Sie kennen das berühmte Wort Goethes, wonach ein Streichquartett eine Unterhaltung zwischen vier vernünftigen Leuten sei. Ketzerisch gefragt, sind Sie vernünftig?(Lachen) Oh! Das ist wirklich eine gute Frage.... In einem Streichquartett muss man natürlich oft vernünftig sein, erwachsen und selbstständig arbeiten können. Man kann nicht die Verantwortung auf den Solisten oder Dirigenten schieben, wie etwa im Orchester. Ein Streichquartett ist oft auch ein Kindergarten und das ist manchmal anstrengend und immer sehr lebhaft. (Lachen)
Dem Komponist Carl Loewe war ein Streichquartett sogar „Ein Nachtgespräch zwischen vier Räubern, die in einer verfallenen Felsenfeste unnütze, vielleicht böse Pläne brüten“...
Das ist auch sehr hübsch (Lachen). Man spielt natürlich unterschiedliche Rollen in so einem Ensemble, es gibt Gespräche aller Art, mal lustig und dann wieder sehr vernünftig.... Jetzt haben wir z.B. Beethovens Streichquartett Nr. 14 op. 131 einstudiert. Da steht man vor einem Koloss. Wir haben einiges von Beethoven gespielt, obgleich das Zyklische nicht unsere Herangehensweise ist. Und dennoch muss man immer wieder von vorne anfangen, das ist anstrengend und reizvoll zugleich. Einerseits ist man mit der Sprache vertraut, andererseits stösst man bei der Interpretation auf so viele neue Fragen und muss sich überlegen, wie man die Musik einem Publikum verständlich machen kann.
Fühlen Sie sich nicht manchmal wie in einem Schraubstock in dieser Ensemblekonstellation von gewollter und zugleich erzwungener Nähe ...
Man muss seine Individualität bewusst wahren. Wir verstehen uns als ein Quartett von vier Individualisten und ordnen einander nicht unter, sondern wollen uns alle mit unserer Individualität einbringen. Bei den alltäglichen Entscheidungen, etwa wenn es um Probenpläne, Reisen, freien Tage geht, da müssen wir uns absprechen. Es gibt aber auch ein heiliges Privatleben.
Sie sind alle um die Dreißig. Gehen bei einem Kammermusiker die künstlerische und die menschliche Entwicklung eher gleichzeitig vonstatten, mehr als etwa bei einem Solisten?
Tatsächlich beobachtet man bei Solisten manchmal das Phänomen, dass diese zwar künstlerisch unglaublich viel zu bieten haben, dass aber die menschliche Entwicklung nicht ganz Schritt hält. Irgendwo bleibt etwas auf der Strecke. Damit will ich allerdings nicht sagen, dass eine gewisse Unreife einer grossen Musikerpersönlichkeit im Wege stehen muss.
Vielen Solisten täte ein Korrektiv ganz gut...
Ja, da haben Sie recht, Bei einem Streichquartett stellt sich das Problem gar nicht. Voraussetzung ist eine Konstellation von vier Menschen, die die gleiche Basis haben. Dazu gehört das Diskutieren, Überzeugen, man muss wach bleiben, dran bleiben und in Bewegung. Das halte ich für gesund. Ich muss mich immer rechtfertigen für das, was ich tue. Das ist manchmal schmerzhaft. (Lachen). Streichquartett spielen ist nicht nur eine musikalische, sondern auch eine menschliche Schule.
In einem Interview sprachen Sie vom „Schmoren im eigenen Saft“
Das war mehr auf die Arbeit bezogen; man brütet und brütet über der Literatur und versucht die Probleme zu lösen. Da braucht man oft einen frischen Impuls von aussen. Und dass ist das Gute; da sind dann immer drei andere da, die dafür sorgen, dass man eine andere Perspektive sieht. Wir spielen auch oft Quintett oder Sextett.
... etwa mit Mitgliedern des Alban Berg-Quartetts.. Was ist das für eine Gefühl mit den einstigen Lehrern zu musizieren?
Man ist neugierig und zugleich beglückt, mit diesen großen Musikern spielen zu dürfen (Thomas Kakuska, Viola, und Valentin Erben, Cello). Natürlich hat man auch große Ehrfurcht, doch die beiden signalisieren soviel Offenheit und Geradlinigkeit, dass dieser Respekt einen nicht hemmt. Da freut man sich richtig auf ein kollegiales und nettes Zusammenarbeiten. Das ist musikalisch sehr inspirierend. Das gemeinsame Musizieren verbindet zudem sehr.
