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02/09/08

Interview mit Peter Singer

Zu den Sympathisanten der australischen Bio-Künstler des "Tissue Culture & Art Project" gehört auch der umstrittene Philosoph Peter Singer, der heute Professor für Bioethik an der Universität Princeton/USA ist.

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Er ist ein rationalistischer Philosoph aus der angloamerikanischen Tradition der Utilitaristen und lehrt "praktische Ethik", die Anwendung einer philosophisch begründeten Ethik oder Moral auf praktische Probleme, abseits religiöser Überzeugungen. Mit seinem Buch "Animal Liberation" wurde er auch zum wichtigste Theoretiker der Tierrechtsbewegung.

Jens Hauser traf Peter Singer in New York.
  • Das Interview

Jens Hauser: Wenn Bio-Künstler via Gewebezucht ohne Tieropfer organische Skulpturen als "Steaks" oder "Leder" züchten, nehmen sie in dieser Kunst-Utopie auf Ihr Konzept des "Spezismus" Bezug: Sie vergleichen die vermeintliche Diskriminierung von anderen, nicht-menschlichen Arten mit Rassismus und Sexismus.

Peter Singer: Über "opferloses Leder" zu sprechen heisst ja, dass Leder normalerweise Opfer braucht. Die meisten Leute machen sich gar keine Gedanken darüber, was Leder ist. Wir betrachten Tiere immer noch als Dinge. Und wir töten guten Gewissens sogar hochentwickelte Paviane. Und auch Schimpanzen sind als Organ-"Spender" gebraucht worden – natürlich sind es keine Spender, sie werden getötet, um ihnen das Herz zu amputieren. Das hält man für akzeptabel. Bei Schimpanzen haben die Leute zwar immer mehr Gewissensbisse, aber Paviane werden immer noch missbraucht. Dagegen gilt es als inakzeptabel, menschliche Organe beispielsweise von einem Neugeborenen zu nutzen, das behindert völlig ohne Gehirn oder nur mit Stammhirn geboren wird. Das ist ein Beispiel dafür, wie verrückt es ist, kategorisch unsere eigene Art zu bevorzugen. Diese Kunst kann uns bewusst machen, wie unsinnig diese Artengrenzen sind.


JH: Künstler, die mit Tissue Engineering, Genetik oder Stammzellen arbeiten und im Labor zwischen menschlichen und tierischen Zellen keinen Unterschied machen, stellen die Artenschranken im Biotech'-Zeitalter ja in Frage…

PS: Es zeigt, wie künstlich diese Grenze ist und dass Biotechnologie auf der Zellebene diese Verbindungen herstellen kann. Das bringt die Leute dazu, darüber nachzudenken, wie nah menschliche und nichtmenschliche Tiere sich sind. Man kann sich mit dieser Vorstellung vertraut machen, indem man sich mit Genetik, Evolutionstheorie und Philosophie beschäftigt, oder eben durch Kunst.



JH: Ihr Schlagwort ist "ethics into action" – Ethik in konkrete Taten verwandeln. Ihr Buch "Animal Liberation" hat die Tierrechtsbewegung geprägt – wie setzt sich Ihr Konzept im Biotech'-Zeitalter fort?

PS: Schaut man zurück, wie sich das Konzept der Ethik für den Menschen entwickelt hat, stellt man fest, dass sich der Kreis der Nutzniesser ständig vergrössert hat. Als der Mensch noch in Gruppen von 200 Individuen lebte, galt es, sich innerhalb der Sippe ethisch zu verhalten. Gegenüber anderen Gruppen gab es keine ethischen Richtlinien, man durfte den anderen töten. Mit der Entstehung der Sprache weitet sich der Zirkel aus. Trotzdem gibt es im 19. Jahhundert immer noch Rassismus und Sklaverei. Man durfte andere Menschen besitzen, sie als Werkzeug für sich arbeiten lassen oder ihre Kinder vereinnahmen. Dies ist mit der Deklaration der Menschenrechte überwunden. Viele meinen, dass sei nun genug. Doch nach 1000 Jahren dieser Evolution kommen wir nun an die Grenzen der Gattung Mensch. Wir sind aber immer noch so blind - wie es die Rassisten gewesen sind - gegenüber Milliarden anderen empfindungsfähigen Wesen, die leiden können und die ein Bewusstsein haben. Es gibt eine Parallele zwischen dem wie wir Tiere behandeln und wie die Rassisten Menschen behandelten, die der "falschen" Rasse angehören. Wir sollten nicht aufhören, den Zirkel auszuweiten.


