Schriftgröße: + -
Home > Maestro > Künstler A-K > Harnoncourt, Nikolaus

Henry Purcell - King Arthur - 05/08/08

Interview mit Nikolaus Harnoncourt

von Teresa Pieschacón Raphael


Auftakt der Salzburger Festspiele 2004: Jürgen Flimm und Nikolaus Harnoncourt inszenieren Purcells Kriegsschauspiel "King Arthur" als kunterbunte Multimedia-Barockshow.


Salzburg, Fotoprobe zu "King Arthur" von Henry Purcell. "Dies ist eine Probe", mahnt Nikolaus Harnoncourt die anwesende Journalisten- und Fotografenschar. "Beurteilt wird das Stück erst nach der Premiere!" Künstler mögen es nicht, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Doch man ahnt: bunt und kurzweilig wird der Nachmittag werden. Figuren in opulenten poppigen Kostümen wirbeln über eine Bühne, die mit ihren bunten Farbklecksen ein wenig wirkt wie die überdimensionale Palette eines Malers. In ihr ist eine Kuhle eingelassen, in der das Orchester (Concentus Musicus) und sein Spiritus Rector Nikolaus Harnoncourt sitzen, eine Art "Fairest Isle", die Glücksseligkeitsinsel Britannia vielleicht - mit aller dazu gehörenden Ironie, versteht sich.

Eine "dramatick opera" hatte Purcell sein Zwitterwesen aus Oper und Schauspiel "King Arthur" von 1691 genannt. Für Harnoncourt ist es das 'erste Musical' der Bühnengeschichte überhaupt. Zusammen mit Jürgen Flimm hat er aus dem Patchwork der kaum überschaubaren Szenen, Texte und Musiken ein neues, praktikables Ganzes aus fünf Akten gebastelt zu insgesamt drei Stunden gestutzt. Es wird deutsch gesprochen und auf Englisch gesungen.

Mit jener mythischen Gestalt von der Tafelrunde hat "King Arthur" allenfalls dem Namen nach zu tun. Vielmehr geht es um die Irrungen und Wirrungen des Britenkönigs Arthur und seines Gegenspielers Oswald, der König der Sachsen, die nicht nur Krieg gegeneinander führen, sondern auch um das Herz der blinden Emmeline kämpfen und dabei die Zauber- und Geisterwelt kräftig mitmischen lassen. Ein ebenso idealer wie eigenartiger Einstieg für die diesjährigen Salzburger Festspiele.

Jürgen Flimm hat Purcells verrückte "Halb-Oper" als große Samstagabendshow angelegt mit vorzüglichen Moderatoren. Eine grandios-extravagante Schauspieler-, Sänger-, Tänzertruppe steht ihm bei, zirkusreife Akrobatik und technisch hochwertige Gags werden geboten. Barockes Flugtheater, Wind- und Schneemaschinen kommen ebenso zum Einsatz wie die modernen Technologien - frei nach dem Motto – erst durch Video sieht das Theater sich selbst. Und so wird mancher Zaubergeist durch die Lüfte geschickt, dienen Wolken als Leinwand für Liveprojektionen, fliegen - Videobeamern sei Dank - Vögel und Flugzeuge durch die blauen Arkaden-Holzblenden, die den Natur Arkaden der Salzburger Felsenreitschule nachgebildet sind. Sogar ein Ballett der Pinguine in der berühmten Frostszene hat seinen Auftritt.

Derb spukhaft aber auch empfindsam geht’s auf der Bühne zu dank herausragender Sängerinnen wie Barbara Bonney, Isabel Rey und Michael Schade und einer temperamentvollen Schauspielertruppe: Dietmar König mimt den martialischen Sachsenfürst Oswald, Michael Maertens seinen Gegenspieler Arthur. Werner Wölbern ist ein krötenhafter Erdgeist, Roland Renner der fiese Druide Osmond. Allen voran aber steht die entzückende Alexandra Henkel, die als luftiger Geist Philidel eine beängstigend intensive Vorstellung gibt.


Es heißt, alle Häuser die Purcells "King Arthur" produziert haben, seien eingegangen.
Das hat mir mal ein Intendant vor dreißig Jahren erzählt.

Das droht aber den Salzburger Festspielen nicht.
(Lachen) Nein, natürlich nicht.

Ein Musical nennen Sie Purcells 1691 komponierten Reigen aus Sprechtheater, Gesangs- und Tanznummern. Wirklich?
Wir sind gewöhnt für alle Gattungen einen festen Namen zu haben. Bei dem Begriff Oper und Operette stolpern wir allerdings, das hat historische Gründe. Deshalb kommt es nur darauf an, was man darunter versteht. "King Arthur" ist für mich ein Musical, weil Show-Elemente, gesprochener Text, Patriotismus und Satire vereint werden. Wenn man aber Purcells Werk gleichsetzen würde mit einem Musical von Andrew Lloyd Webber, dann will ich den Begriff nicht ausgesprochen haben.

Sie haben die kaum überschaubaren Szenen, Texte und Musiken von "King Arthur", die auf etwa 60 Quellen zurückgehen in ein neues Ganzes gefügt. Haben Sie dies als ‚Freiheit‘ empfunden?
Es ist keine Freiheit, vielleicht hat der Regisseur es so empfunden. Ich habe es als ein sehr riskantes Überleiten empfunden. Sehr wichtig für mich waren die letzten Worte vor und nach einem Musikeinsatz. Und da habe ich sehr stark eingegriffen in die Regie. Die Schauspieler sprechen von Haus aus dann wenn man ihnen sagt, sie sollen sprechen. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass die Musik eine Stimmung für sie erzeugt, dass sie nach einen ganz bestimmten Zeitpunkt verlangt, in den man sprechen muß oder darf. Die Pausendramaturgie ist sehr wichtig. Die Stille ist eine der stärksten rhetorischen Figuren.

