur ein bisschen, wurde aber dann immer stärker und brannte dann. Dann hatte ich Gelegenheit, ein Kammerorchester zu dirigieren, später dann Claudio Abbado beim "Gustav Mahler"-Jugendorchester in Wien zu assistieren. Dann kamen andere Angebote parallel zu meinem Dienst bei den Philharmonikern. Das Ganze nahm überhand, ich musste mich entscheiden, denn beides wäre nicht gegangen. Als mich dann Alexander Pereira 1990 fragte, ob ich nicht mit ihm als Erster Kapellmeister ans Opernhaus Zürich kommen wollte, habe ich nach einer Bedenkzeit zugesagt. Ich habe es keine Sekunde bereut.
-Sie waren einer der drei Hauptdirigenten des MDR-Sinfonieorchesters Leipzig und Principal Guest Conductor beim Oslo Philharmonic Orchestra. Seit 2007 sind Sie Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart. Welcher ist der wesentliche Unterschied zwischen Ihrer Arbeit am Opernhaus und mit einem Symphonieorchester?
Für ein Konzert hat man vielleicht drei Tage Vorbereitungszeit, für eine Opernpremiere meist vier Wochen. Bei Konzerten habe ich natürlich kein Bühnengeschehen zu berücksichtigen, welches einen musikalischen Prozess beeinflussen und mitunter sogar auch stören kann. Deshalb muss ich in der Oper ständig auf außermusikalische Dinge reagieren, muss sehr flexibel sein, mitatmen, mitdenken, und meine Gestik darauf auszurichten, dass der Sänger, der hundert Meter weit von mir entfernt steht, das auch mitbekommt. Das macht ungeheuren Spaß.
-Könnte man als Persönlichkeit verderben, wenn man nur Symphonieorchester dirigiert? Irgendwie kommen diese Dirigenten einem oft wesentlich eitler vor, als jemand der im Graben steht und nicht gesehen wird.
(Lachen) Nein, das glaube ich nicht. Eitelkeit hat es immer gegeben, und auch der Dirigentenberuf wird oft überschätzt. Uns gäbe es ja gar nicht, wenn es die Komponisten nicht gäbe. Dass auf Plakaten diese immer so klein stehen, während der Dirigent mit großem Namen zu lesen ist, finde ich schrecklich. Wir sollten den Mut haben, den Komponisten mehr in den Vordergrund zu rücken.
- Noch mehr als der Dirigent spielt sich ja in heutigen Zeiten der Regisseur auf. Wie viel haben Sie noch in Stuttgart zu sagen?
Der Regisseur sollte sich auf den Dirigenten stützen. Wenn der Dirigent sagt: ‚Hier oben in der Partitur habe ich eine leise Stelle’ und der Regisseur lässt ausgerechnet an dieser Stelle irgendeine Kartoffel herunterfallen, dann finde ich, das geht einfach nicht. Wir Dirigenten sind dafür da, die Oper zu einem musikalischen Erlebnis zu machen. Der Regisseur muss garantieren, dass dies auch möglich ist. Es ist leider so, dass der Regisseur oft das Konzept schon hat, bevor der Dirigent kommt. Und leider ist es so: Einen Dirigenten kann man immer auswechseln. Wenn aber der Regisseur geht, dann ist alles gestorben.
- Inwiefern kann ein bestimmtes Regiekonzept Ihre Interpretation beeinflussen?
Ich bespreche mit dem Regisseur sehr früh die Dinge, so dass die künstlerische Befruchtung gegenseitig ist und er seine Szene so einrichtet, dass die Musik nicht in Konflikt damit kommt. Zum Beispiel: Es gibt einen Wiener Walzer Rhythmus (singt es vor). Wenn jetzt ein Regisseur daherkommt und dazu tanzt, dann ist ja nichts einzuwenden. Schlimmer wäre, wenn er etwa genau auf der Drei, der dritten Zähleinheit, ein Akzent ein Gewicht setzen würde. Dann gäbe es einen riesigen Knall...
- Das Ganze würde karikiert
Wenn es bewusst gemacht wird, dann ist es in Ordnung. Doch wenn zu einer Solokantilene im Orchester oben auf der Bühne herumgelaufen wird, dann geht das nicht. Die Dinge muss man auf empfindsame Art machen. Ich kann ja nicht verlangen, dass ein Regisseur Partituren lesen kann, dabei gibt es sehr musikalische Regisseure. Die Suche nach der Wahrhaftigkeit ist aber das wichtigste und die Demut.
- Als GMD in Stuttgart stehen Sie nun einem sehr erfolgreichem, preisgekröntem Opernhaus vor. Wie schwer wird es sein, diesen Erfolg aufrechtzuerhalten?
Meine Vorgänger haben ein sehr gesundes Haus hinterlassen, und die Menschen, die dort arbeiten, haben ein sehr hohes Maß für Qualität. Man selbst steht natürlich unter einer gewissen Beobachtung, doch ich bin bisher sehr unterstützt worden, habe sogar etwa für „Die Trojaner“ Zusatzproben erhalten. Das Bemühen, das Niveau zu halten, ist bei allen Leuten spürbar. Das ist ein wunderbares Zeichen, das freut einen ganz besonders, wenn man merkt, hier geht es den Menschen um Musik und sie wollen mit mir diesen Weg gehen.
- Am 21. Dezember sendet ARTE live unter Ihrer musikalischen Leitung „Die lustige Witwe“ , eine Produktion der Semper-Oper Dresden in der Choreographie von Jérôme Savary.
Ich habe mit „Der lustigen Witwe“ eine ganz große Erwartung , die Operetten von Johann Strauss und Franz Léhar liegen mir ganz besonders am Herzen, weil ich weiß, dass diese Musik oft vernachlässigt wird und verkannt wird. Es ist unendlich schwer, dieses „leichte Musizieren“ zu erreichen, diese Kunst des Rubato-Spielens, das „Wienerische Element“. In unserer Dresdner Fassung haben wir viele Nummern wieder aufgenommen, die in anderen Fassungen gestrichen wurden. Ich wollte unbedingt, dass Léhar im Original gemacht wird. Ich freue mich riesig darauf. Ich habe das Gefühl, dass das sehr gut gelingen kann.

Interview: © 2007 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 18-12-07
Letzte Änderung: 21-12-07