JH: Kann Diese Kunst philosophische Konzepte wie Ihre "Praktische Ethik" vermitteln?

PS: Kunst und Philosophie sind unterschiedlich. Natürlich regt Kunst die Leute zum Denken an und stimuliert andere Betrachtungsweisen, wie wir Tiere sehen. Aber sie liefert keine Argumente und Standpunkte, wie es die Philosophie tut. Die Philosophie kann selbst religiöse Menschen durch rationale Argumente zwingen, den Standpunkt zu ändern. Das kann Kunst nicht. Sie führt immer mehrere Argumente parellel ins Feld und begeistert, aber sie lässt sich mit dem Glauben des Betrachters wieder in Einklang bringen - darin sind wir schliesslich Spezialisten. Kunst und Philosophie können sich hier aber ergänzen.


JH: Sie sprechen von einer "säkularen Ethik", die über die fest verankerte religiöse Vorstellung hinausgeht, dass der Mensch sich die Erde Untertan zu machen habe. Trägt Biokunst Ihrer Meinung nach zu dieser Säkularisierung bei?

PS: Das hängt von der religösen Überzeugung des Betrachters ab. Es ist ja schon erstaunlich, wie die Religion die Darwinsche Evolutionstheorie absorbiert hat. Und hier in Amerika gibt es immer noch Millionen christliche Fundamentalisten, die einfach nicht daran glauben. Aber rund um den Globus haben es fast alle Religionen geschafft, diesen dramatischen Einschnitt der Evolutionstheorie in ihr religiöses Verständnis einzubetten. Wenn die Biotechnologie nun zeigt, dass menschliche und tierische Zellen und Gewebe vermischt werden können und dass wir uns molekular so ähnlich sind, wird es die Menschen zwingen, ihre Religion daraufhin kritisch zu hinterfragen. Aber die Revolution ist nicht dramatischer als es die Evolutionstheorie gewesen ist. Religion ist immer sehr flexibel gewesen, wenn es darum ging, neue Erkenntisse aufzusaugen.



JH: Muss man sich beim Kampf für Tierrechte wirklich der Religion entledigen? Es hat in der Theologie Denker wie Thomas Aquinas im 13. Jahrhundert gegeben, die die Ansicht vertraten, wer grausam zu Tieren ist, sei auch grausam zu anderen Menschen.

PS: Das heisst noch lange nicht, dass Menschen Menschen ethisch korrekt behandeln, wenn sie Tiere mögen. Die Nazis mochten Tiere, Hitler liebte wohl seinen Hund. Mein Namensvetter, der Schriftsteller Isaak Singer, hat einmal gesagt: "Für Tiere ist jeden Tag Treblinka." Unser Verhältnis zu Tieren ist gewissermassen ähnlich dem, das man zu den Juden hatte. Und im 19. Jahrhundert noch sträubte sich der Vatikan gegen Bestrebungen in Europa, Grausamkeiten gegenüber Tieren zu verbieten. Denn dies würde den Leuten die "falsche" Idee vermitteln, man sei Tieren etwas schuldig, wo wir doch nur anderen Menschen etwas schuldig sein könnten. So gibt es auch heute noch konservative Strömungen, die es sehr wichtig finden, die Kluft zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren aufrecht zu erhalten.


  • Links
>> Website zu Peter Singer
>> Texte zu Peter Singer
>> Zu Peter Singers "Praktische Ethik"
>> Lebenswertes und weniger lebenswertes Leben? Axel W. Bauer liest Peter Singers "Praktische Ethik"

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Bericht von Jens Hauser
ARTE Kultur
19. Mai 2004
Perth - Australien
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Erstellt: 14-06-04
Letzte Änderung: 02-09-08


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