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01/10/13

Interview mit Piotr Anderszweski

von Teresa Pieschacón Raphael


Piotr Anderszewski wurde 1969 in Warschau geboren und studierte in Polen, Frankreich und Kalifornien. Zum ersten Mal sorgte er beim Klavierwettbewerb 1990 in Leeds für Aufsehen, als er den Wettbewerb mitten in seiner Darbietung abbrach, da er nicht von seiner eigenen Leistung überzeugt war. Ein wichtiger Schritt in seiner steilen Karriere war die Verleihung des Royal Philharmonic Society Award als Instrumentalist of the Year am 8. Mai 2001 in London's Dorchester Hotel. Seine Einspielung der Diabelli-Variationen erhielt zwei hohe französische Schallplatten-Auszeichnungen: einen Choc Du Monde de la Musique sowie einen Diapason d'Or. Außerdem wurde diese Einspielung für einen Gramophone Award 2001 nominiert. Von der Deutschen Phono-Akademie wurde Piotr Anderszewski mit einem ECHO Klassik 2002 in der Kategorie Nachwuchskünstler ausgezeichnet. Sein spektakuläres Können stellte Piotr Anderszewski auch mit Klavierkonzerten von Mozart (C-Moll KV 491 und C-Dur 467) unter Beweis. Neben den Diabelli-Variationen liegt von ihm das Solo-Album mit den Partiten Nr. 1, 3 und 6 von Johann Sebastian Bach vor. Ein weiteres Solo-Album ist seinem Landsmann Chopin mit Polonaisen, Mazurken und Balladen gewidmet.

- Ein Pole in Paris, das lässt assoziieren....

... an Chopin. Aber ich habe nichts damit zu tun (Lachen). Ich bin 1969 in Warschau geboren, meine Mutter ist jüdischer Herkunft, sie kommt aus Ungarn, in meiner Kindheit war ich oft dort. Mein Vater ist Pole, meine Familie ging später nach Paris. Ich wuchs mit drei Sprachen auf.

- Wo sind Ihre Wurzeln?

Ich habe keine und bin manchmal nicht sehr glücklich darüber. Ungarn ist in musikalischer Hinsicht interessanter, als Polen, die Sprache, die Mentalität ist sehr eigen, sehr originell, aber auch sehr brüsk. In Polen sind die Menschen sanfter, ich bin dort aufgewachsen mit den alten Geschichten von meiner Großmutter, sehr heroisch-pathetischen Geschichten aus dem 2. Weltkrieg. Die Polen leben in einer Paradoxie. Ihre Seele ist slawisch, aber ihre Kultur westlich. Das kann zum Problem werden. Auch ich spüre das in mir.

- Wie kamen Sie nach Frankreich?

Mit sieben Jahren. Mein Vater, der im Handel tätig ist, bekam dort Arbeit. In Paris ist alles sehr anonym, was mir sehr gefällt. Die Menschen sind kühl, dabei wird sehr viel gesprochen. Andererseits mag ich die Menschen aus Paris, ich war ja auch mal in Amerika. Dort machen die Menschen nur etwas, für das sie bezahlt werden. In Paris aber tun die Menschen Dinge, weil sie sie lieben.

- Aufsehen erregten Sie, als Sie 1990 beim Klavierwettbewerb in Leeds, Ihren Vortrag abbrachen und den Saal verließen...

Es war meine erster und letzter Wettbewerb, 21 Jahre war ich alt. Ich stoppte bei Webern op. 27, weil ich unzufrieden mit meiner Leistung war. Ich schämte mich.

- Wie war die Reaktion der Jury?

Viele haben gar nicht gemerkt, dass ich das Stück abgebrochen hatte (Lachen).Andere waren traurig, weil ich so nicht ins Finale kam. Ich dachte, jetzt ist alles für immer vorbei.

- Was halten Sie grundsätzlich von Wettbewerben?

Man lernt mit Stress umzugehen, sich zu messen, trifft interessante Leute. Dennoch zweifle ich am künstlerischen Konzept. Wie kann ein Richter objektiv sein? Wie kann man Interpretation in Punkte messen?

- Bevor Sie in Leeds von der Bühne gingen, hatten Sie Beethovens Diabelli-Variationen gespielt.

Ja, aber ich fand mich so schlecht. Ironischerweise wurde meine Interpretation dieses Werkes später ein großer Erfolg. Ich bekam Auszeichnungen dafür, ich verstehe das nicht.

- Der Filmemacher Bruno Monsaingeon drehte sogar einen Dokumentarfilm und der ‚Daily Telegraph‘ fand Ihre Interpretation "astonishingly mature"...

