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21/05/13

Interview mit Raphaël Enthoven

Ab jetzt gibt es auf ARTE allwöchentlich zum Sonntagsessen philosophische Kost. Ein erfrischendes Rendez-vous mit dem jungen französischen Philosophen Raphaël Enthoven* - für alle, die Freude am Denken haben.

  • Wie entstand die Idee zum Magazin „Philosophie“?
Auslöser war ein ziemlich abstraktes Gespräch über die Frage, ob Philosophie und Fernsehen vereinbar seien. Es ging darum, eine Sendung zu konzipieren, bei der das Bild nicht mehr Maske, sondern Verbündeter sein sollte. Der Bildkommentar hat durchaus eine philosophische Funktion. Davon zeugt die alte Überzeugung, nach der man dem Schein misstrauen und äußerliche Phänomene hinterfragen soll. Wir gehen in der Sendung von vertrauten Phänomenen, aktuellen Geschehnissen und bekannten Bildern aus, um zum Nachdenken anzuregen und nachzuweisen, dass die Dinge selbst Fragen aufwerfen, die uns alle umtreiben. Meine Aufgabe und die der Gäste besteht darin, diese Fragen herauszuarbeiten.

Ich weiß nicht, ob es eine Suche nach Sicherheiten oder nach Zweifeln ist. Mein Beruf ist, den Zweifel zu vermitteln

An welches Publikum richtet sich die Sendung?
An ausnahmslos alle Zuschauer, sonst würde sie ihr Ziel verfehlen. Sie soll zum einen diejenigen anregen, die die Schriften kennen, und zum andern Aha-Erlebnisse schaffen, die in der Philosophie absolute Unbefangenheit erfordern. Als Philosophiedozent möchte ich diese Art, die Welt anzugehen, weitergeben und Mittler zwischen Wissenden und Lernenden sein. Mit einer kleinen Portion Anstrengung und Unbefangenheit kann man lernen, Vorurteile über Bord zu werfen, selbstständig zu denken und allen Wahrheiten gegenüber aufgeschlossen zu sein.
 
Warum wandern Sie während der Sendung ständig herum?
Dazu fällt mir ein Ausspruch aus Nietzsches Götzendämmerung ein, nach dem die besten Ideen die sind, die einem beim Gehen einfallen. Seit zehn Jahren lehre ich. Ich kann keinen Unterricht machen, ohne herumzugehen. Das Denken ist nicht dasselbe, wenn man in Bewegung ist. Wenn man eine Wahrheit betrachtet, muss man ihr ins Gesicht sehen. Die Gefahr für die Philosophie ist Festgefahrenheit, sie gebiert tote Ideen. Um die Ideen im Fluss zu halten, haben wir in der Sendung ganz pragmatisch diesen Weg gewählt. Doch manchmal bleiben wir stehen, halten inne. In diesem wunderbaren Studio, einer ehemaligen Fabrik, bleiben wir vor Plakaten stehen, die wir in unser Gespräch einbeziehen und die das Gesagte veranschaulichen oder auch einen Perspektivwechsel bedeuten. Wir erheben nicht den Anspruch, ein Thema restlos auszuschöpfen. Sondern wir wollen den Zuschauer anregen, selbst nachzuschauen, weiterzuschürfen. Daher auch der Verweis auf die Website der Sendung, die wie eine Datenbank aufgebaut ist. Und daher auch die Geste, die mir sehr wichtig ist: Ein Buch in der Hand, schlage ich bei einem Klassiker Textstellen nach, die genau zu unserer scheinbar trivialen Unterhaltung passen. Es ist faszinierend festzustellen, dass sich 500 oder 2500 Jahre alte Texte bereits mit den Problemen befassen, die uns heute bewegen.

Die Philosophie ist ein Weg, der Welt nicht klagend, sondern lächelnd entgegenzutreten, eine Schule der Leichtigkeit.

  • Ihre Studiogäste sind vorwiegend Vertreter der jüngeren Generation.
Jugend kennt kein Alter. Allerdings sehe ich heute eine neue Generation hervorragender Philosophen heranwachsen, die im Gegensatz zur älteren Generation in keiner Ideologie verhaftet sind und deren Denken auch von vielfältigen persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Die meisten sind nämlich nicht nur Philosophen, sondern auch Tänzer, Musiker oder Sänger. Und, was das Wichtigste ist: Ihnen macht Philosophie Spaß. Die Sendung ist also auch eine Gelegenheit, Talenten das Wort zu erteilen, die sich bisher nicht öffentlich artikulieren konnten.

* Der Philosophiedozent Raphaël Enthoven lehrt derzeit an der Ecole Supérieure des Sciences Politiques und an der École Polytechnique in Paris. Er ist redaktioneller Berater der Sendung Philosophie Magazine, moderiert die Sendung Les nouveaux chemins de la connaissance auf dem Kultur-Radiosender France Culture und ist Verfasser zahlreicher Schriften, darunter La philosophie - un jeu d’enfant; Kant, la tête dans les nuages und Sartre, la liberté dans tous ses états.

  • Wie sind Sie Philosoph geworden?
Im ersten Vorbereitungsjahr zur Aufnahme in die Ecole Normale Supérieure behandelten wir im Unterricht Pascals Mémorial. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Zugang zu Wahrheiten zu bekommen, die auf einer höheren Ebene lagen. Das hat buchstäblich mein Leben verändert. Ich habe mich in diese Disziplin verliebt, in ihre Paradoxe, ihre Sprödigkeit und ihre Schwierigkeit. Warum sollte ich in meinem weiteren Leben auf solche Freuden verzichten? Die Philosophie ist ein Weg, der Welt nicht klagend, sondern lächelnd entgegenzutreten, eine Schule der Leichtigkeit. Ich beschloss, mich voll und ganz dieser Disziplin zu widmen und Philosophie auf alle erdenklichen Arten weiterzugeben, an der Hochschule, im Rundfunk, schriftlich und nun auch im Fernsehen.

  • Wie erklären Sie das neu erwachte Interesse an der Philosophie?
Philosophie ist unvergänglich. Das wiederaufkommende Interesse hängt mit dem viel beschrienen Ideologieverlust, dem Werteverfall zusammen, was ich nur begrüßen kann. Allerdings hat diese Sinnsuche für mich etwas Ambivalentes. Ich weiß nicht, ob es eine Suche nach Sicherheiten oder nach Zweifeln ist. Mein Beruf ist, den Zweifel zu vermitteln.

Das Interview führte Sylvie Dauvillier
 

Erstellt: Tue Sep 30 12:00:00 CEST 2008
Letzte Änderung: Tue May 21 11:26:31 CEST 2013