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Wallraff undercover

Ein Themenabend über versteckten Rassismus in Deutschland und Frankreich.

Wallraff undercover

Günter Wallraff undercover - 03/02/11

Interview mit Mo Asumang

"Integration erreicht man nicht von jetzt auf gleich. Das ist harte Arbeit!"

Mo Asumang ist Schauspielerin und die zweite afro-deutsche Moderatorin im deutschen Fernsehen. 2007 rief eine Neonaziband zur Ermordung "prominenter deutscher Feinde" auf und drohte ihr ganz persönlich: „Diese Kugel ist für Dich, Mo Asumang.“ Die Antwort auf diese Hetztirade ist ihr Film „Roots Germania“, in dem sie sich auf Germanenforschung begibt und nach dem Ursprung solchen Hasses sucht. Sie versucht zu erklären und zu demystifizieren.
Wir sprachen mit Mo Asumang über den Film „Roots Germania“, über eine mögliche deutsche Sonderstellung und über die aktuelle Integrationsdebatte.


„Die Kugel ist für Dich, Mo Asumang!“, wie sehr hat Sie dieses Lied getroffen? Hatten Sie Angst, in Deutschland zu leben?
Ja, die Angst war sehr groß. Das hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen. Bis dahin kannte ich nur kleinere Rassismen, wie die ständige Frage, wo ich EIGENTLICH herkomme. Das hat zwanzig Jahre lang dazu geführt, dass ich mich nicht deutsch gefühlt habe. Nach dieser Drohung musste ich mich dann intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und habe den Film „Roots Germania“ gemacht.

Worin bestand diese Auseinandersetzung?
Viel Lesen, viel Fragen. Ich habe NPD-Mitglieder interviewt, mich auf einer Demonstration unter 3 000 Neonazis gemischt. Das war gar nicht so einfach, auch bei den Gesprächen mit der Familie sind ganz emotionale Dinge rausgekommen. Meine Mutter hat mir zum Beispiel erzählt, dass meine Oma sich vor die Straßenbahn werfen wollte, als sie erfahren hat, dass sie ein schwarzes Enkelkind bekommen wird.

Ihr Film „Roots Germania“ ist eine Suche nach der nationalen Identität. Was haben Sie gefunden?
Ich bin Deutsche, aber ich habe auch den afrikanischen Part, weil mein Vater aus Afrika kam. Ich bin nach Ghana gereist und habe mich auch mit dieser anderen Seite auseinandergesetzt. Das ist ganz wichtig: Denn oft schlägt man sich mal auf die eine Seite und will deutsch sein, dann auf die andere und will ghanaisch sein oder türkisch. Man sitzt immer zwischen den Stühlen. Und dann habe ich gelernt, dass ich mich gar nicht entscheiden muss, das hat mir mein Vater gesagt. Ich bin eine neue Generation, ich bin Brückenbauerin.

Nimmt Deutschland Ihrer Meinung nach im Punkto Rassismus eine Sonderstellung ein?
Nein, Rassismus gibt es überall auf der Welt, auch in Afrika. In Deutschland nimmt man das aber oft zum Vorwand, um erst gar nicht aktiv zu werden. Das ist sicher bedingt durch die super-rassistische Nazivergangenheit. Angst vor dem Fremden ist ganz normal, da muss man sich einfach drum kümmern. In anderen Ländern sind die schwarzen Communitys viel größer, aber wir haben die krasseren Maßnahmen. Hier sind mehr Menschen durch Rassismus ums Leben gekommen. Hier sind schlimmere Dinge passiert und passieren immer noch. Mit den Neonazis haben wir einen großen gewaltbereiten Teil in der Gesellschaft.

In Frankreich spricht man oft von „positiver Diskriminierung“ um aktiv gegen Rassismus vorzugehen. Was halten Sie davon?
Ich glaube, man sollte sich einfach mal das eigene Land anschauen und gucken, wie bunt wir eigentlich in Deutschland sind. Jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund. Wenn man die Gesellschaft abbilden will und das auch ernst nimmt, dann sollte man auch jeden Fünften zeigen. Dafür braucht man keine Quote.

In den letzten Monaten drehte sich die Integrationsdebatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Was hat er mit diesem Buch bewirkt?
Als erstes, dass alle Menschen, die sich im Bereich Integration engagieren ganz schön frustriert waren. Ich kenne das von meiner eigenen Arbeit, da ich den Film „Roots Germania“ ja auch an Schulen zeige und mit den Kindern und Jugendlichen darüber diskutiere. Das war ja kurz nach der WM in Afrika, wo gerade eine super multi-kulti-Stimmung herrschte. Dann kommt dieses Buch raus, und so eine Wut. Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Das muss ganz schön tief sitzen.

Aber es hat das Thema Rassismus in den öffentlichen Diskurs gebracht.
Ja, das ist das Positive. Man sollte das jetzt nutzen, wie auch den Film von Herrn Wallraff „Schwarz auf Weiß“, um das Thema anzugehen. Ich glaube, ich habe vorher noch nie so viele Afro-Deutsche oder Leute mit türkischem oder arabischem Background im Fernsehen gesehen. Und vor allem: Keine Trommelgruppen, sondern Professoren, sehr gebildete Menschen. Genau die muss man zeigen. Wir leben nicht in Zeiten von Roberto Blanco, sondern von Barack Obama.

Wie sollte man den Kampf gegen Rassismus in Deutschland am besten angehen?
Integration erreicht man nicht von jetzt auf gleich, das ist harte Arbeit. Wir müssen in den Schulen damit anfangen. Ich habe da immer die Vision, dass Neonazis in ihren Vereinen irgendwann mal ganz alleine dasitzen. Dass da keiner mehr hingeht, weil die Schüler alle gelernt haben, wie man mit dem Thema Rassismus umgeht. Wenn man das intensiv macht, dann kann ich mir vorstellen, dass wir irgendwann mal gut mit dem Thema umgehen können.

Das Interview führte Nadja Röll (ARTE Deutschland)


Link (Filmausschnitt)
http://www.mo-asumang-management.com/

Erstellt: 28-01-11
Letzte Änderung: 03-02-11