Spiritus Rector des Alban Berg-Quartetts wiederum ist Walter Levin, einstiger Primarius beim „LaSalle-Quartett“ und der „Quartettmacher“ schlechthin. Levin war es, der Sie damals an der Musikhochschule in Lübeck zusammenbrachte hat. Was haben Sie von ihm gelernt?
Er hat uns kontinuierlich begleitet und ist so etwas wie eine Vaterfigur. Er hat uns natürlich sehr geprägt, besonders in dem Anspruch an die Musik, an das Repertoire, das wir haben, bei Fragen der interpretatorischen Balance, des „Wohins“. Das Umsetzen, technische Fragen etwa oder Fragen der Intonation haben wir natürlich von den anderen gelernt.
Levin veranstaltet so genannte „lecture-recitals“, zu denen nicht nur Musiker, sondern auch Astrophysiker, Sprachwissenschaftler, Ärzte kommen. Was kann man als Musiker von einem Neuroinformatiker lernen?
Es ist einfach hinreißend, sich mit Leuten zu unterhalten, die von einem anderen Fach sind. Nach Konzerten unterhält man sich mit Kollegen meist über Fingersatz, Tempo und anderen Details. Von einem Wissenschaftler kommen ganz andere Bemerkungen. Wir haben einmal die „Lyrische Suite“ von Alban Berg für Streichquartett einstudiert, die kein äußeres aber ein inneres privates, intimes „Programm“ hat, eine Liebesgeschichte, an der sich dann formale Ideen aufhängen. Da befand der Wissenschaftskollege diese Assoziation nicht für rechtens, Bergs Musik sei ja keine wirkliche Programmmusik.
Sehr logisch abstrakt und streng wissenschaftlich gedacht...
Ja. Und das hat uns auch zum Nachdenken gebracht. Ein Interpret sollte zwar von solchen biografischen Details wissen, um das Werk zu begreifen. Wenn er sich aber nur auf ein solchen Wissen verlässt, kann er er leicht auf den Holzweg geraten. Das engt die Perspektive ein.
„Zu viel Gefühl, zu wenig Gedanken“ (oder umgekehrt) sagt Walter Levin über die jungen Musiker...
Das ist natürlich etwas zugespitzt formuliert. Er ist ein temperamentvoller Mann, Urtext, Werktreue waren ihn stets das Wichtigste. Damit hat er viele Quartette unterschiedlichster Generationen auf einen sehr erfolgreichen Weg gebracht. Wir sind sozusagen die Kinder und die Enkel von Levin.
Zu Ihnen, dem Bratschisten: „Mit diesem Instrument war er sozusagen im Zentrum der Harmonie; von hier aus konnte er hören und sich zuhöchst ergötzen, was rechts und links sich von ihm ereignete“, schreibt Johann Sebastian Bachs erster Biograf Forkel über ihn ...
Das ist wirklich sehr schön gesagt und es stimmt. Ich glaube, ein Mitglied des Amadeus- Quartettes hat einmal ein Streichquartett mit einer Flasche Wein verglichen. Der Cellist stellte das Gefäß dar, der Primarius das Etikett und wir den Inhalt. Viele Leute hören oft nur die erste Geige; das kann ich verstehen. Ich denke aber, dass sich der Klang aus der Mitte herausprägt, dass die Bratsche Impulse, eine eigenständige Farbe gibt. Man kann mal alleine, eine Unterstimme, oder einen knackigen Bass spielen. Das finde ich toll.
Sie haben keinen eigentlichen Primarius, sondern die beiden Geiger des Ensembles wechseln immer wieder ab. Hängt dieser Wechsel vielleicht mit dem musikalischen Repertoire ab?
Nein. Ein musikalisches Kriterium gab es da nicht; weder vom Repertoire her noch von der interpretatorischen Stil. Wir haben das Quartett-Repertoire systematisch ganz gerecht aufgeteilt, das war recht einfach und alle waren einverstanden. Wir wollten bewusst demokratisch vorgehen.
Tun sich im Falle eines Dissenses Parteien auf, etwa die beiden Geiger gegen Bratsche und Cellist?
Das kann schon mal passieren. Natürlich ranken sich Diskussionen um ein Thema. Und unter Demokratie verstehen wir nicht, dass es da eine eins zu eins Abstimmung gibt. Ein jeder muss sich einbringen und irgendwann werden Entscheidungen getroffen. Ein Stück auf Proben zu spielen ist zudem etwas völlig anderes als auf dem Podium. Oft relativieren sich auf letzterem die Dinge und unterschiedliche Sichtweisen finden eine überraschend schnelle Lösung.
Danke für das Gespräch Herr Jacobsen.





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