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Das Meer am Morgen

Frankreich, 1941: Der 17-jährige Guy Môquet ist in der Bretagne in einem Straflager interniert, als in Nantes ein deutscher Offizier erschossen wird.

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Das Meer am Morgen

Frankreich, 1941: Der 17-jährige Guy Môquet ist in der Bretagne in einem Straflager interniert, als in Nantes ein deutscher Offizier erschossen wird.

Das Meer am Morgen

21/03/12

Interview mit Volker Schlöndorff

Das Meer am Morgen


In "Das Meer am Morgen" erzählt der mehrfach ausgezeichnete deutsche Regisseur Volker Schlöndorff die Geschichte, die zum Tode des jungen Franzosen Guy Môquet führte. Und stellt sich dabei zahlreiche Fragen über Gehorsam und Schuld.


  • Herr Schlöndorff, wie kam Ihnen die Idee zu einem Film über Guy Môquet und das Massaker von Chateaubriand?
    Indirekt habe ich mich bereits in den 50er Jahren damit auseinandergesetzt, als ich als junger Mann erstmals nach Frankreich kam. Ich wohnte in der Bretagne, ganz in der Nähe jenes Ortes, an dem Guy Môquet und seine Mitgefangenen erschossen worden waren. 50 Jahre später habe ich dann diese Geschichte wiederentdeckt – und zwar durch die Arbeit des französischen Journalisten Pierre-Louis Basse und des jungen deutschen Historikers Felix Möller: Beide sind darauf gekommen, dass der während dem 2. Weltkrieg in Paris als Offizier stationierte Philosoph und Schriftsteller Ernst Jünger in seinen Aufzeichnungen detailliert auf die Tat eingeht.

  • Was fanden Sie so interessant an der Berichterstattung Jüngers?
    Jünger berichtet Stunde für Stunde von dem Attentat auf den deutschen Offizier Karl Holz in Nantes und die von Berlin geforderten Vergeltungsmaßnahmen. Es handelt sich also um eine historiographische Aufzeichnung von höchstem Wert. Zudem herrscht in Frankreich ja geradezu eine Faszination für diesen intellektuellen „Beau ténébreux“, der so ganz im Gegensatz zur „Nazibestie“ steht, als die der Rest der in Frankreich stationierten Deutschen häufig dargestellt wird.

    Hinter jedem Befehl steht eben immer ein Mensch...
    Der von Jünger übersetze Abschiedsbrief Guy Môquets ist zu einem Symbol der Résistance und des französischen Nationalstolzes geworden. Und wurde vom frisch gewählten Nicolas Sarkozy 2007 für politische Zwecke verwendet…
    Davon habe ich gehört. Zum Glück aber erst, nachdem ich das Drehbuch fertig gestellt hatte… Ich gehe auf diese Polemik natürlich überhaupt nicht ein, denn ich wollte keine historische Dokumentation drehen. Ich wollte einfach eine Geschichte erzählen. Mir zum Beispiel vorstellen, wie ein Siebzehnjähriger damals wohl auf sein Schicksal reagiert hätte. Und mit Personen wie dem jungen deutschen Soldaten im Erschießungskommando wollte ich auch aufzeigen, dass hinter jedem Befehl eben immer ein Mensch stand.

  • Wie würden Sie die Grundaussage Ihres Films beschreiben?
    Es geht eindeutig um Gehorsam. Um Gehorsam und Schuld. Denn eigentlich gehorchen ja in dieser Geschichte alle jenen, denen sie gehorchen sollen: Der deutsche General dem durchgenknallten Führer in Berlin, der französische Präfekt seinem Innenminister, der Gendarm seinem Präfekten, die gefangenen Kommunisten ihrer Partei usw. Aber blinder Gehorsam ist eben nicht immer richtig…

  • Ist die Skepsis gegenüber blindem Gehorsam auch das, was uns die in Das Meer am Morgen erzählte Geschichte Ihrer Meinung nach noch heute lehrt?
    Wie gesagt, es ging mir nicht darum, eine neue Geschichte des 2. Weltkriegs zu schreiben. In erster Linie, wollte ich erzählen, wie Menschen sich in extremen Situationen verhalten. Ich wollte dabei auch verstehen, wie wir diese Geschichte gemeinsam – also aus der Sicht der Opfer und der Täter – erzählen können. Wie haben sich Leute aus Frankreich und Deutschland verhalten? Darauf wollte ich eingehen. Denn sobald man ein bisschen nachforscht merkt man, dass die Guten nicht immer die Guten und die Bösen nicht immer die Bösen waren. Das ist eben das Interessante an europäischer Kultur – und am europäischen Kino.

Das Interview führte Alexander Knetig




Der Film

Montag, 08.4. um 13.50 Uhr

Preisgekrönter Fernsehfilm nach einer wahren Geschichte.



Erstellt: 06-03-12
Letzte Änderung: 21-03-12