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01/10/13

Interview mit dem Bariton Christian Gerhaher

Von Teresa Pieschacón Raphael


Christian Gerhaher singt das Requiem von Maurice Duruflé in der Dresdner Semper-Oper (auf ARTE am 29. 10. 2006)


Sie wollten einst Mediziner werden?
Woher wissen Sie das? Es stimmt. Als Sechzehnjähriger kam ich für lange Zeit ins Krankenhaus mit einer schweren rheumatischen Krankheit, die leider chronisch ist und mich zwingt schwere Medikamente einzunehmen. Dies hat mich sehr beeinträchtigt und damals auch mein Interesse für Medizin ausgelöst. Ich habe aber dann gen Ende des Studiums gemerkt, dass ich diesen Beruf nicht gut ausüben können werde. Acht Stunden im OP stehen und dann noch gleichzeitig Medikamente nehmen, das ist kaum auszuhalten.

Zudem wollten Sie schon während des Studiums auch Sänger werden...
Tja, aber meine Mutter hat immer wieder gesagt: Werde kein Sänger, dann bekommst Du einen schlechten Charakter!?... (Lachen)... und ich sagte ihr: Das siehst Du falsch, ich werde Sänger, weil ich einen schlechten Charakter habe!?... (Lachen) Meine Eltern haben mich immer unterstützt, mir sehr viel Freiheit gelassen. Ich komme aus Straubing, das ist ein bisschen am Ende der Welt. Mein Vater war Unternehmer, meine Mutter hat ursprünglich Medizin studiert, um dann ganz für die Kinder da zu sein. Ich lernte das Geigenspiel.

Wann haben Sie entdeckt, dass Sie eine Stimme haben?
Die entdeckte eigentlich mein Geigenlehrer. Ich ging in den Chor, nach dem Abitur nahm ich dann Gesangsunterricht. Ein Jahr nach dem Physikum nahm ich ein Gaststudium an der Musikhochschule auf, unter anderen lernte ich bei Fischer-Dieskau. Elisabeth Schwarzkopf sagte mir sogar, die Stimme höre sich an nach einer internationalen Karriere.

Dabei war Ihre erste Begegnung mit der Dame doch etwas anders...
Ich wollte "Nichts" von Richard Strauss singen, da kommentierte sie schon: Ach ein Witzbold? Nachdem ich nur zwei Takte gesungen hatte unterbrach sie mich: Stopp! Also, wenn da mein Mann, der berühmte Walter Legge, vorbeigekommen wäre, dann hätte er gesagt, was brüllt denn da für ein Ochse? Darauf sagte ich: Entschuldigen Sie, jetzt habe ich zwei Takte gesungen, jetzt lassen Sie mich doch erst einmal zu Ende singen? Ich war selbstbewusst, wenn auch ein bisschen ängstlich. Dennoch, das Eis war nun gebrochen. Sie hat meine Stimme schön gefunden.

Inwiefern bestimmt die Qualität des eigenen Stimmtimbres, das man wohl in die Wiege gelegt bekommt, die Auswahl des Repertoires, die Richtung eines Sängerlebens?
Ich glaube es ist eher umgekehrt. Man selbst ist verantwortlich für sein eigenes Timbre, ab einem gewissen Alter auf jeden Fall. So wie man ab einem gewissen Alter auch für sein Aussehen verantwortlich ist

Ganz nach Arthur Schopenhauer, der sagte: Die ersten 40 Lebensjahre eines Menschen schrieben den Text eines Gesichts, und die folgenden Jahre lieferten dazu die Fußnoten?
(Lachen). Ja, so ist es aber. Auch wenn man dafür zahlt und sich aus der Verantwortung stiehlt! Das Timbre kann man beeinflussen, etwa durch das Repertoire, das man singt, durch das Alter, durch die Sprache, in der man denkt und in der man spricht und schlicht durch klanglichen Willen.