Ich und „reif“!? Unreif würde mir besser gefallen, denn so fühle ich mich. Ich weiß nicht was damit gemeint ist und empfinde es auch nicht unbedingt als ein Kompliment. Das ist ein bisschen wie ein Wein: Sie können einen mediokren Wein haben, der gerade in diesem Moment reif ist und schmeckt, am nächsten Tag aber wieder schlechter wird. Dann wiederum gibt es sehr gute Weine, die noch zehn Jahre brauchen, bis sie reif sind.

- Muss man auch als Mensch gereift sein, um ein guter Interpret zu sein?

Nein, auf keinen Fall! Ich bin ja total unreif, obwohl ich 35 Jahre alt bin.

- Andere Kritiker meinten, eine gewisse „Wut“ in Ihren Interpretation herauszuhören

Wollen Sie jetzt wissen, ob ich wütend werden kann? (Lachen) Jeder Kritiker ist subjektiv in seinem Urteil, die Frage ist nur, muss er so subjektiv sein? Ich bestreite nicht, dass etwas von der Persönlichkeit durchkommt, aber das ist nur ein vordergründiger Aspekt. Es geht viel tiefer. Der spezifische, ganz eigene Klang eines Künstlers ist das Entscheidende. Der muss da sein. Wenn der nicht da ist, dann mag alles noch so intelligent konzipiert sein, aber es reicht einfach nicht.

- Es heißt, Sie mögen langsame Tempi; liebt man die nicht erst im Alter?

Mit acht Jahren aber war ich sehr schnell! Jetzt scheine ich wohl etwas älter geworden zu sein .... aber wohl noch nicht reif (Lachen).

- Ein Pianist muss Einsamkeit ertragen können. Wie ist das bei Ihnen?

Ich liebe die Einsamkeit, obwohl es manchmal sehr schwer ist. Ich lebe gerne allein. So ein Klavierabend ist für mich eine wunderbare Form der Kommunikation. Es ist wie ein Monolog ...

- Den Eindruck hatte ich aber bis jetzt nicht von Ihnen, dass Sie Monologe mögen

Nein, mag ich auch nicht. Ich kann sehr wortkarg sein. Was ich aber mag, ist die Verantwortung für den ganzen Abend, das ist eine große Herausforderung.

- Zugleich aber auch eine Offenbarung, ein intimer Akt. Können Sie Glenn Gould verstehen, der sich irgendwann dem Betrieb verweigerte?

Das kann ich sehr gut verstehen. Er mochte nicht das Reisen, die Konfrontation mit dem Publikum, die immergleichen Konzertprogramme. Ich habe für mich definiert, ein bisschen wie Gould, was ich wirklich machen will und nicht, was andere wollen. Es gibt keine perfekte Situation. Natürlich ist es oft langweilig, in Hotels herumzusitzen und auf den Auftritt zu warten.

- Gould wurde über die Isolation krank

Ja. Absolute Isolation ist auch nicht gesund. Manchmal finde ich es lustig, Menschen zu treffen, aber oft will ich allein und anonym sein.

- Viele finden, Sie hätten die Ausstrahlung eines Schauspielers

Na ja, manche sagen das. Ich aber glaube das nicht. Ich könnte ja auch wie ein Clochard aussehen. Als ich Monsaingeons Diabelli Film sah, war ich sehr verwundert. Ich fand mich seltsam, mochte mich nicht besonders.

- Als junger Mann begegneten Sie Sviatoslav Richter

Er war für mich wie ein Gott. Ich traf ihn 1991 in Warschau. Ich wollte ihn bei der Probe beobachten, lag buchstäblich auf dem Boden hinter der Bühne. Als er kam, hat er das Klavier noch nicht einmal berührt. Am nächsten Tag rief man mich an, man brauchte jemanden zum Umblättern. Eigentlich hatte man eine junge Frau dafür verpflichtet, aber als Richter davon hörte, sagte er, er könne nicht mit einer Frau neben sich spielen. Er müsse ihr dann immer nur auf den Busen schauen (Lachen). Später erfuhr ich, dass er nie ein Klavier vor dem Konzert ausprobierte. Ein Konzert ist wie das Schicksal, sagte er. Das hat mich sehr beeindruckt. Und ich mache das auch so.

- Und deshalb sitzen Sie hier?

Ich sitze hier, weil ich keine andere Wahl habe...

Erstellt: Wed Jun 09 16:37:36 CEST 2004
Letzte Änderung: Tue Oct 01 16:37:28 CEST 2013