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02/06/04

Interview mit Sebastian Dehnhardt

Autor der Dokumentation "Der längste Tag: D-Day"


Hier können Sie das Interview als Audio-Datei anhören!

Herr Dehnhardt, Sie haben, zusammen mit Ihrem Kollegen Manfred Oldenburg, einen Dokumentarfilm gedreht über die Landung der Alliierten in der Normandie – den so genannten D-Day. Schon im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag am 6. Juni hat es bereits einige Aufregung gegeben angesichts der geplanten Kranzniederlegung des deutschen Bundeskanzlers auf britischen Soldatengräbern. Haben Sie bei Ihren Recherchen zum Film ähnliche Erfahrungen machen müssen?

Eigentlich überhaupt nicht. Es ist jetzt in der Tat das erste Mal, dass ein deutscher Repräsentant, also ein deutscher Kanzler, an so einer Feierlichkeit teilnimmt. Vor zehn Jahren war das noch undenkbar und unmöglich. Bei den Dreharbeiten zu unserem Film sind wir wirklich sehr herzlich aufgenommen worden. Es hat, auch unter den Zeitzeugen, unter den Soldaten von einst, mittlerweile schon ein reger Austausch statt gefunden. Zum Teil haben sie sich in der Normandie getroffen. Da sind dann auch deutsche Soldaten auf alliierte, also auf britische und kanadische und amerikanische, getroffen. Diese Wunden von einst sind, meines Erachtens, eigentlich verheilt.

Dann war Ihnen Ihre Nationalität als deutscher Dokumentarfilmer auch gar kein Hindernis – vor allen Dingen im Gespräch mit den alliierten Veteranen?

Überhaupt nicht. Ich habe ungefähr drei Wochen lang in den USA gedreht, bin wirklich durch das ganze Land gereist und habe die Zeitzeugen besucht, die für mich wichtig waren. Ich bin überall sehr herzlich aufgenommen worden und es gab überhaupt keine Ressentiments.

Was unterscheidet denn Ihren Dokumentarfilm wie den Ihren von Spielfilmen wie „Der Soldat James Ryan“, der vor einigen Jahren äußerst erfolgreich in den Kinos lief?

Sehr viel. Schlicht und ergreifend erzählen wir die wahre Geschichte. Alles andere ist Fiktion. Ich gebe zu, gut gemachte Fiktion kann auch nah an der Realität sein, aber sie bleibt Fiktion. Unser Film ist letztendlich die wahre Geschichte. Auch ein Dokumentarfilm kann nur einen Ausschnitt dessen zeigen, was passiert ist. Es empfiehlt sich natürlich, wenn man sich weiter informieren möchte, nach darüber hinausführender Literatur zu suchen. Aber wir haben schon versucht, so umfassend wie möglich das Ereignis als solches darzustellen.

Ein Schwerpunkt Ihres Films liegt ja auch auf der Darstellung persönlicher Schicksale und Sie lassen einen Großteil der Zeitzeugen sehr ausführlich zu Wort kommen. Welches Ziel verfolgen Sie damit bei Ihrem Film?

Wenn Sie einen Film über ein Kriegsereignis, über den Zweiten Weltkrieg, machen, dann ist es für mich schlicht und ergreifend das Ziel, zu vermeiden, dass ich mich in einer militärisch-strategischen Abhandlung befinde und erkläre, wie was warum passiert ist. Krieg ist ein Ereignis – gerade, wenn es so lange zurück liegt –, das man versuchen muss, emotional und fast ein bisschen physisch nachzuvollziehen. Dass es ein sehr grausames Ereignis war und den Menschen viel Unheil gebracht hat, lässt sich nur über die Traumata, die diese Soldaten erlebt haben, vermitteln. Deswegen sind diese Einzelschicksale sehr wichtig und ich lasse die Zeitzeugen ausführlich reden, damit man spürt, dass sie eigentlich noch heute, nach so langer Zeit, wirklich bewegt sind.

Zuletzt – gegen Ende Ihres Films – verweisen Sie auf das Paradox, „die deutschen Soldaten hätten gegen ihre eigenen Befreiung kämpfen müssen.“ Hatten Sie den Eindruck, dass das damals tatsächlich auch schon so empfunden wurde?

Ja, das war ein subjektives Gefühl, das in der Tat damals in den Soldaten schlummerte. Wobei sie noch nicht an Befreiung gedacht haben. Es war eine Invasion, eine Okkupation, ein Angriff: Das war ihr Empfinden. Und sie befanden sich in der Verteidiger-Haltung. Dass sie natürlich letztendlich befreit worden sind, hat sich oft erst Jahre später bei ihnen als Gefühl eingeschlichen, – manifestiert, müsste man eigentlich sagen. Und sie sind zum Teil – ja, wie soll ich sagen – heute natürlich diejenigen, die sehr reflektiert sind. Sie haben das auch abgehandelt, mit welch widersprüchlichen Gefühlen sie die Jahre danach erlebten.

Was, würden Sie sagen, ist an Erkenntnissen neu in Ihrem Film?

Letztendlich ist die Geschichte des D-Day schon ein paar Mal erzählt worden. Ich glaube, dass wir als erste so nah an die Ereignisse –ich nehme jetzt einmal das Geschehen am „Omaha-Beach“ als Beispiel – herangekommen sind, wie das zuvor in der Tat, wie Sie vorhin erwähnten, nur in der Fiktion möglich war. Wir haben so intensiv recherchiert und wirklich auch Ereignisse von unterschiedlichen Zeitzeugen-Perspektiven aus beleuchten können. Wir hatten den deutschen Soldaten, der auf dem Marktplatz von Saint-Mère-Eglise die amerikanischen Fallschirmjäger beschossen hat. Wir hatten auf der anderen Seite den amerikanischen Zeitzeugen, der mit seinem Fallschirm an dem Kirchturm von Saint-Mère-Eglise hängen geblieben ist. Wenn Sie es nach 60 Jahren schaffen, so nah heranzukommen, dass Sie wirklich Einzelheiten, kleine Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten können, und wenn Sie die Leute wieder zusammenbringen, dann ist das etwas Außergewöhnliches. Und das leistet der Film.

Wie reagiert man als Dokumentarfilmer, wenn man mit solchen Erzählungen konfrontiert wird, mit den Tränen und den Emotionen, die sehr deutlich bei den Zeitzeugen zu Tage treten?

Das ist ein Phänomen, das man als Dokumentarfilmer häufiger hat. Ich will nicht zynisch wirken, aber es ist eine Reaktion, über die man sich subkutan – nicht freut, das ist falsch – aber die einen bestätigt. Man ist dankbar für diese bewegenden Aussagen und man muss natürlich immer daran denken, dass man die Zeitzeugen nicht zu sehr exponiert. Es gibt sicher Szenen, die beim Drehen vorgekommen sind, die wir bewusst nicht eingefügt haben, weil sie zu sehr an das Innere gegangen wären. Da muss man dann die Zeitzeugen auch ein bisschen vor ihren eigenen Aussagen schützen.

Herr Dehnhardt, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Maya Geis für ARTE am 26. Mai 2004.


Sehen Sie hier die Buchtipps des Dokumentarfilmers Sebastian Dehnhardt.

Erstellt: 28-05-04
Letzte Änderung: 02-06-04