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02/09/08

Interview mit Oron Catts

Angesichts der brisanten ethischen Fragen, die die Biotechnologie mit sich bringt, setzen sich vermehrt auch Künstler damit auseinander. Für einige ist Biotechnologie dabei nicht mehr nur Thema, sondern Aussdrucksmittel.

Zu den Vorreitern dieses Trends gehört die Künstlergruppe "Tissue Culture & Art" vom australischen Labor für wissenschaftlich-künstlerische Zusammenarbeit "Symbiotica" im westaustralischen Perth. Hier stellen Künstler im Labor selbst die unbequemen Fragen und haben Zugang zu allen Forschungseinrichtungen.
Sie stellen die Artenschranken zwischen Mensch und Tier auf die Probe und fragen, warum wir im Biotech-Zeitalter Massentierhaltung normal finden und uns immer noch mit Häuten toter Tiere schmücken, wo man doch auch aus menschlichen Hautzellen "Kunst-Leder" züchten könnte...
Jens Hauser traf die "TC&A" in Perth.
  • Das Interview

Jens Hauser: Warum züchten Künstler wie Ihr im Labor "victimless leather" – organisches Leder ohne Tieropfer?

Oron Catts: Die Biotech-Industrie produziert heute immer mehr Schimären. So werden menschliche Stammzellen in Rattenhirne verpflanzt. Sie bilden dort voll funktionstüchtige Nervenzellen aus. Und die Liste wird immer länger. Die Artengrenzen sind in der Biotechnologie zusammengebrochen. Das wirft viele Fragen auf: Ab wieviel Menschenzellen würde ein Ratten- zum Menschenhirn? Oder: Wie viele Tierorgane kann man einem Menschen einpflanzen, bis er zum Tier wird? Man will heute tierische Zellen und Gewebe zunehmend dem Menschen einpflanzen. Dann tragen wir Teile von Tieren zunehmend nicht mehr nur auf unseren Körpern, sondern auch in unseren Körpern! Wir haben im Jahre 2003 bereits bei der Ausstellung "L'art biotech'" in Nantes Skulpturen aus Froschzellen als Steaks gezüchtet, ohne Tiere zu töten. Aber wir betrachten die Utopie einer Gesellschaft ohne Massentierhaltung und Tieropfer mit grosser Ironie. Denn wir würden so viel Technologie und Geld dafür benötigen – wer wollte das bezahlen? Unsere halb-lebendigen Skulpturen haben kein Immun-System und müssen in einem techno-wissenschaftlichen "Körper" eingeschlossen bleiben. Sind die vollmundigen Versprechungen der Bio-Industrie im allgemeinen wirklich gerechtfertigt?



JH: Eure "opferlose Lederjacke" entsteht aus einem Zell-Mix von Schwein, Maus und Mensch. Artengrenzen scheinen da keine Rolle mehr zu spielen.

OC: Mittels der Kunst hinterfragen wir Philosophen wie Peter Singer und sein Konzept des "Spezismus", Diskrimination aufgrund von Art. Wir meinen, alle Lebewesen lassen sich in ein Kontinuum einordnen. Und wir Menschen sind Bestandteil dieses Kontinuums in der Natur und nicht von ihm abgeschottet. Der Mensch muss sich dessen heute bewusst sein, wo er mit der Biotechnologie beginnt, die Lebensmechanismen gründlich zu manipulieren. Die Technologie, die wir erfinden, versetzt uns in die Lage, weitreichende Veränderungen zu provozieren – auf der anderen Seite zeigt sie uns aber auch immer mehr, dass menschliche und tierische Organismen sehr stark verwandt sind und vermengt werden können. Wenn uns die Idee, Kleidung aus Menschenteilen zu tragen, unangenehm berührt, können wir uns die Frage stellen, ob uns nicht auch stören sollte, Teile toter Tiere zu tragen.



JH: In Perth wird die biotechnologische Alternative von "opferlosem Leder" innerhalb einer Schau neuer Textilien präsentiert!

OC: Unser Alltag ist durchzogen von Normalitäten, die ich unethisch finde. Leute fragen nicht danach, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere für die Belange der Mode zu töten. Aber man wirft uns oft vor, unethisch zu handeln, weil wir mit Biotechnologie arbeiten. Uns geht es nicht darum, eine Zukunftsutopie zu schaffen. Wir wollen, dass der Betrachter seine Traditionen genauso kritisch hinterfragt wie seine Meinung über die biotechnologischen Perspektiven.


JH: Euer Labor in der Gallerie ist nie weiss sondern immer pechschwarz, und auf den Bildschirmen werden die mikroskopischen Zellbeobachtungen von subliminalen Frankenstein-Bildern durchbrochen…

OC: Wir spielen mit dem Frankenstein-Image. Dr. Frankenstein war ja selbst keine bösartige Person oder ein Monster. Aber aus Fahrlässigkeit entglitt ihm die Kontrolle über seine Kreatur. Diese Fragen sind heute aktuell: Wie sorgsam gehen wir mit den Lebensmechanismen um, die wir manipulieren?


JH: Deshalb tauchen auch anrüchige Personen wie der Eugenik-Theoretiker Alexis Carrel in den Bildern auf – und das schwarze Labor ist Eure zynische "Hommage" an Carrels schwarzes Tissue Culture Labor Anfang des 20. Jahrhunderts…

OC: Wir beuten heute andere Arten aus - während gleichzeitig aber durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse die Artenschranken fallen. Man muss dann also darüber nachdenken, was passiert, wenn wir uns selber ausbeuten. Eine solche Situation hat Europa ja bereits in den 30er und 40er Jahren erlebt, als die Evolutionstheorie fehlinterpretiert wurde und andere Menschen auf den Status von Tieren reduziert wurden, um Experimente am Menschen zu rechtfertigen. Wir erinnern uns an die zu Ware verarbeiteten Körperteile und die zur Schau gestellten Hautfetzen während des Holocausts.


JH: Also ist das "opferlose Leder" weniger Zukunftsprodukt sondern eine fleischgewordene Metapher.

OC: Leder zu tragen heisst Teile eines getöteten "Anderen" zu tragen. Das geht nur, wenn wir eine klare Grenze zwischen Mensch und Tier ziehen, und heute sehen wir in der Stammzellforschung und Organtransplantation, dass diese Grenze sehr durchlässig ist. Leder ist für uns also eine Metapher mangelnden Mitgefühls gegenüber anderen empfindungsfähigen Wesen. Als Künstler sehen wir unsere Rolle darin, sicher geglaubte Wahrheiten in Frage zu stellen. Und besonders grotesk wird es, wenn wir deswegen von Leuten öffentlich an den Pranger gestellt werden, die… einen Lederanzug tragen!

  • Links
>> Tissue Culture & Art
>> The space between
>> Symbiotica


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Kultur Digital
Victimless Leather
Bericht von Jens Hauser
ARTE Kultur
19. Mai 2004
Perth - Australien
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Erstellt: 14-06-04
Letzte Änderung: 02-09-08


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