Trotzdem geht es in dem Stück um die verfeindeten Könige Arthur und Oswald, die um die Vorherrschaft in England und die Gunst der schönen, blinden Emmeline kämpfen, recht schrill auf der Bühne zu. In der berühmten "Frostszene" wird Ihnen sogar eine Pudelmütze auf dem Kopf gesetzt
Das war doch sehr lustig! Die Musiker machen auch äußerlich die Kälte sichtbar, die in England herrscht, in der eine schöne nackte Venus nicht leben könnte...

Die dann zu Ihnen in den Graben steigt ...
Ja. Das fand ich übrigens auch ganz lustig. (Lachen)

Hatten Sie die Befürchtung, dass die Musik zum Pausenfüller wird?
Nein. Theater und Musik gehören zusammen. Ein Theaterstück ohne Musik ist undenkbar. Auch beim Sprechtheater. Gerade im englischen Theater gibt es eine fast unendliche Vielfalt an Übergangsformen. Und selbst wenn es 60 Prozent Text gibt und nur 40 Prozent Musik, dann ist diese trotzdem kein Füller. Es gibt Momente, in denen emotionale und psychische Argumente nicht mehr besprochen werden können. An diesem Punkt setzt dann die Musik ein.

Bereits der Librettist von "King Arthur" John Dryden musste manche Verse "oftmals vergröbern", damit Purcell sie 'sangbar' machen konnte. Musste das in gewisser Hinsicht auch die Regie?
Es ist heute sehr schwer, zu verstehen, was ein Mensch damals machen musste oder sollte. Und ich halte mich da sehr heraus. Wenn Wissenschaftler etwas behaupten, dann ist meine erste Reaktion: 'das stimmt sicher nicht'. Wenn Sie Zeugenaussagen nach einem kleinen Unfall vergleichen, haben Sie fünf Aussagen. Und das Bemerkenswerte ist, dass alle Recht haben. Dryden hat vieles umgeschrieben, um Purcell einen knackigen Vers zu liefern, und Purcell hat wiederum auch einiges verändert, er bringt zum Beispiel sehr oft Wortwiederholungen, die in den Versen nicht vorkommen. Beide haben Eingriffe gemacht, sie haben aber zusammengearbeitet und sich gegenseitig sehr inspiriert.

Von Max Reinhardt hieß es, er sei ein Zauberer; welches Attribut haben Sie für Herrn Flimm?
(Pause). Ich würde Reinhardt nicht als Zauberer bezeichnen. Wir sind alle keine schöpferischen Menschen. Wenn Reinhardt den "Faust" inszeniert, dann braucht er das Stück von Goethe und der Zauberer ist jemand anderes. Von einem Regisseur erwarte ich, dass er eine feine Antenne hat, damit er aus dem Werk die für uns heute wichtigen Botschaften herauszulesen versteht.

Wie konnten Sie gleichzeitig dem kammermusikalischen Duktus des Werkes und den riesigen Dimensionen der Felsenreitschule gerecht werden?
Wir haben ziemlich viel Erfahrungen mit großen und viel zu großen Räumen. Wir haben dann bemerkt, dass die Sänger und Sprecher dort immer lauter singen und die Schauspieler brüllen. Am Schluss hatte man den Eindruck: die kämpfen gegen einen großen Raum. Das Bühnenbild für "King Arthur" musste also so sein, dass es nicht schluckt, sondern reflektiert. Es sollte also massiv aus Holz sein. So war es dann auch. Zudem haben wir die Leute dazu gebracht, dass ihre Ohren größer werden, indem wir bei den Stellen, die man schwer verstehen kann, immer leiser geworden sind. Das hat sich bewährt.

Musizieren Sie eigentlich in einem anderen Bewusstsein wenn Kameras vor Ihnen postiert sind?
Ich merke überhaupt nichts. Bei den Neujahrskonzerten, die sind ja ein Medienereignis, ist man umschwirrt von Leuten, die an jeder Hemdfalte herummachen, überhaupt an allem, was anders ist, als sie es sehen wollen. Ich spüre das nicht. Ich spüre höchstens die Scheinwerfer, darunter schwitzt man mehr.

Man sagt, Sie seien weicher, weniger dogmatisch geworden?
Ach so? Ich hasse Dogmatismus, der ist in der Szene der historischen Aufführungspraxis sehr verbreitet; bei allen Bewegungen, die mit Quellen arbeiten, auch in der Religion. Da geht es nicht um Inhalte, sondern um Formen. Das habe ich immer abgelehnt. Wer mich als Dogmatiker bezeichnet, der kennt mich nicht. Und härter oder weicher... Ich habe immer das Harte etwas härter gemacht, als andere, denn eine Ecke, die als Schock von dem Komponisten gemeint ist, darf man nicht abrunden und in einen gefälligen Fluss bringen. Zugleich habe ich sehr intensiv am Lyrischen gearbeitet. Dennoch haben die Leute nur den Knaller bemerkt. Ich glaube nicht, dass ich mich in diesem Punkte wesentlich geändert habe, andererseits empfände ich es als Schande, wenn ich heute mit 75 immer noch so wäre wie mit Zwanzig. Dennoch: ich habe immer noch alle Zähne im Mund!

Erstellt: 08-10-04
Letzte Änderung: 05-08-08