Zunächst aber haben Sie Ihr Medizinstudium mit einer Doktorarbeit abgeschlossen?
Ich wollte es unbedingt zu Ende führen und einen Abschluss haben. Eigentlich wollte ich eine Doktorarbeit über die Atemmuskulatur von Sängern im Vergleich zu solchen, die es nicht sind, machen. Es gab überhaupt keine Literatur dazu und auch der Untersuchungsansatz war zu kompliziert, um ihn umzusetzen. Das zugrunde liegende Experiment hätte aus einer Kombination von Elektromyographie und Motographie bestanden, also einem Verfahren, das die aufgezeichnete Muskelaktivität mit einem fotografischen Ablauf des Atemprozesses korreliert hätte. Ich hätte dies an einer Reihe von Probanden untersucht. Dietrich Henschel hätte sogar mitgemacht. Die Physiologen meinten aber dann, ich hätte zu viele Daten bekommen und wenn man keine Vergleichsliteratur hätte, dann wird man der Daten nicht mehr Herr. Der andere Punkt war: dass man nicht wissenschaftlich beweisen kann, wer ein guter Sänger ist. Ich wäre wohl zu keinem Ergebnis gekommen. Dann habe ich noch schnell ein anders Thema bekommen.

Methodische und klinische Ergebnisse diagnostischer und therapeutischer Handgelenksspiegelungen? heißt Ihre Dissertation. Gehen Sie ähnlich systematisch bei der Einstudierung eines Liedes vor?
Nein, natürlich nicht. Eine Doktorarbeit lässt sich nur aus der möglichst vollständigen Kenntnis der Fachliteratur machen. Ein Lied aber erarbeitet man sich ganz anders.

Hilft Ihnen der Umstand, dass Sie sich in der Anatomie des Stimmapparates auskennen in irgendeiner Weise?
Nein, überhaupt nicht.

Nun singen Sie unter der Leitung von Fabio Luisi im Requiem Maurice Duruflé, ein Konzert, das zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens stattfand und von ARTE aufgezeichnet wurde. Welche Gedanken verbinden Sie mit diesem Werk?
Das Duruflesche Requiem hat es in sich: Man hat als Bariton zwei extrem kurze Soli zu singen, bei denen man innerhalb kürzester Zeit gleich ins Zentrum stimmlicher Konzentration finden muss. Man kann also einiges falsch machen und hat kaum Möglichkeit etwas zu korrigieren. Davon abgesehen steht das Requiem von Duruflé in einer Traditionsreihe mit den weniger aufbrausenden als tröstenden Werken dieser Gattung wie beispielsweise denen von Brahms und Fauré was sich auch in der Besetzung wiederspiegelt: Zwei lyrische Solostimmen (Mann und Frau) mit relativ kleinen Partien, die wie kleine Individuen eingebettet sind in einen großen romantischen Chor- und Orchesterklang. Diese Entwicklung der individualisierten Solostimmen wird beispielsweise auch weitergeführt in den beiden Männersoli in Britten's War Requiem. Im Gegensatz etwa zu den beiden Werken von Mozart und Verdi wird hier also eine diesseitige und somit solidarisierend tröstende Betrachtung der conditio humana vollzogen, was mir als Gedächtnis-Konzert zur Bombardierung Dresdens besonders sinnvoll erscheint. Denn hier verbindet nicht die drastische Ausmalung des Jüngsten Gerichtes - welche eben bei Mozart und Verdi neben anderem besonders gelungen ist -, sondern eher die tröstliche Reflexion menschlicher Unzulänglichkeit im Diesseits.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Keine Ahnung, Ich würde mich gerne - neben Kammermusik und Orchestermusik - in Wagner-Opern sehen. Verdi hat sehr ehrliche Musik geschrieben, aber bei Wagner kommt noch etwas dazu: die Musik durchleuchtet alle Bereiche des Lebens, unabhängig von der Form. Die Form wird aufgelöst. Es wird viel psychologisiert, alle Abgründe werden musikalisch erschließbar, aber auch viele Alltäglichkeiten. Das ist einfach faszinierend. Ich kann mich dem nicht entziehen.

Interview: Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 24-10-06
Letzte Änderung: 01-10-13